Nirgendwo und überall zu Haus

Gespräche mit Überlebenden des Holocaust

Nirgendwo und überall zu Haus(alü). „Sehen Sie, wir Überlebenden haben alle dieselbe Geschichte durchgemacht. Und doch hat jeder sein ganz eigenes Schicksal.“ Wenn man „Nirgendwo und überall zu Haus“ mit einem, nein, mit zwei Sätzen beschreiben sollte, so gäbe es kaum treffendere Worte als jene von Ernest W. Michel. 24 Menschen, die den Holocaust überlebt haben, das sind 24 verschiedene Schicksale, 24 verschiedene Lebenswege und unzählbar viele Erinnerungen. Autor Martin Doerry und Fotografin Monika Zucht haben sich für „Nirgendwo und überall zu Haus“ auf den Weg quer durch Europa und Amerika gemacht, um die Geschichten und Erinnerungen von sowohl prominenten als auch von weniger bekannten Holocaust-Überlebenden festzuhalten. Was dabei entstanden ist, ist ein Buch, das mit beeindruckenden Zeitzeugenberichten anschaulicher als jedes Geschichtsbuch das Bild einer Zeit entwirft, die zwar vergangen aber nie vergessen sein wird.

Agnes Sassoon, Imre Kertész, Peter Gay, Adam Daniel Rotfeld, Heinz Berggruen, Ruth Klüger, Inge Deutschkron, Ralph Giordano, Saul Friedländer, Anita Lasker-Wallfisch, Alfred Grosser, Arno Lustiger und all die anderen, die in „Nirgendwo und überall zu Haus“ zu Wort kommen, waren noch Kinder. Sie überlebten, weil sie gemeinsam mit ihren Familien rechtzeitig emigrierten, weil sie sich versteckten oder flüchteten, oder auch einfach, weil sie trotz des unsagbaren Grauens im KZ einen winzigen Funken Glück und einen unsterblichen Lebenswillen hatten. Unglaublich erschreckend und einfach unvorstellbar ist das, was sie während der Nazi-Diktatur erlebten und wovon viele dieser „letzten Repräsentanten einer untergegangenen Welt des europäischen Judentums“ als Literaten, als Politiker, als Spendensammler oder auch als Sprecher vor Schulklassen und in Gemeinden berichten. In „Nirgendwo und überall zu Haus“ legen sie im Gespräch mit Martin Doerry ein weiteres Mal Zeugnis ab, versuchen, das Erlebte in Worte zu fassen, es zu werten und zu interpretieren, nicht ohne dabei auch einen kritischen Blick auf die Gegenwart zu werfen.

 

Und dass, obwohl es eigentlich keine Worte gibt, um den Holocaust zu beschreiben: „Bis heute habe ich bereits 47 Bücher über diverse Themen veröffentlicht. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich gerade erst angefangen habe und dass ich noch immer nicht die richtigen Worte gefunden habe …“, gesteht der amerikanische Publizist und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ein. „Daraus ergibt sich ein Dilemma: Darüber zu sprechen, ist unmöglich, darüber zu schweigen, verboten.“ Gegen das Schweigen scheinen Autor Martin Doerrys Fragen genau das richtige Mittel zu sein. Auf direkte, dabei aber immer äußerst taktvolle Art und Weise gelingt es ihm, seine Interviewpartner zum Erzählen zu bringen und selbst über ihre tiefsten Gefühle und seelischen Verletzungen ehrlich zu sprechen. So verschieden die einzelnen Gespräche dabei auch sein mögen, ziehen sich einige Themen wie ein rotes Band durch das gesamte Buch: Gott und der jüdische Glaube, Begriffe wie Heimat und Entwurzelung sowie das persönliche Verhältnis zu Deutschland und zu Israel. Auch die immer wieder auftauchenden Schuldgefühle der Überlebenden gehören zu den Dingen, mit denen sich scheinbar alle Betroffenen intensiv auseinandergesetzt haben.

 

„Nirgendwo und überall zu Haus“ ist trotz – oder gerade wegen – der vielen verschiedenen Gesprächspartner und deren unterschiedlichen Sichtweisen ein sehr persönliches Buch. Jedes einzelne der jeweils acht bis zwölf Seiten langen Gespräche im Interviewstil, mit den wichtigsten Lebensdaten und sehr ausdrucksstarken schwarz-weißen Portraitaufnahmen von Fotografin Monika Zucht versehen, erzählt eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die dem Leser das ungreifbare Ausmaß des düstersten Kapitels Deutschlands auf sehr eindringliche und beeindruckende Weise vor Augen führt. Und genau das ist wohl auch die Idee, die hinter „Nirgendwo und überall zu Haus“ steht. Nicht mehr lange wird es möglich sein, aus erster Hand und durch so authentische Stimmen, wie nur Zeitzeugen sie haben können, vom Holocaust zu erfahren. Dann wird die Erinnerung nur noch in Büchern schlummern. „Nirgendwo und überall zu Haus“ ist zwar auch ein Buch, aber eines, in dem die Erinnerung an den Holocaust durch die Worte der letzten Zeitzeugen lebendig bleibt. Und diese Lebendigkeit, die weder in Schulbüchern, noch in Berichten aus zweiter Hand zu spüren ist, ist unerlässlich, wenn es um die Erinnerung geht. Denn, um es mit Elie Wiesels Worten auszudrücken: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“

 

„Nirgendwo und überall zu Haus“ ist ein tief beeindruckendes und ergreifendes Zeugnis der letzten Überlebenden des Holocaust!

 

Autorenportrait:

Martin Doerry, geboren 1955, ist promovierter Historiker und studierte an den Universitäten in Tübingen und Zürich. Seit 1998 ist er stellvertretender Chefredakteur des „Spiegel“.

Illustratorenportrait:

Monika Zucht, geboren 1945, war von 1969 bis 2006 Fotografin für Titelbilder und Reportagen im „Spiegel“-Verlag.

Nirgendwo und überall zu Haus

Martin Doerry

Nirgendwo und überall zu Haus

Gespräche mit Überlebenden des Holocaust

Mit Fotos von Monika Zucht

Deutsche Verlags Anstalt, München

ISBN 3-421-04207-1

1. Auflage 2006, 264 Seiten, mit 56 s/w-Fotografien, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 22 x 27 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 39,90 (D) / € 41,10 (A) / sFr 69.-

Buch bestellen.

© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen

www.literaturtipp.com

Impressum