Leuchttürme, landeinwärts
Drei Erzählungen aus dem modernen Israel
(mag).
Der Sammelband „Leuchttürme, landeinwärts“ enthält
drei Erzählungen der israelische Autorin Judith Katzir, in denen die Menschen
ausgelöst durch eine Enttäuschung sich ihren Erinnerungen stellen
und sich auf die Suche nach einem neuen Anfang machen.
In der Titelgeschichte „Leuchttürme, landeinwärts“ befindet
sich der Anwalt Reuven Schafir kurz vor seiner Pensionierung. Ausgelöst
durch ein verpasstes Treffen mit seinem Sohn, geht er in Gedanken versunken
durch Tel Aviv. Er erinnert sich an die verschiedenen Stationen seines abenteuerlichen
Lebens und die Menschen, die ihm nahe stehen. Seine kleine Odyssee führt
ihn am Ende des Tages zu einem unerwarteten Neuanfang. Reuven Schafir erkennt,
dass er in seinem Leben geliebte Menschen vernachlässigt hat, dass es aber
nicht zu spät ist, sich um die Menschen, die ihm etwas bedeuten, zu kümmern.
In der Geschichte stecken einige Anspielungen auf Motive aus Homers Odyssee.
Man muss die Geschichte der Antike nicht kennen, um die Erzählung von Judith
Katzir mit Genuss zu lesen. Für den Leser, der die Charaktere kennt, ist
es aber ein großer literarischer Spaß. Der besondere Reiz der ersten
Geschichte „Leuchttürme, landeinwärts“ besteht in der
Verknüpfung des modernen Israels und der Familiengeschichte von Reuven
Schafir (vormals Spitzer) mit der wechselvollen Geschichte Israels und den Juden
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auch die zweite Erzählung „Und die Wolken, sie ziehen und ziehen“
ist eine Familiengeschichte. Eine Künstlerin flieht vor ihren Problemen
in die Stadt ihrer Kindheit. In Haifa will sie Abstand gewinnen zu ihrer künstlerischen
Schaffenskrise und dem erfolglosen Bemühen um ein zweites Kind. Sie läuft
durch die Stadt, betrachtet die altvertrauten Orte und sucht nach ihrer Jugendfreundin
Naomi, die sie vor Jahren aus den Augen verloren hat. Schließlich ringt
sie sich dazu durch, ihre alte Tante Ruth und ihren ehemaligen Geliebten aus
Schulzeiten zu besuchen. In der Begegnung mit der Vergangenheit findet sie Impulse
für ihr zukünftiges Handeln.
Die dritten Geschichte „Brief an Amindav: Eine Familienetüde“
erzählt die Geschichte der Großmutter, die in den 1930er Jahren in
Deutschland studiert hat und nach einer enttäuschten Liebe nach Israel
zurückkommt. Die Erzählung wird aus der Perspektive der Enkel erzählt.
Da die Geschichte auch die Briefe, die die Großmutter an ihren zukünftigen
Mann geschrieben hat, enthält, ergibt sich eine interessante Spannung zwischen
den wirklichen Ereignissen und den Informationen, die die Enkel haben. Die Enkel
erfahren eben nicht alles, was ihre Vorfahren erlebt und gedacht haben.
Judith Katzir hat die drei Geschichten aus dem Band „Leuchttürme,
landeinwärts“ in einem sehr eigenen Stil geschrieben. Die Autorin
schreibt sehr lange, stark verschachtelte Sätze. Barbara Linner hat die
Texte aus dem Hebräischen gut verständlich übersetzt. Der Leser
muss sich am Anfang jeder Geschichte erst einmal in den Stil und die Handlung
einlesen. Judith Katzir ist eine Meisterin der virtuos konstruierten Rückblenden,
was beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Nach wenigen Seiten versinkt man
dann in diesen wunderbaren ausschweifenden Stil, der sehr gut zu den verwobenen
Gedanken der Protagonisten passt, und bedauert sehr, dass die Geschichten so
kurz sind.
„Leuchttürme, landeinwärts“ ist ein anspruchsvoller Erzählband,
der den Leser ins moderne Israel und zu interessanten Menschen führt!
Autorenportrait:
Judith Katzir, 1963 in Haifa geboren, lebt heute in Tel Aviv. Die Autorin zählt
neben Zeruya Shalev zu den wichtigsten neuen Stimmen aus Israel. Mit ihrem Buch
„Matisse hat die Sonne im Bauch“ hat sie sich beim deutschen Lesepublikum
einen Namen gemacht.
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