Die letzte Kolonie
Streifzüge durch die afrikanische Welt
(flk).
Träge zieht das schmutzig braune Wasser des Kongos an der verrosteten Außenwand
des Schiffes vorbei, deren erste und inzwischen fast in Gänze abgeblätterte
Farbschichten noch aus der Zeit König Leopolds von Belgien, des despotischen
Herrschers über das damalige Belgisch Kongo zu stammen scheinen. An Bord
bemisst sich der Komfort der zahlreichen Passagiere an Hand der gelösten
Passageklasse und vor allem der Höhe des an den Steward gezahlten Trinkgeldes.
Während die Reisenden der ersten Klasse ihren gebratenen Affen auf dem
schattigen Deck vor ihrer bescheidenen Kabine zu sich nehmen, stöhnen die
weniger zahlungskräftigen Mitfahrer unter der sengenden Sonne auf den im
Schlepptau hängenden Beibooten. Die lebensgefährlich überladenen
Kähne aber generalüberholen zu lassen oder gar in den Flusslauf ein
modernes und den Erfordernissen angepasstes Verkehrssystem zu integrieren –
diese Idee scheint hier noch niemandem gekommen zu sein, am allerwenigsten den
zumeist korrupten Regierungsbeamten, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte,
das an Bodenschätzen reiche Land in eine bessere Zukunft zu führen.
Eine Szenerie aus „Die letzte Kolonie“, die so typisch ist für
Afrika, dass man vor seinem geistigen Auge unwillkürlich die bekannten
Bilder zahlloser Fernsehberichte über den schwarzen Kontinent vorbeiziehen
sieht. Was aber ist eigentlich die afrikanische Identität, wie definiert
sie sich, wenn man für einen kurzen Augenblick einmal die üblichen
medialen Vorurteile außen vor lässt? Der Autor V.S. Naipaul, dessen
indischstämmige Eltern ihren Sohn auf der ehemals britischen Insel Trinidad
großzogen, ist während zahlreicher Reisen durch den afrikanischen
Kontinent und die von Farbigen bewohnten Inseln der Karibik dieser Frage nachgegangen.
„Die letzte Kolonie“ muss in diesem Kontext also nicht als ein Stück
konventionelle Reiseprosa verstanden werden, sondern als Versuch, sich dem Wesen
der afrikanischen Zivilisation zu nähern und zu hinterfragen, welche Spuren
die Jahrhunderte währende Okkupation und Bevormundung durch westliche Großmächte
letztendlich hinterlassen hat. Diesem eigenen Anspruch nachzukommen, gelingt
V.S. Naipaul mal mehr, mal weniger gut.
Das von Ulrich Enderwitz aus dem Englischen übersetzte Werk „Die
letzte Kolonie“, dessen Originaltitel übrigens „The Overcrowded
Barracoon“ lautet, ist ein Streifzug durch die afrikanische Kultur, und
ebenso vielfältig wie diese sind auch die Alltagsbeispiele, die der Autor
hier heranzieht, um das tägliche Chaos, die Korruption und die Resignation
in einem Land, wie dem kriegsgeschüttelten Zaire wenn vielleicht nicht
zu erklären, dann doch zumindest anschaulich zu beschreiben. Doch ach,
manchmal ist weniger eben doch mehr. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen,
sich auf ein Land zu beschränken, die an sich schon komplexe Situation
in einem einzelnen afrikanischen Staat zum Thema des Buches zu machen. Der Kongo
beziehungsweise das heutige Zaire wäre hierfür ein lohnendes Ziel
gewesen, war diese Staat doch seit der Machtübernahme durch die Belgier
ein Spielball unterschiedlichster Diktatoren, Clans und Despoten, die das an
sich reiche Land bis an den Abgrund herunterwirtschafteten. So gelingt es V.S.
Naipaul im Kapitel „Ein neuer König für den Kongo: Mobutu und
der Nihilismus Afrikas“ mit einem feinen Gespür für die Tragik
der Gesamtsituation, den Lebensalltag der Bewohner zwischen den Palästen
der herrschenden Oligarchen in Kinshasa und den Hütten der Armen in den
Slums wiederzugeben. Hätte er mehr Zeit darauf verwendet, den Ursachen
für die Resignation gegenüber der in europäischen Augen schreienden
Ungerechtigkeit, der alltäglichen Mangel- und Misswirtschaft zu finden,
dann hätte „Die letzte Kolonie“ tatsächlich einige neue
Erklärungsansätze zu einem Kontinent liefern können, den viele
Zeitgenossen heute bereits als verloren ansehen. So aber bleibt leider festzustellen,
dass die „Streifzüge durch die afrikanische Welt“ zwar viele
durchaus interessante Einblicke in uns fremde und rätselhafte Kulturen
vermitteln, sich insgesamt aber leider in der Fülle der oft nur für
Kenner interessanten Details auch ein wenig verzetteln.
„Die letzte Kolonie“ ist ein besonderes Stück Reiseliteratur,
das den Fokus auf die Menschen in Schwarzafrika und der Karibik legt, und das
vor allem Leser, die ein tiefer gehendes Interesse an Politik und Gesellschaft
der afrikanischen Kulturen zeigen, sicherlich nicht außer Acht lassen
sollten!
Autorenportrait:
Vidiadhar Surajprasad Naipaul wurde am 17. August 1932 in Trinidad geboren und
lebt seit 1950 in Großbritannien. Der Romancier, Reiseschriftsteller und
Journalist gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der englischsprachigen
Literatur. Im Jahr 2001 wurde ihm der Nobelpreis verliehen.
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