Nächte unterm Venusmond
Die bisher unveröffentlichten Tagebücher 1937-1939 von Anaïs Nin
(nas).
„O Anaïs, Anaïs, du Miststück, gerissen und flatterhaft,
spazierst, rennst, tanzt zwischen all diesen Männern hin und her, anbetend
und bewundernd, revoltierend und attackierend, mit Unschuld betrügend (...)“
– All diese Männer, das sind, abgesehen von spontanen kurzzeitigen
Abenteuern, in erster Linie Anaïs Nins Ehemann Hugh und ihre beiden Geliebten
Henry Miller und Gonzalo Moré. In „Nächte unterm Venusmond“,
den bisher unveröffentlichten Tagebüchern von 1937 bis 1939, berichtet
Anaïs Nin von ihrem Drahtseilakt, drei Männern gleichzeitig ihre Liebe,
ihren Geist, ihren Körper und ihr Geld zu schenken. Kulisse für dieses
kapriziöse Leben jenseits der bürgerlichen Moral ist das Paris der
späten dreißiger Jahre, mit seiner Kaffeehauskultur, dem blühenden
Leben in den Künstlervierteln, kleinen lichtdurchfluteten Ateliers und
der, mit Hausbooten romantische Zufluchtsorte gewährenden, Seine.
„Wie viel kann ich enthüllen? Ist kürzen das, was die Zensoren
von mir wollen, genug herausstreichen, um Henrys Glück zu bewahren? O Gott.“
„Ich werde sagen, es ist ein Traum. Ich werde mit Träumen beginnen
und alles schreiben: Analyse, sexuelle Erlebnisse, Inzest, Frevelhaftes, erotische
Phantasien, Wünsche. Ohne Einschränkung.“ – Ohne
Einschränkung? Nun, darüber, was in den Tagebüchern ihrer Phantasie
und was ihrem tatsächlichen Leben entspringt, streiten Literaturwissenschaftler
und Biografen der Anaïs Nin. Wer von uns ist schon rückhaltlos ehrlich?
Und wer würde nicht hier und da etwas weglassen, sei es um geliebte Menschen
nicht bloßzustellen, sei es um ein wenig geheimnisvoller oder liebenswerter
zu erscheinen? Fakt ist, Anaïs Nin hat ihre Tagebücher mehrfach überarbeitet,
gestrichen, ergänzt und für die Veröffentlichung umgeschrieben.
Was dabei herauskam ist nicht minder lesenswert. Ganz im Gegenteil: Ihre Sprache
ist stellenweise so lyrisch und bezaubert mit kreativen Wortschöpfungen,
dass sie zuweilen an die Poetin Else Lasker-Schüler erinnert. Sprachlich
gesehen ist die künstlerische Bearbeitung der Tagebücher demnach ein
großer Gewinn. Darüber hinaus bleibt Anaïs Nin sich treu, denn
es ist tatsächlich alles enthalten, was sie angekündigt hat.
Anaïs Nin liebt es, zu provozieren, Grenzen zu überschreiten, mit
Worten und mit ihrer Art zu leben. Leider überschreitet sie in ihrem Tagebuch
nicht die Grenzen der Ich-Bezogenheit. Sie eröffnet dem Leser das Universum
ihrer Gefühle, dessen Gefangene sie ist. Ihre Gedanken ziehen endlos scheinende
Kreise um die Empfindungen für ihre Männer, um ihr eigenes Wesen,
nur leider kreisen sie sehr selten und meist oberflächlich um die Umstände
ihrer Zeit, die das Gesicht der Welt veränderten. So bleibt „Nächte
unterm Venusmond“ das persönliche, intime Zeugnis einer Frau, die
ihr Leben nahezu unabhängig von den sie umgebenden politischen Bedingungen
und Ereignissen zu leben schien.
„Er schreibt mir einen Brief, als hätte er einen Anfall von Geistesgestörtheit
gehabt. Seine Wutausbrüche sind anbetungswürdig und übertrieben
zugleich.“ – Er, das ist Henry Miller, der später erfolgreiche
Schriftsteller, dessen Geliebte und Muse Anaïs Nin für einige Jahre
zu sein entschied. In ihrem Tagebuch porträtiert sie ihn und zahlreiche
andere Künstler, darunter Schriftsteller, Maler, Fotografen, Pianisten
und Tänzerinnen, wie es nur jemand kann, der sein Leben mit ihnen verbrachte.
Besonders im Fall Henry Millers gewährt Anaïs Nin wertvolle Einblicke
in Leben und Arbeit dieses Schriftstellers und in sein künstlerisches Umfeldes,
die auch aus literaturhistorischer Sicht von Interesse sind. Der Reiz dieses
leider mit zu vielen Druckfehlern versehenen Buches besteht daher nicht nur
aus amourösen Abenteuern, sondern auch aus ansprechenden Charakterstudien
der Künstler, deren Kurzbiografien im Buchanhang zu finden sind.
„Ich bin gezwungen zu bezaubern, zu verführen. Sobald ich vor
einem Menschen stehe, entfalte ich mich, öffne ich alle meine Trickkisten,
ohne Böses zu denken. Ich handle aus dem unwiderstehlichen Drang, zu bezaubern,
selbst wenn ich es gar nicht will“, schreibt die große Verführerin.
Doch es gäbe noch viel mehr über die Frau mit dem exotischen Namen
zu sagen. Wer war sie wirklich? Eine mögliche Antwort gibt sie selbst:
„Ich liebe Menschen so vollständig, dass ich wirklich alles sein
will.“ Wie konsequent sie dies in die Tat umsetzte, erfährt
man in „Nächte unterm Venusmond.“
Lassen Sie sich von inspirierenden Worten in den Bann ziehen, mitten hinein
in das amouröse Leben der Anaïs Nin!
Autorenportrait:
Anaïs Nin wurde am 21. Februar 1903 als Tochter einer Dänin und eines
spanischen Musikers in Paris geboren. Sie wuchs in New York auf, wo sie bereits
als Elfjährige mit dem Verfassen ihrer Tagebücher begann. Verheiratet
mit dem englischen Bankier Hugh Guiler, war sie gleichzeitig Gefährtin
und Muse berühmter Zeitgenossen. So unterhielt sie unter anderem eine intensive
Beziehung zu Henry Miller. Neben ihren Romane und Kurzgeschichten gelangte sie
vor allem durch ihre Tagebücher zu literarischem Weltruhm. Anaïs Nin
starb 1977 in Los Angeles.
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