Die See
Ein mitreißender Roman um Liebe, Tod und Trauer
(mkb).
Es gibt mehrere Möglichkeiten, Trauer zu verarbeiten. Die einen flüchten
in Erinnerungen vor dem Tod, träumen die Lieben für einen Moment lebendig,
während andere die Traurigkeit gleich in mehrere Vergangenheiten bewegen,
diese aus der Gegenwart beleuchten. Der Roman „Die See“ von John Banville setzt
sich mit Letzterem auseinander, führt den Kunsthistoriker Max Morden nach
dem Krebstod seiner Anna in das Jahr zurück, in welchem einst seine Liebesfähigkeit
schmerzhaft erwachte.
John Banville pflegt in seinem Roman einen unkonventionellen Stil im Umgang mit seiner Hauptperson, schickt den trauernden Ehemann auf eine Reise in die Villa „Zu den Zedern“ an die See und gleichzeitig in eine Vergangenheit, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Ohne Zögern steigt der Autor die 50 Jahre zurück, direkt in den Beginn von etwas, das eine pubertierende Liebe werden sollte. Es ist das Jahr, in dem das Ehepaar Grace mit ihren Zwillingen Myles und Chloe am Meer Urlaub macht, der damals jugendliche Ich-Erzähler schüchtern Kontakt mit der Familie aufnimmt und kindliche, unbeholfene Küsse und Berührungen mit Chloe austauscht, in eine Welt eindringt, auf deren Scherben fortan seine Zukunft aufbaut. Noch während die Erinnerung an Chloes zornigen, gedankenlosen und lieblosen Umgang mit seinen aufkeimenden Gefühlen wach wird, springt John Banville zuweilen mit einem einzigen Nebensatz in eine andere Zeit, kehrt zu der sterbenden Anna zurück, die auf ihre Art gedankenverloren, jedoch niemals gedankenlos durch ihr Krebsleiden schreitet, den nahenden Tod fotografiert, ihre Mitmenschen brüskiert und mit einem Hauch Sarkasmus, Wehmut und schwerer Leichtfertigkeit ihrem Krebsleiden begegnet.
„Die See“ beginnt mit einer verlorenen Liebe, gleitet in die gescheiterte Ehe der Eltern, beschäftigt sich mit einer aufblühenden Liebeslust, geht in Episoden auf Auseinandersetzungen mit Freunden und Verwandten ein, bildet die Bühne, auf der der Verstand das Schicksal zu verstehen sucht: „Wie lange war ich fort gewesen, wie lange war ich in der Folterkammer in meinem Kopf umhergewandert?(…) Es gibt Momente, und in letzter Zeit treten sie immer häufiger auf, wo ich das Gefühl habe, dass ich überhaupt nicht weiß, dass alles, was ich einmal wusste, mir wie ein Regenschauer aus dem Kopf geprasselt ist, und dann ergreift mich einen Augenblick lang lähmendes Entsetzen, und ich warte darauf, dass mir alles wieder einfällt, aber ohne sicher zu sein, dass das auch wirklich passiert.“ Der Roman lässt kontinuierlich Fronten aufeinanderprallen, zerpflückt den Zusammenprall, ist das Dokument eines Lebens, dessen Anfang sich zuweilen mit dem Ende verwischt.
Besonders das Zusammenlaufen von Erinnerungen und Betrachtungen machen aus „Die See“, aus dem Englischen von Christa Schuenke übersetzt, ein literarisches Kunstwerk. John Banville hat in seinem Roman Schwermut festgehalten, die von leichter Feder geschrieben durch die Zeilen huscht, hat mit intelligentem Humor das Leben nach und vor der Trauer gezeichnet. Es ist die unerbittliche Auseinandersetzung mit einem Tod, der längst vor dem Sterben beginnt.
„Die See“ ist ein mitreißender Roman um Liebe, Tod und Trauer!
Autorenportrait:
John Banville, 1945 geboren, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Irlands. Sein umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet. Für „The Sea“ wurde er 2005 mit dem begehrten „Man Booker Preis“ ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Dublin.
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