Ein Tag mit Herrn Jules
Die Geschichte eines ganz eigenen Abschiedes
(mag).
Als Alice an einem winterlichen Morgen aufwacht, ist es zunächst ein Tag
wie jeder andere in der jahrzehntelangen Ehe mit Jules. Der Kaffeeduft zieht
durch die Wohnung und sie kuschelt sich noch einmal unter ihre warme Decke.
In ihrem Roman „Ein Tag mit Herrn Jules“ beschreibt die niederländische
Autorin Diane Broeckhoven, wie dieser Tag für Alice zu einem ganz besonderen
Erlebnis wird. Vorgelesen wird das Hörbuch von Eva Mattes.
Als Alice aufsteht, um mit ihrem Ehemann wie jeden Morgen zu frühstücken,
sieht sie ihn versonnen auf dem Sofa sitzen. Zunächst denkt sie, Jules
betrachtet selbstvergessen den Schneefall vor dem Fenster, bis sie bemerkt,
dass er gestorben ist. Zunächst will sie Jules’ Tod gar nicht wahrhaben
und versucht ihren normalen stets gleichen Tagesablauf aufrecht zu erhalten.
„Er war nicht tot, solange sie niemandem davon erzählte. Er lebte,
solange sie das wollte. Sie hatte im noch so viel zu sagen.“ So beschließt
sie zunächst, niemandem von Jules’ Tod zu sagen und ihren Mann auf
dem Sofa sitzen zu lassen. Alice braucht Zeit, um sich mit dem Gedanken vertraut
zu machen, dass Jules gestorben ist.
Sie möchte ungestört von ihm Abschied nehmen und mit ihm ihren Frieden
machen, indem sie ihm einige längst fällige Dinge sagt. Sie gesteht
ihm, dass sie gewusst hat, dass er sie mit Olga betrogen hat, und sie redet
von der Trauer über das verlorene Kind, die sie all die Jahre verdrängt
haben. Sie erzählt ihm von den glücklichen Momenten ihres gemeinsamen
Lebens, entlarvt Lebenslügen und nimmt die ersten kleinen Veränderungen
an den sich bisher täglichen wiederholenden Ritualen vor. Zum Ablauf eines
jeden Tages gehört auch, dass der autistische Sohn der Nachbarin zum Schachspielen
mit Jules herunterkommt. Zunächst gerät Alice in Panik wie David wohl
auf den toten Mann und die veränderten Umstände reagiert. Der Junge
begreift jedoch schnell, dass auf dem Sofa nur noch „die Hülle
von Herrn Jules“ sitzt. – Der niederländischen Originaltitel
des Buches ist „De buitenkant van Meneer Jules". – David ist
Alice auf seine eigene Art bei der Totenwache und dem Abschied von ihrem Mann
eine große Hilfe.
Diane Broeckhoven hat mit ihrem Buch „Ein Tag mit Herrn Jules“ eine
sehr einfühlsame und unaufgeregte Geschichte über den Tod und das
Abschiednehmen geschrieben. Ihre Beschreibung der Körperlichkeit der alten
Leute ist sehr würdevoll und hat nichts Voyeuristisches. Sie zeigt, dass
der Tod etwas ganz natürliches ist und der Umgang mit einer Leiche nichts
Gruseliges hat. Ihr Roman handelt jedoch nicht nur vom Tod, sondern vor allem
vom gemeinsamen Leben der beiden Liebenden. Alice nimmt langsam Abschied von
ihrem Mann und erkennt, dass in jedem Ende auch ein Anfang ruht. Die Parallelen
zwischen den Ritualen der Eheleute und dem geregelten Leben des autistischen
Jungen erleichtern das Verständnis für die jeweiligen Lebenssituationen.
Diane Broeckhoven hat ein wunderbares Plädoyer für ein würdevolles
Abschiednehmen und langsames Auseinandersetzen mit dem plötzlichen Tod
geschrieben. Ihre Porträts der alten Frau und des autistischen Jungen sind
geprägt von tiefem Respekt und Anerkennung.
Gelesen wird das Hörbuch „Ein Tag mit Herrn Jules“ von Eva
Mattes, die mit ihrer wunderbaren Stimme genau den richtigen Ton für diese
gefühlvolle Geschichte findet, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Ihre
eindringliche Lesung zieht den Hörer sofort in ihren Bann und lässt
ihn zusammen mit Alice diesen einen letzten Tag mit ihrem Mann Jules erleben.
Man hört Eva Mattes einfach gerne zu, wie sie diese ungewöhnliche
Geschichte behutsam vorliest. Sie macht durch ihren engagierten Vortrag deutlich,
dass diese kleine Geschichte nicht nur ein Buch für alte Menschen ist,
sondern in seiner Themenvielfalt ein generations- übergreifendes Hörvergnügen
ist.
Der Roman „Ein Tag mit Herrn Jules“ wurde von Isabel Hessel aus
dem Niederländischen übertragen. Das Hörbuch besteht aus zwei
CDs mit einer Laufzeit von zwei Stunden, die zusammen mit einem vierseitigen
Booklet in einem liebevoll gestalteten Cover liegen. Das informative Booklet
enthält neben Fotografien und Lebensläufen der Autorin und der Vorleserin
den einfühlsamen Text „Alice im Wunderland“ von Katja Ernst.
„Ein Tag mit Herrn Jules“ ist ein anrührendes Hörbuch,
dass den Tabuthemen Tod und Alter eine ganz besondere Seite abzugewinnen weiß.
Autorenportrait:
Diane Broeckhoven, 1946 in Antwerpen geboren, lebte und arbeitete seit 1970
in den Niederlanden, um nach 30 Jahren in ihre Geburtsstadt zurückzukehren.
Ihre Autorenlaufbahn begann sie als Volontärin 1967 bei der Zeitung „De
Standaard“, ab 1971 arbeitete sie als freie Journalistin für belgische
sowie holländische Zeitungen und Zeitschriften. In ihren Büchern wendet
sie sich, die selbst drei Kinder hat, an ein junges Publikum. Sie hat mehr als
20 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht und dafür mehrere
bedeutende literarische Auszeichnungen erhalten hat. Bis 2005 war sie in Deutschland
fast unbekannt. „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist ihr zweites Buch für
Erwachsene und ihr erster Roman in deutscher Sprache.
Erzählerportrait:
Eva Mattes, 1954 in Tegernsee geboren, sprach schon während der Schulzeit
die ersten Synchronrollen. Sie erhielt 1970 ihre erste Kinorolle. Auf die Auszeichnung
mit dem Bundesfilmpreis (1971) folgte 1972 ein Engagement am Deutschen Schauspielhaus
in Hamburg. Berühmt wurde sie auch mit den Kinofilmen von Rainer Maria
Fassbinder und Werner Herzog. Seit 2001 ist sie als „Tatort“-Kommissarin
im Fernsehen zu sehen.
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Diane Broeckhoven
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