Die Knebel von Mavelon
Steffi von Wolff schreibt Geschichte um
(mkb).
Steffi von Wolff hat wieder einmal ausführlich in die Tastatur gegriffen
und in „Die Knebel von Mavelon“ zur Abwechslung mal Geschichte umgeschrieben
und dabei gründlich auf den Arm genommen.
Lilian Knebel lebt im Gemarkung Mavelon und findet nicht nur die Pest zum Kotzen,
sondern auch die kirchlichen Vorgaben. Eine Haltung, die im 16. Jahrhundert
keinen Zuspruch findet. Als Lilian schließlich auch noch die Anti-Baby-Pille
erfindet, soll sie brennen und ihre Freundinnen Cäcilie und Konstanze gleich
mit! Das allerdings sehen die Damen gar nicht ein und hauen ab, beginnen eine
Odyssee durch die Geschichtsbücher, die sich gewaschen hat. Auf ihrer Wanderung
stößt der eine oder andere zu ihnen, jeder auf der Flucht aus den
Fängen der Unterdrückung. Die einen unterdrückt der Beruf, den
sie schlicht und ergreifend verfehlt haben. Man stelle sich zum Beispiel einen
Scharfrichter vor, der Blut nicht sehen und schon gar nicht vergießen
kann: „„Ich konnte Köpfungen noch nie gut vertragen“,
klagt er. „Weißt du, wie furchtbar das ist, wenn das Blut spritzt?“
(…) Bei seiner ersten Hinrichtung war Bertram sechzehn und so nervös,
dass er vorher mehrere Male in unseren kleinen Fluss gekotzt hat.“
Neben Bertram hat auch Laurentius im Hofnarrendasein nicht wirklich seine Bestimmung
gefunden. Durchaus närrisch im Erfinden eingebildeter Krankheiten zeigt
er sich mäßig närrisch in der allgemeinen Unterhaltung. Schließlich
und endlich wäre da noch Brabantus der Vorkoster, der schon mal aus Versehen
dem Grafen das komplette Menü wegkostet. Auch die Gräfin flieht, sie
mag lieber ihren mannstollen Bedürfnissen als einem herrischen Grafen folgen.
Mit Martin Luther schließt sich der originellen Gemeinschaft Prominenz
an. In glühenden Reden fordert Luther die Reformation der Kirche, steckt
verbal sämtliche Kirchen am Wegesrand an, verhält sich wie ein Politiker
in der Wahlphase und geht der Gruppe bald kräftig auf die Nerven: „Ich
frage mich die ganze Zeit, warum mir Luther so auf die Nerven geht, und dann
habe ich die Lösung: Er redet dauernd davon, dass man dies und das tun
müsste und die katholische Kirche und so weiter und so fort, aber er tut
nichts.“ Die Flüchtenden ziehen nach Hamburg, klauben dort die
Königin von England vom Pferd und segeln nach Großbritannien, um
ihr dort den Thron zurückzuerobern. Auf der Galeere befreien sie kurzerhand
100 Sklaven, die fortan ununterbrochen tanzen und verworrene Dinge von sich
geben wie „Es ist besser, mit drei Sprüngen ans Ziel zu kommen,
als sich mit einem das Bein zu brechen“. Natürlich werden auch
sie ein Teil der Fluchtgesellschaft. Die Fährte, die die Reiseveranstaltung
nun legt, ist endgültig unübersehbar geworden, und die katholischen
Verfolger rücken ihnen immer dichter auf die Fersen. Aber auch an Romantik
fehlt es nicht, zum Beispiel als Lilian Botticelli anmutig ins Ohr haucht: „Manchmal
mag ich Bohnen und manchmal nicht“ und damit sein Herz rührt.
So enden sie nicht ganz unversehrt in England zu einem Showdown, der endgültig
die historischen Wahrheiten verwäscht.
Der Großteil der Menschheit begeht Geschichte in der Schule, über
historische Werke gebeugt werden Jahreszahlen gepaukt, schreckliche und wegweisende
Momente der Vergangenheit aufgearbeitet und schließlich in den Tiefen
des Kurzzeitgedächtnisses wieder versenkt. Andere holen sich das Allgemeinwissen
aus Medien, historischen Romanen und Hollywood-Schinken und so wage ich den
Vorstoß und fordere, dass „Die Knebel von Mavelon“ als unumgängliche
Lektüre nach dem Studium des schwarzen 16. Jahrhunderts zur Auflockerung
angeboten wird. Schließlich sollte man nicht immer alles so bitter ernst
nehmen!
Köstlich: „Die Knebel von Mavelon“ ist eine herrliche Reiselektüre
auch für die Zeiten zwischen den Reisen!
Autorenportrait:
Steffi von Wolff, geboren 1966, arbeitete als Redakteurin, Moderatorin, Sprecherin,
freie Autorin und schreibt Comedy. Sie wuchs in Hessen auf und lebt heute mit
Mann und Sohn in Hamburg. Ihre Romane „Fremd
küssen“, „Glitzerbarbie“
und „ReeperWahn“ sind eine Frechheit – und Bestseller.
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