Die dreizehnte Dame

Fesselnder Roman über die Macht der Dichtung

Die dreizehnte Dame(jaf). „Die Dichtung entwaffnet und besiegt uns. Heute ist sie der Genuss einer Minderheit, aber wir beide haben immer gewusst, dass es in ihr einen Abgrund gibt. (...) Wir haben diesen Abgrund gefunden und einen Blick hineingetan. Wir können ihn sehen. Und ich bin sicher, dass du springst.“ – Es ist schon in der Tat eine bemerkenswerte – da in dieser Form wohl selten gestellte – Frage, der José Carlos Somoza in seinem Roman „Die dreizehnte Dame“ seinen Protagonisten begegnen lässt: Worin besteht die Macht der Dichtung? Was verleiht ihr Kraft auf Menschen einzuwirken? Und: Verfügt sie nur über positive Energie oder kann sie gar zerstörerisch wirken? Der Dramaturgie seines knapp 500 Seiten starken Opus „Die dreizehnte Dame“ ist es dabei geschuldet, dass natürlich die Gefahr dieser unbekannten Herrschaft im Mittelpunkt steht: José Carlos Somoza verpackt seine Geschichte in eine Art psychedelischen Thriller, ein abgründiges, fesselndes Drama, das akrobatisch auf dem Drahtseil zwischen Fiktion und Non-Fiktion tanzt.

In seiner Mitte steht der Literaturdozent Salomón Rulfo. Rulfo, so hebt José Carlos Somozas Erzählung unheilschwanger an, ist getrieben von einem grausamen Albtraum: In einer Villa werden die beiden Hausangestellten mitsamt der Hausherrin von einem Unbekannten grausam hingerichtet. Immer wieder fleht die Frau vor ihrem blutigen Tod im Traum Salomón Rulfo an, ihr zu helfen. Tief verunsichert von dem beständig wiederkehrenden Entsetzen trifft er eines Tages auf die bildschöne Raquel – und auch ihr ist jener Albtraum widerfahren, der Salomón Rulfo nicht mehr zu Ruhe kommen lässt. Plötzlich ereignet sich alles wie schicksalhaft vorgegeben: Salomón und Raquel eint ein bizarres Band, das sie rastlos zum Handeln treibt. Schließlich entdecken die beiden in einem Madrider Stadtteil das Haus ihrer bösen Träume in realitas. Sie brechen ein – und finden in dem verwaisten Gebäude ein „Akelos“, ein Amulett, das fortan zu einer bedrohlichen Verbindung der beiden zur verborgenen Welt der 13 Musen der Dichtung darstellt, die offenbar – so unglaublich es für Salomón Rulfo ist – hinter dem Mord zu stecken scheinen. Den dünnen Faden zu ihrer nunmehr offenbarten Welt aufrecht zu erhalten oder zu kappen – jeweils verbunden mit schroffen Konsequenzen – stellt fortan das von Autor José Carlos Somoza fein gesponnene Netz der Spannung dar, das sich Seite für Seite enger zusammenzieht und Romanfiguren wie Leser bis zum Ende nicht mehr aus seinem Bann entlässt.

Immer wieder flackern in der Geschichte Erinnerungen auf, Geschehenes mischt sich mit Zukünftigem, Traumhaftes mit Realem. José Carlos Somoza – der merklich sensibel von Elisabeth Müller aus dem Spanischen übersetzt wurde – erzählt collagenartig, beschreibt szenisch und mit einer soghaften Bildgewalt, die stark an den Film „Im Auftrag des Teufels“ erinnert. Weder formell noch inhaltlich lässt sich „Die dreizehnte Dame“ dabei eindeutig einem Genre zuordnen – eine Indifferenz, die der Faszination des Werkes durchaus zugute kommt.

„Die dreizehnte Dame“ ist ungewöhnlich, mitreißend, verstörend, nachhaltig. Und wer weiß, vielleicht waren sie ja gar auch hier am Werk, die dreizehn Damen – jene erste, die lockt; die zweite, die wacht; die dritte, die straft; die vierte, die entrückt; die fünfte, die entzückt; die sechste, die verflucht; die siebte, die vergiftet, die achte, die bannt; die neunte, die fleht; die zehnte, die vollstreckt; die elfte, die ahnt; die zwölfte, die weiß – und die dreizehnte, deren Namen zu nennen... .

Autorenportrait:
José Carlos Somoza, geboren 1959 in Havanna, lebt seit vielen Jahren in Spanien und wurde dort für seine Theaterstücke und Romane mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Premio Fernando Lara“, die höchstdotierte Auszeichnung des spanischen Literaturbetriebs. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Madrid.

Die dreizehnte Dame

José Carlos Somoza
Die dreizehnte Dame
Aus dem Spanischen von Elisabeth Müller
List Taschenbuch Verlag, Berlin
ISBN 3-548-60582-6
1. Auflage 2006, 496 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 8,95 (D) / € 9,20 (A) / sFr 16,50

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