Deutsche Kolonien
Traum und Trauma
(nas).
„Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort
ein junges Deutschland gründen (…) die edelsten, gottähnlichen
Kinder zeugen und erziehen (…).“ – In diese pathetischen
Worte kleidete der Komponist Richard Wagner seinen Traum vom deutschen Kolonialreich,
den viele Deutsche träumten. Was aus diesem Traum geworden ist, fand in
unserer Geschichtsliteratur kaum Beachtung. Ein Buch, das die deutsche Kolonialgeschichte
von ihren frühen Anfängen in der Kaiserzeit, über die Wiedererlangungsversuche
in der Weimarer Republik, bis hin zu den Kolonialplänen des Dritten Reiches
umfassend darstellt, suchte man bisher vergebens. Diese Lücke schließen
nun die Autoren Gisela Graichen und Horst Gründer mit ihrem Begleitbuch
zu einer ZDF-Serie: „Deutsche Kolonien – Traum und Trauma.“
Wer nun ein trockenes Geschichtsbuch erwartet, wird enttäuscht werden,
denn es gelingt den Autoren, die Interessen und Hoffnungen, die Niederlagen
und Verluste, welche mit der Erschließung von Kolonien verbunden waren,
so anschaulich darzustellen, dass sich auch dem wenig geschichtlich vorgebildeten
Leser mühelos die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Zusammenhänge der Kolonialzeit erschließen. In 16 unabhängig
voneinander lesbaren Kapiteln entsteht ein detailliertes Bild vom Leben in den
deutschen Kolonien Afrikas, Chinas und der Südsee. Welchen Hindernissen,
Krankheiten und Gefahren Siedler und Einheimische dabei ausgesetzt waren, wird
besonders deutlich in den zitierten Reiseberichten und Tagebüchern von
Entdeckern und Kolonisten. Hier offenbaren sich abenteuerliche Lebensläufe
und tragische Schicksale, die Geschichte lebendig machen.
Aus der Fülle des historischen Materials wählten die Autoren unter
Mitarbeit von Holger Diedrich zahlreiche Kommentare von Politikern, Schriftstellern
und Zeitgenossen, anhand derer es gelingt, den Zeitgeist der Kolonialzeit einzufangen.
Diese lebendige und fesselnde Weise Geschichte darzustellen, vermittelt dem
Leser interessante historische Details und beleuchtet auch die dunklen Seiten
der Kolonialzeit, die sich in der Prügelmentalität der Kolonialherren,
blutigen Aufständen der ausgebeuteten einheimischen Bevölkerung und
nicht zuletzt in den Worten des afrikanischen Zulu-Häuptlings Ceteswayo
„Erst ein Missionar, dann ein Konsul, und dann kommt die Armee“
zeigen.
Der hohe Informationsgehalt des Buches „Deutsche Kolonien“ wird
ergänzt durch die außerordentlich reiche Bebilderung, die neben Abbildungen
von Gemälden, Grafiken und Holzstichen, Portraits historischer Personen
und Fotografien auch zeitgenössische Postkarten, Karikaturen und Flugblätter
enthält. Bedauerlicherweise befindet sich die einzige farbige Abbildung
lediglich auf dem Cover des Schutzumschlages, alle übrigen Bilder sind,
wohl zugunsten farblicher Harmonie, in grau-braunen Farbtönen gehalten,
was ihre Wirkung mindert. Dies gilt leider auch für die Karten, die dem
Leser im Anhang des Buches die geografische Lage der deutschen Kolonien vergegenwärtigen
sollen. Während man die Einzelkarten zu den Kolonien noch gut erkennen
kann, erweist sich die Grau-Braun-Färbung der Weltkarte als sehr hinderlich,
denn die Schraffuren, welche die Staatenzugehörigkeit der Kolonien kennzeichnen,
sind kaum entzifferbar. Hier wäre eine farbige Gestaltung sinnvoll gewesen.
Dem Kartenteil, auf den leider im laufenden Text des Buches nicht verwiesen
wird, schließen sich eine umfassende Liste mit vertiefender Literatur,
ein Verzeichnis über die Bildnachweise, sowie ein Personenregister an,
das dem Leser ermöglicht, historische Persönlichkeiten schnell in
den einzelnen Kapiteln zu finden.
Besonders positiv hervorzuheben ist Hellmut Hillrichs abschließendes Kapitel:
„Waldaffen, »Nickneger«, schwarze Perlen – Und ewig
leben die (Zerr-)Bilder“, in dem er sich mit „kolonialen
Sprachhülsen“ und dem zum Teil bis heute fortbestehenden antisemitischen
Bild vom „wilden Schwarzen“ auseinandersetzt. Hellmut Hillrichs
Beitrag, keinesfalls selbstverständlicher Bestandteil einer historischen
Darstellung, rundet das Buch „Deutsche Kolonien“ auf zum Nachdenken
anregende Weise ab.
„Deutsche Kolonien“ lässt Geschichte lebendig werden!
Autorenportrait:
Gisela Graichen studierte Publizistik, Rechts- und Staatswissenschaften und
ist Diplom-Volkswirtin. Als Fernsehautorin entwickelte sie für das „ZDF“
preisgekrönte Serien. Ihre Beschäftigung mit Naturreligionen führt
sie seit 30 Jahren nach Schwarzafrika. Sie wurde unter anderem mit dem „Deutschen
Preis für Denkmalschutz“ und mit dem „Bayrischen Fernsehpreis“
ausgezeichnet.
Horst Gründer lehrte als Professor Neuere und Neueste sowie Außereuropäische
Geschichte an der Universität Münster. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen
zur politischen und sozialen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegt,
insbesondere zur Kolonialgeschichte und Geschichte der außereuropäischen
Welt.
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