Die letzte Lektion
Chronik eines angekündigten Abschieds
(mag).
Als ihre 92-jährige Mutter ihr mitteilt, „Am 17. Oktober ist
es soweit“, ist die französische Autorin Noëlle Châtelet
zunächst schockiert. Dass sich ihre Mutter ausgerechnet einen Tag nach
dem Geburtstag der Tochter das Leben nehmen will, ist für sie unerträglich.
Dabei stört sie weniger, dass die geistig klar, aber körperlich zunehmend
gebrechliche Mutter ihrem erfüllten Leben ein Ende setzten will, als vielmehr
die langfristige Ankündigung, die wie ein drohendes Schwert über ihr
schwebt. Mutter und Tochter einigen sich, dass die Mutter ihren Tod ganz kurzfristig
ankündigen wird.
In ihrem sehr persönlichen Buch „Die letzte Lektion“ schildert
Noëlle Châtelet die letzten drei Monate bis zum Tod ihrer Mutter.
Die starke Frau, die als Hebamme gearbeitet hat, will der Tochter zeigen, dass
der Tod ebenso wie die Geburt ein notweniger Bestandteil des Lebens ist. Ebenso
wie sie ihren Kindern geholfen hat, das Leben zu meistern, nimmt sie sie nun
an die Hand, um ihnen den Umgang mit dem Tod und der Trauer zu zeigen. Sie versucht
den Tod zu banalisieren, um ihm den Schrecken zu nehmen. Die alte Frau trennt
sich ganz bewusst von den Gegenständen, die sie umgeben, ihrer Familie
und dem Leben. Sie bezieht die Familie in ihren Abschied mit ein und bricht
mit Tabus, um den Trauernden die Rituale des Sterbens zu zeigen und das Weiterleben
ohne die Mutter zu erleichtern.
Noëlle Châtelet hat mit „Die letzte Lektion“ ein sehr
anrührendes Buch geschrieben, das jedoch an keiner Stelle rührselig
ist. Sie erzählt von einem traurigen Abschied bei dem auch herzlich gelacht
wird. Der Leser ist immer wieder hin- und hergerissen zwischen einer tiefen
Bewunderung für die couragierte geistig unabhängige Mutter und dem
Entsetzten über die Grausamkeit des angekündigten Todes. Die Mutter,
die es als Hebamme gewohnt ist, den Ton anzugeben, behandelt ihre Tochter zuweilen
schulmeisterlich und überfordert sie. Die Lehrstunden in Sterbehilfe für
die Hinterbliebenen sind beeindruckend, stellen aber auch fast unmenschlich
Anforderungen an die Belastbarkeit der Menschen, die mit dem angekündigten
Freitod zurechtkommen müssen. Noëlle Châtelet zeigt, dass es
ihr mit Hilfe ihrer Mutter gelungen ist, deren Tod zu akzeptieren. Dies macht
das Buch „Die letzte Lektion“ zu einem sehr intimen Geständnis.
Über den persönlichen Schmerz und das individuelle Schicksal hinaus
gibt die Autorin viele Anstöße zum Nachdenken über den Tod und
die Trauer.
Noëlle Châtelet hat mit ihrer aufwühlenden Chronik „Die
letzte Lektion“ auch ein beeindruckendes Dokument einer sehr engen Mutter-Tochter-Beziehung
geschrieben. Der Tochter, die jahrelang täglich mit der Mutter telefoniert,
kann sich auch als erwachsene Frau nicht wirklich von ihr abnabeln. Für
das Leben nach dem Tod muss die Mutter dem unselbständigen Kind weitgehende
Hilfestellung geben. Noëlle Châtelet hat ihrer Mutter, die schon
als „Die Dame in Blau“ in die Literatur eingegangen ist, ein weiteres
liebevolles Denkmal gesetzt. Die sehr privaten Erlebnisse, die das Buch „Die
letzte Lektion“ schildert, hat Uli Wittmann aus dem Französischen
übersetzt.
„Die letzte Lektion“ ist die ergreifende Chronik eines angekündigten
Todes, die versucht den Hinterbliebenen die Angst vor dem Verlust eines geliebten
Menschen zu nehmen!
Autorenportrait:
Noëlle Châtelet, geboren 1944, war Dozentin für Kommunikationswissenschaften.
Sie hat Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Sie erhielt
den „Prix Goncourt de la Nouvelle“ und den „Prix Anne de Noailles“
der „Academie Française“. Sie lebt und arbeitet in Paris.
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