Happy Valley

Eine Verwechslungsgeschichte aus dem afrikanischen Nirgendwo

Happy Valley(jaf). Manchmal ist es, als würde man auf den Seiten eines Buches transportiert werden in eine andere Welt. Lesen ist Reisen. Und mit „Happy Valley“, von dem kenianischen Autor Meja Mwangi, geht es direkt ins tiefste Afrika, mitten hinein in einem kleinen Ort, der im Grunde so ist, wie ihn sich der gemeine Westeuropäer als Klischee vorstellen dürfte: Hier gibt es kaum Zivilisation, im einzigen Krankenhaus des Ortes arbeiten zwei Schwestern, kein Arzt, man fährt Fahrrad statt Auto, hält Hühner, Ziegen, Schafe. Es herrschen uralte Traditionen, und die Menschen leben ein einfaches, an die Natur angepasstes Leben.

Der eigentliche Plot in diesem urafrikanischen Mikrokosmos bewegt sich nun haargenau entlang all dieser Vorgaben: Toma Tomei will Chief seines Clans werden; doch dazu muss das nächste Kind seiner Frau Grace unbedingt ein Sohn sein – nach den neun Töchtern, die sie bereits haben. Das Kind kommt zur Welt, in einer dunklen Nacht, als im Krankenhaus der Generator ausfällt. Es ist ein Junge, Gott sei’s gedankt; doch entspricht er so gar nicht jenen Erwartungen, die Tomei an seinen Sprössling hat: Er hat grüne, schmale Augen – und ist obendrein weiß. Grace und auch die Schwestern haben den Kleinen sofort ins Herz geschlossen. Tomei allerdings ist verzweifelt. Er sucht den Hexer Muti auf, der allerdings „nebenbei“ noch für Noah, Tomeis großen Widersacher im Run auf den Clan-Thron, im Einsatz ist. Muti versucht, beiden zu dienen und rät zu allerlei giftigen Tinkturen und beschwörerischen Ritualen: Tomei solle glauben, dass sein Sohn doch noch werde wie er, tatsächlich jedoch soll der Junge sterben – damit Noahs Weg frei ist. Aus all dem Kampf um Männlichkeit, vermeintliches Ehrgefühl und Macht geht schließlich eine siegreich hervor: Grace, die sich mit großer Klugheit schützend vor den Jungen stellt. „Happy Valley“ ist nämlich die Geschichte einer (fatalen) Verwechslung. Ob das Kind mit den Katzenaugen wieder zu seiner leiblichen Mutter zurück findet, sei natürlich nicht verraten.

Der mehrfach preisgekörnte Autor Meja Mwangi ist ein geschickter Erzähler. Er holt den Leser ab, geleitet ihn behutsam durch eine fremde Welt und wirbt um Verständnis. Sehr subtil ist seine Erzählweise, fast zärtlich die Ironie, mit der er Brüche und Unzulänglichkeiten entlarvt. „Kraftlos schwang sich ein einsames Telefonkabel über vier schwarze Masten hinweg (...), am Anfang und am Schluss seines kurzen Ausflugs von den Gebäuden zum Eingangstor baumelten die beiden Kabelenden in der Luft“, schreibt er, um dann festzustellen: „Die meisten Patienten wie auch die Mehrzahl der Besucher begriffen nicht, was offensichtlich auf der Hand lag. Und auch die Oberschwestern nutzten das Telefon. Sie beruhigten aufgeregte Patienten, indem sie in Nairobi Ärzte anriefen, die es überhaupt nicht gab.

Schmunzeln lässt „Happy Valley“ viel, herzhaftes Lachen sollte man aber nicht erwarten. Immerhin: Das Leben des Kindes stand auf Messers Schneide, es hätte auch fast geopfert werden können für die Eitelkeit zweier Menschen. Daneben zeichnet Meja Mwangi das befremdliche Bild einer Ehe; Kommunikation über lebensentscheidende Fragen findet zwischen Grace und Tomei nicht statt, tiefe Zuneigung nach einer Geburt, Fürsorge, Herzlichkeit – all das fehlt zwischen den Eheleuten, die insbesondere eines trennt: der Glaube an den Aberglauben.

In westlichen Gefilden hätte das Problem des Zweifels ob der Vaterschaft leicht geklärt werden können; in der beschriebenen traditionalistischen Gesellschaft ist das allerdings eine undenkbare Option. Da wird in düsteren Höhlen mit Knochen gewürfelt und mit Tinkturen bepinselt, beschwört und beklagt – oder eine schaurige Zeremonie am Weinenden Fels als Lösung avisiert: „Tomei hatte schon oft an Zeremonien am Weinenden Fels teilgenommen. Er hatte gesehen, wie die Kranken gesund wurden und die Toten wieder aufstanden und davonschritten. Er hatte sogar erlebt, dass an einem klaren Sonnentag Regen niedergegangen war. Aber noch niemals hatte er gesehen oder gehört, dass jemandem der Kopf abgeschlagen worden war, um ihn von einem Übel zu befreien.

Wie durch ein Schlüsselloch gibt „Happy Valley“ den Blick frei auf diese Welt, die so fremd und anders ist. Es ist eine launige Geschichte in Happy Valley, ebenso verständnisvoll wie in gebührender Entfernung betrachtet, kurzweilig erzählt in einer Sprache, die wunderbar klar und voll tiefer Schönheit ist – was mit Sicherheit auch der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Brückner zu verdanken ist.

Eingezwängt wie ein ungebetener Gast bei einer Clanversammlung drängte sich die Kirche zwischen das Dorf und die Hügel“, schreibt Meja Mwangi bildgewaltig über die einzige Kirche – herrlich inszeniert übrigens als Gegenentwurf zur Welt des puren Aberglaubens – im Dorf. „Sie war riesig. Ein strohgedecktes Gebäude, das in mondhellen Nächten wie ein weidender Elefant aussah.“ Wer also nicht mitfährt nach „Happy Valley“, ist selber schuld.

Autorenportrait:
Meja Mwangi, 1948 in Nanyuki/Kenia geboren, ging nach dem Abitur zur „French Broadcasting Corporation“. Seit dem Erfolg seines ersten Romans „Kill me quick“ (1973), arbeitete er als freier Schriftsteller, häufig auch als Drehbuchautor in Kenia, Europa und Westafrika. Er wurde u.a. ausgezeichnet mit dem „Jomo Kenyatta Award“ (1973), dem „Adolf-Grimme-Sonderpreis“ (1982) und dem „Deutschen Jugendliteraturpreis“ (1992).

Happy Valley

Meja Mwangi
Happy Valley
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Peter Hammer Verlag, Wuppertal
ISBN 3-7795-0051-5
1. Auflage 2006, 151 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 16,90 (D) / € 17,40 (A) / sFr 30,10

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