„Liebes Herz!“

Hermann Hesses Briefwechsel mit seiner zweiten Frau Ruth

„Liebes Herz!“(mkb). Hermann Hesse war dreimal verheiratet, die zweite Ehe mit der 20 Jahre jüngeren Sängerin Ruth Wenger taucht allerdings in Biografien um den Dichter nur am Rande oder gar nicht auf. „Ausgelöscht“, stellte Ruth Wenger einmal betrübt fest. Dabei hatte die Beziehung so aussichtsreich begonnen, schienen sich zwei Seelenverwandte gefunden zu haben. Ein reger Briefwechsel ging daraus hervor, viele eingeleitet mit „Liebes Herz!“. „Liebes Herz!“ ist auch der von den Herausgebern Ursula und Volker Michels gewählte Titel zu dem veröffentlichten Briefwechsel, der ein geradezu erschütterndes Bild eines Dichters hinterlässt, dessen Genie wohl doch näher am Wahnsinn gestanden haben muss, als man sich das eingestehen mag.

Hermann Hesse widmete Ruth Wenger zahlreiche Gedichte, hat ihr Wesen und seine Gefühle in „Klingsors letzter Sommer“ und „Piktors Verwandlung“ eingewoben, in der Hoch-Zeit ihres Beisammenseins eines seiner wichtigsten Werke vollendet: „Siddhartha“. Dennoch blieben die Zusammentreffen der Liebenden vorwiegend distanziert und kühl, schien die Nähe nur im Briefwechsel und in Dichtungen möglich, war die körperliche Nähe überwiegend vom Alltag und den psychischen Problemen Hermann Hesses überschattet. Die Liebesbriefe, die irgendwann zum scheinbar flüchtigen Austausch zwischen zwei Bekannten werden, offenbaren zwischen den Zeilen die tiefen Abgründe des erfolgeichen Autors, die ihn Zeit seines Lebens auf dem schmalen Grat zwischen Lebensmut und Todesverlangen haben balancieren lassen.

Keine Biografie hat vom Dichter je so ein wahrhaftiges Bild gezeichnet wie dieser intime, emotionale Briefwechsel zwischen dem „einsamen Wolf“ Hermann Hesse und der jungen Sängerin, deren Ehe bereits nach knapp vier Jahren in Scherben gelegen hat. Verarbeitet hat der Schriftsteller das Scheitern dieser zweiten Ehe in „Der Steppenwolf“, sein literarischer Gang zwischen Leben und Tod, zwischen Glück und Unglück, wohl eines seiner bittersten Werke.

Als Ruth Wenger 1919 Hermann Hesse begegnete, war sie 23 Jahre alt. Die aufblühende Liebe in ihr traf auf einen Mann Anfang 40, der sich durch eine schwere Midlifecrisis quälte, gerade aus seiner ersten Ehe mit Mia Bernoulli flüchtete, bindungsscheu geworden, ein einsames Leben führte. In naivem Enthusiasmus ließ sich das Mädchen Ruth auf etwas ein, dessen Ausmaß sie nicht überblicken konnte. Nicht nur erduldet Ruth Wenger im Verlauf dieser Beziehung und Ehe getrennte Räumlichkeiten, Zimmer und Betten, sondern ebenso sah sie sich der Willkür einer labilen Psyche ausgesetzt, der sie auf Dauer nicht gewachsen war. Die Enttäuschung und das langsame Sterben einer Liebe setzte bereits mit der Eheschließung 1923 ein, und die Entfremdung nahm ihren Lauf: „Die Tage wo man zusammen ist, sollten auf die Weise immer Festtage sein, und sind sie es nicht, weil man nach 3 Jahren nicht mehr so verliebt ist wie ein neues Brautpaar, dann wird es so wie an Weihnachten“, schrieb Ruth in einem ihrer Briefe an den Ehemann und verwies damit auf Weihnachten 1922, als Hermann Hesse ohne ersichtlichen Grund und ohne Abschied aus der Gastfreundschaft ihrer Eltern und einem der wenigen Treffen ausgebrochen war. Nach Bedarf hervorgeholt und wieder wegsteckt, wenn er ihrer überdrüssig geworden war, fühlte sich Ruth und umschreibt ihre Naivität frei nach Goethe: „Wenn eine Frau die Dichterphantasie für Wirklichkeit nimmt, erlebt sie eine Tragödie.

„Liebes Herz!“ ist die Zusammenfassung eines unglücklichen Versuchs, aus einer Seelenverwandtschaft eine lebenslange Bindung zu schaffen, die schließlich als eine Art Strohfeuer vor dem Leser steht: „Die Begegnungen im Tessin waren jedesmal ein Fest gewesen, aber jetzt in der Stadt, im Winter, unter den von Hesse selbst gewählten falschen Voraussetzungen für eine Ehe, war die Zeit der Feste vorbei.

Der einleitende Überblick der Herausgeber Ursula und Volker Michels, das abschließende Zeugnis Ruth Wengers, die Fotografien verbunden mit den persönlichen Briefen in dieser Zeit machen „Liebes Herz!“ zu einer Biografie die dort einsetzt, wo herkömmliche Biografien nur selten eindringen: in dem Menschen außerhalb seiner Erfolge.

„Liebes Herz!“ ist ein hervorragendes Buch, das sich leicht liest und doch eindrücklich die Aussichtslosigkeit dieser Seelenverwandtschaft aufzeigt!

Autorenportrait:
Hermann Hesse wird am 2. Juli 1877 in Calw in Württemberg als Sohn eines Missionars und der Tochter eines Indologen geboren. Nach einer Buchhändlerlehre in Tübingen war er seit 1904 freier Schriftsteller, zunächst in Gaienhofen am Bodensee, später ließ er sich im Tessin nieder. Er wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er ist einer der bekanntesten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Hermann Hesse stirbt am 9. August 1962 in Montagnola bei Lugano.

„Liebes Herz!“

Ursula und Volker Michels (Hrsg.)
„Liebes Herz!“
Hermann Hesses Briefwechsel mit seiner zweiten Frau Ruth
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-518-41725-8
1. Auflage 2005, 646 Seiten, mit 27 s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 29,80 (D) / € 30,70 (A) / sFr 52,70

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