Ex Libris
Bekenntnisse einer Bibliomanin
(dsz).
Zu welcher Sorte Leser gehören Sie? Behandeln Sie ihre Bücher würdevoll,
wie kleine Schätze, die gepflegt und schön anzusehen im Regal stehen?
Oder zerknicken Sie die Buchrücken, lassen die Exemplare offen liegen und
fügen den Seiten womöglich noch Eselsohren hinzu? Verwenden Sie Lesezeichen?
Wenn ja, welcher Art? Alte Quittungen oder spezielle Postkarten und Fotos, die
an bestimmte Situationen erinnern? – Es gibt verschiedene Arten, ein Buch
zu lesen. Und es gibt verschiedene Arten von Lesern. Nämlich Leser, die
ihre Bücher auf die „ritterliche Weise“ lieben. Für
sie ist die „Persönlichkeit des Buchs unantastbar“.
Andere wiederum glauben an die „körperliche Liebe“.
Ihnen ist die physische Erscheinung eines Buches nichts wert. Autorin Anne Fadiman
zieht die körperliche Liebe vor.
Anne Fadiman ist bekennende Bibliomanin. Ihr Leben dreht sich nur um Bücher.
Schon als Kind hat sie mit ihren Eltern ein familieninternes bibliophiles Quiz
veranstaltet, hat in Zeitungen und Katalogen nach Druckfehlern gesucht und Wortungeheuer
sowie Bandwurmwörter ausfindig gemacht. Von klein auf ist sie mit der Leseleidenschaft
der Eltern aufgewachsen und hat nun ihre Erlebnisse – und Bekenntnisse
– in der Essaysammlung „Ex Libris“ selbstironisch reflektierend
zusammengefasst. „Als Vierjährige baute ich für mein Leben
gern Schlösser unter Verwendung der zweiundzwanzigbändigen Trollope-Ausgabe
meines Vaters in handlichem Kleinoktavformat. Mein Bruder und ich besaßen
auch Bauklötze, doch die Trollope-Bände waren wesentlich attraktiver:
mitternachtsblau, in der richtigen Größe für Kinderhände
und dank ihrer Flachheit weit besser als Bauklötze für das Errichten
von Toren und Ziehbrücken geeignet. Inzwischen besitze ich sie.“
Aus jedem einzelnen Aufsatz spricht Anne Fadimans Liebe zum Buch, die geneigte
Leser sicherlich an vielen Stellen teilen können. So zum Beispiel die Tatsache,
dass Bücher das Privatleben beeinflussen können und dass bestimmte
Situationen an literarische Vorbilder erinnern oder sogar in ihnen wieder zu
finden sind. Und was passiert, wenn zwei Buchliebhaber heiraten und ihre Bibliotheken
vereinen müssen? Wessen Ausgabe von „Madame Bovary“ wird weggegeben,
welche behalten? In „Ex Libris“, aus dem Amerikanischen von Melanie
Walz übersetzt, sind solche Erzählungen eng verbunden mit dem Privatleben
der Autorin, über die man durch ihre Essays viel Interessantes erfährt.
Stark zu spüren ist die Liebe, mit der Anne Fadiman mit Büchern, Schrift,
Sprache, Papier und Schreibutensilien umgeht. Ihr Wissen bringt sie anekdotenhaft
in die Lektüre ein und schafft somit ein aufschlussreiches Gesamtbild.
„Als Sir Walter Scott einmal auf der Jagd war, fiel ihm plötzlich
eine Wendung ein, die er den ganzen Vormittag zu formulieren versucht hatte.
Bevor er sie vergessen konnte, schoss er eine Krähe, riss ihr eine Feder
aus, spitzte den Kiel an, tauchte ihn in das Blut des Vogels und hielt die Wendung
fest.“
Doch nicht nur Anne Fadimans Vorlieben in Bezug auf die passende Lektüre
werden erörtert, die Autorin befragt auch Familie, Freundes- und Bekanntenkreis
nach Vorlieben und Eigenheiten. Und in den einen oder anderen Charakterzügen
finden sich andere Bibliomanen, die „Ex Libris“ zur Hand nehmen,
mit Sicherheit wieder. Ob sie dieses Buch dabei zerknicken oder ritterlich behandeln,
ist jedem selbst überlassen.
Autorenportrait:
Anne Fadiman stammt als Tochter des Schriftstellers und Gründers des berühmten
„Book Of The Month Club“, Clifton Fadiman, selbst aus einer bibliophilen
Familie. 1997 wurde sie mit dem „National book Cirtics Circle Award“
ausgezeichnet. Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift „The American Scholar“
und publiziert u.a. in „The New Yorker“, „Harper’s Bazaar“,
„Life“ und „New York Times“. Sie lebt mit ihrer Familie
in Massachusetts.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg