Gib mir Küsse, gib mir Wonne

Frivole Gedichte von Heinrich Heine

Gib mir Küsse, gib mir Wonne(jaf). Zugegeben: In einer Zeit, da die meisten Spielarten der Sexualität eine gute Portion Voyeurismus und ein gerüttelt Maß an wohldosierten Obszönitäten in Literatur, Film und Bildender Kunst schon längst keinen Tabubruch mehr darstellen, vermögen solche Zeilen kaum zu schockieren: „Es war einmal ein Teufel, / Ein Teufel gar und ganz; / Da kam eine kleine Äffin, / Die zog ihn an den Schwanz. / Sie zog und zog so lange, / Ihm ward er wußt nicht wie; / Er jauchzte und er brüllte, / Er gab ihr drei Ecü. (Anm. Tirer la queue du Diable heißt Geld verlangen).“ Als Heinrich Heine diese Verse jedoch schrieb, da war dies an Frevelhaftigkeit kaum zu überbieten – eine Veröffentlichung zu seinen Lebzeiten war ausgeschlossen.

Zum 150. Todestag Heines hat sich nun Jan-Christoph Hauschild die Mühe gemacht, 77 von Heines „frivolen Gedichten“ zusammen mit einem ausführlichen Begleittext – stilvoll betitelt als „Am Leitfaden des Unterleibes. Fingerzeige auf einen Texterotiker“ – zu edieren. Nicht, dass diese Werke bisher nicht veröffentlich wurden – selbst, wenn sie es jahrzehntelang schwer hatten und manche von ihnen erst in den 1960er und 1970er Jahren Eingang in Gedichteditionen fanden, wovon die Werkanmerkungen im Anhang erzählen, präsentiert diese Sammlung an sich nicht zuerst etwas Neues. Doch auf das Gesamtkonzept kommt es an: Denn der Herausgeber nimmt den „frivolen“ Heine, den unersättlich Kecken und wirbelnd Leidenschaftlichen, der mit frechem Sprachwitz, schelmischer Koketterie bis hin zu kreativer Lüsternheit daherkommt, sich des weiblichen Geschlechts, der Dirnen wie Damen aus gutem Hause berauscht und an den zahllosen Wonnen berauscht – und positioniert diesen einst so ungeheuer provokativen Werkteil in Augenhöhe mit Heines politisches und romantischen Liebes-Schriften.

Der im vergangenen Jahrhundert zum „Klassiker“ avancierte Heinrich Heine erstrahlt dabei in einem ungemein satten Farbklang: Heines subversiver Elan kommt dadurch mit einem Höchstmaß zum Vorschein, wird so doch umso deutlicher, wie konsequent Heine sich seinerzeit eine bis dato ungekannte Form des Freigeistes auf die Fahnen geschrieben hatte. Nichts war dem Dichter heilig. Für die Mehrzahl seiner Zeitgenossen waren die Themen Nation, Religion und Liebe Felder, die der Kritik, der Satire, einer eigenen, individuellen Sichtweise entzogen waren. Heine brach diese Tabus.

Das Vaterland und die Religion, / Das sind nur Kleidungsstücke - / Fort mit der Hülle! Fass ich ans Herz / Den nackten Menschen drücke“, lautet eine Strophe auf Heines „Lied der Marketenderin (Aus dem dreißigjährigen Krieg)“, spöttelt er – und bereitet mit dieser ebenso respektlosen wie für einen aufgeklärten Geist notwendigen Haltung den Boden für viele seiner Epigonen. Ohne Heines Sägen an den Stuhlbeinen des Sakrosankten, so ließe sich überspitzt behaupten, hätten es Figuren wie ein Brecht, ein Harald Schmidt, wahrscheinlich auch Houellebecq oder Schlingensief schwer gehabt.


Insofern gilt es also, die neckischen Schlüpfrigkeiten Heines zusammen mit Jan-Christoph Hauschilds wunderbar zusammengetragenen Informationen (und der übersichtlichem Gedicht-Index) über die Heineschen Liebschaften, seinen Provokationen und der Entwicklung seines Werkes mit einem guten Glas Wein zu goutieren. Es lohnt sich sehr. Und so sei im Heineschen Sinne dafür und für alle anderen Lebenslagen gewünscht: „Himmlisch wars, wenn ich bezwang / Meine sündige Begier, / Aber wenn’s mir nicht gelang, / Hatt ich doch ein groß Pläsier.

Autorenportrait:
Heinrich Heine, geboren am 13. Dezember 1797 (Datum unsicher) in Düsseldorf. Schulzeit und kaufmännische Ausbildung in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Hamburg; anschließend Jurastudium in Bonn, Berlin und Göttingen. 1825 Promotion zum Dr. jur., 1831 Übersiedlung nach Paris. Seit 1841 verheiratet mit Augustine (genannt Mathilde) Mira. Heinrich Heine starb am 17. Februar 1856 in Paris.

Herausgeberporträt:
Jan-Christoph Hauschild, geboren 1955 in Leinsweiler bei Landau (Rheinland-Pfalz), Studium der Germanistik und Geschichte, 1984 Promotion, 1980-1986 wissenschaftlicher Redakteur der Historisch-kritischen Heine-Ausgabe, seit 1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf und freier Autor.

Gib mir Küsse, gib mir Wonne

Heinrich Heine
Gib mir Küsse, gib mir Wonne
Frivole Gedichte
Herausgegeben von Jan-Christoph Hauschild
Aufbau Verlag, Berlin
ISBN 3-351-03038-X
1. Auflage 2005, 166 Seiten, Klappenbroschur.
Unverbindliche Preisangabe: € 10.- (D) / € 10,30 (A) / sFr 18,50

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