Papa, wie lang sind 90 Minuten?
Das 1x1 der Fußballwelt
(hpe).
Bei welchem Verein spielt Uwe Mujela? Wer zum Teufel ist Uwe Mujela? Noch nie
hat Karls Vater von dem Mann gehört. Dabei soll er ein bekannter Bundesligaprofi,
ja sogar deutscher Nationalspieler sein. Der Leser von Hajo Schumachers „Papa,
wie lang sind 90 Minuten?“ weiß da schon mehr. Nicht nach Uwe Mujela,
sondern nach (Patrick) Owomoyela hat Karl seinen Vater gefragt. Es ist nicht
das erste Mal, dass der zehnjährige Sohn seinen Vater als nicht so ganz
kompetent entlarvt.
Und es wird auch nicht das letzte Mal bleiben. Denn auf eins versteht sich Autor
Hajo Schumacher ganz besonders: Seinen Ich-Erzähler, den Vater, ein ums
andere Mal durch den Kakao zu ziehen. Einmal wird er ertappt, als er beim Fußballturnier
in die Büsche macht, ein anderes Mal schwatzt ihm ein geschäftiger
Sportartikelverkäufer eine sündhafte teure Ausstattung für den
Sohn auf. Der hat sich nämlich – trotz aller elterlichen Investitionen
in seine musikalische Früherziehung – fürs Kicken entschieden.
Damit beginnt eine augenzwinkernde Leidensgeschichte des Vaters, der vom Trikotwaschen
für die komplette Mannschaft bis zum teuren Jugendfußballcamp alle
Register zieht. Immer zum Wohle seines Karl, der das Talent nicht direkt in
die Wiege gelegt bekam.
Jeder Papa wird sich in diesem einen zumindest teilweise wieder erkennen, denn
einige der Episoden mögen zwar erfunden sein, andere stark übertreiben
– doch tendenziell sind sie alle irgendwie wahr. Welcher Vater hatte in
seiner aktiven Laufbahn nicht selbst mindestens einen Jugendtrainer, der jedes
Wochenende nur deshalb so frustriert neben dem Platz stand, weil er es zuhause
wahrscheinlich noch schlimmer hatte? Und welcher Vater kennt nicht den Triumph,
den er empfand, als sein Sohn ein entscheidendes Tor erzielte? Und sei es in
einem noch so unbedeutenden Spiel.
Das alles beschreibt Hajo Schumacher – selbst Vater zweier Söhne
– auf eine so muntere Art, dass sie einen immer weiter lesen lässt,
bis das – mit 21 nicht weiter bemerkenswerten Zeichnungen versehene –
Buch dann viel zu früh endet. Da kann man nur auf eine Fortsetzung hoffen.
Die müsste sich auch gar nicht mal um Fußball drehen. Denn „Papa,
wie lang sind 90 Minuten?“ ist kein klassisches Fußballbuch. Auch
(oder vielleicht gerade) Sportmuffel werden über die häufig abstrusen
Gedanken wie die Nutella-Verschwörung um Stars wie Kevin Kuranyi und Andreas
Hinkel lachen können. Wenn man philosophisch werden wollte, dann geht es
hier um das Erwachsenwerden, nicht etwa des Sohnes, sondern des Vaters. Und
dieser Prozess – das werden „die Erwachsenen“ wissen –
ist ja nie zu Ende. Schon deshalb also bitte eine Fortsetzung! Die könnte
vielleicht von Karls Pubertät handeln. Mädchen, Musik, Zigaretten
und so weiter. Da lauern viele weitere „Gefahren“ für Väter.
Ihr Auftrag, Herr Schumacher. Wir sind gespannt!
Autorenportrait:
Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, studierte Journalistik, Politologie und Psychologie.
Am Beginn seiner journalistischen Laufbahn hat er für die „Münstersche
Zeitung“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Spiegel“
als Sportreporter gearbeitet und dabei vom Dorf- bis zum Bundesligakick unzählige
Spiele verfolgt. Sein größter Coup: Der ehemalige Bayern-Stürmer
Jürgen Wegmann, Kampfname „die Kobra“, diktierte ihm den legendären
Satz in den Block: „Da fehlte nicht nur das Glück, da kam auch
noch Pech dazu.“ Er arbeitete von 1990 bis 2000 beim „Spiegel“,
zuletzt als Co-Leiter des Berliner Büros. Von 2000 bis 2002 war er Chefredakteur
der Zeitschrift „Max“. Er hat neben zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln
auch Bücher veröffentlicht und lebt als freier Autor mit seiner Frau
und seinen beiden Söhnen in Berlin.
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