Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

AIDS-Kranke in Afrika schreiben ihr Leben auf

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt(mkb). In Deutschland wird über AIDS diskutiert, man ist betroffen, und doch scheint AIDS als ein Virus betrachtet zu werden, den sich immer ausschließlich die anderen zuziehen. In Afrika diskutiert man über AIDS und ist selbst betroffen, weil HIV ein Teil ihres Alltags geworden ist, viele aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung einem qualvollen Tod gegenüberstehen. Autor Henning Mankell bricht in „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ ein unausgesprochenes Tabu, lässt Menschen zu Wort kommen, die selbst ein Opfer der Krankheit geworden sind und ein Erinnerungsbüchlein verfasst haben, das den Hinterbliebenen überliefern soll, was sie selbst ihnen nicht mehr werden erzählen können.

Einmal habe ich es gesehen. Das Gesicht einer Person, kurz nachdem sie Bescheid bekommen hat, daß sie infiziert ist. Aber ich habe es nicht nur ihrem Gesicht angesehen. Der Schmerz und der Schock steckten in ihrem ganzen Körper. Die Füße schrien, die Arme kämpften verzweifelt, um nicht verrückt zu werden, obwohl sie ihr an den Seiten herabhingen.“ Sie ist 19 Jahre alt, steht am Anfang des Lebens, das sich an diesem Punkt bereits dem sicheren Ende zuneigt. 19 Jahre alt und damit konfrontiert, auf dem „falschen“ Teil der Erde geboren worden zu sein: Dort, wo kein Geld für die notwendigen Medikamente vorhanden ist, damit die Infizierten leben können. Ein Mädchen, das schon viele Male das Hinscheiden anderer gesehen haben muss, vielleicht selbst ein Erinnerungsbüchlein an ihre verstorbenen Eltern hütet.

 

Sie nennen es „Memory Book“, bereiten darin für die Nachkommen alles auf, das ihr Leben gewesen ist. Die aufgezeichneten Erinnerungen von Christine Aguga sind in diesem Taschenbuch abgedruckt und geben das wieder, was in der Regel der Elternteil irgendwann seinen Kindern in kleinen, dosierten Anekdoten präsentiert. Dann, wenn die Zeit dazu reif ist. Christine hatte nicht den Luxus der Zeit, musste ihre Erinnerungen, von Katrin Hillguber aus dem afrikanischen Englisch übersetzt, in 36 Seiten zusammenfassen, immer in der stillen Hoffnung, nichts Wichtiges vergessen zu haben. Ein Erinnerungsbuch mit dem bitteren Beigeschmack, dass auch ihm ein positiver HIV-Test vorausgegangen ist.

 

Der Kauf von „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“, aus dem Schwedischen von Verena Reichel übersetzt, unterstützt mit dem Reingewinn nicht nur direkt das Aidsprojekt von „Plan International“ in Uganda, sondern gibt AIDS mit der literarischen Nähe zu Erkrankten ein Gesicht. Mit dieser Nähe wird aus schnell vergessener Betroffenheit ehrliche Anteilnahme. In diesem Sinne dient das Nachwort unserer Bundesministerin Ulla Schmidt auch dieser Rezension als abschließender Gedanke, der im Herzen getragen für eine faire Globalisierung stehen könnte: „Von ihnen können wir lernen, daß eine Gesellschaft ein Stück weit menschlicher wird, wenn das Verantwortungsprinzip zum Leitfaden des eigenen Handelns wird.

 

„Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ klärt dort auf, wo die Aufklärung in der Regel aufhört: Bei Menschen, die den HIV-Virus in sich tragen und bei Völkern, die nicht über die Möglichkeit verfügen, die weitere Verbreitung der Krankheit nachhaltig zu unterbinden. Henning Mankell hat ein wichtiges und tief berührendes Buch im Kampf gegen AIDS geschaffen!

Autorenportrait:

Henning Mankell, geboren 1948 in Härjedalen, ist einer der angesehensten und meistgelesenen Schriftsteller in Schweden. Seit Ende der sechziger Jahre ist er als Autor, Theaterregisseur und Intendant tätig. Allein in Deutschland erreicht die Gesamtauflage seiner Bücher mittlerweile 11 Millionen. Seine Bücher wurden bisher in über 20 Sprachen übersetzt. Für sein umfangreiches Werk erhielt er zahlreiche Preise, u.a. von der „Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur“, den „Deutschen Jugendbuchpreis“ (1993), den „Astrid-Lindgren-Preis“ (1996), die „Corinne“ 2001 und 2002 sowie den „Deutschen Bücherpreis“ (2003). Er lebt in Maputo, Mosambique, wo er das „Teatro Avenida“ leitet. Mehrere der Wallander-Romane wurden verfilmt.

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Henning Mankell

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel

Aus dem afrikanischen Englisch von Katrin Hillgruber

Deutscher Taschenbuch Verlag, München

ISBN 3-423-13479-8

1. Auflage 2006, 143 Seiten, Taschenbuch, Format 19,5 x cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 7,50 (D) / € 7,80 (A) / sFr 13,50

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