Der Wanderer
Novelle über die Ambivalenz des Seins
(asp).
Eigentlich ist im Leben von Matthias Bamberg, eines erfolgreichen Berliner Schriftstellers,
alles in bester Ordnung. Sein letzter Roman war ein voller Erfolg, Leser und
Verleger warten gespannt auf weitere Arbeiten. Mit seiner Frau Anita, einer
renommierten Übersetzerin, lebt er in einer großzügigen Berliner
Altbauwohnung, sie bewundert ihn, er schätzt ihren Rat. Doch mit seinem
neuesten Romanprojekt, das den Titel „Der Wanderer“ tragen soll,
kommt Matthias Bamberg nicht recht voran. Anstatt wie üblich emsig zu schreiben,
sitzt er stundenlang an seinem Schreibtisch, starrt aus dem Fenster und beobacht
den, aus einem schmalen Aluminiumrohr aufsteigenden, Rauch. Er scheint beunruhigt,
fragt sich besorgt, was das Räuspern seiner Frau zu bedeuten hat und glaubt,
aus der oberen Wohnung nächtliches Möbelrücken zu hören.
Es sind die „Zweideutigkeiten, besser, das Ungefähre, nie mit
Gewissheit auszumachende, (…) die Welt der Erscheinungen, auf die kein
Verlaß war, die Bambergs Phantasie anstachelten“. Zu guter
Letzt verlässt ihn seine Frau, verschwindet ohne ein Wort der Erklärung,
und Matthias Bamberg macht sich auf eine geheimnisvolle Suche…
Das Einbrechen einer unerhörten Begebenheit in die Normalität des
Alltags, das Wesen dieser literarischen Gattung, erfüllt Hartmut Langes
Novelle auf meisterhafte Weise. Ohne ersichtlichen Grund wirft es ihre Helden
plötzlich aus der Bahn. Nichts in ihrer Welt ist mehr wirklich sicher.
Sein und Schein beginnen zu verschwimmen, Realität verliert ihre Selbstverständlichkeit
– nicht nur für Bamberg in „Der Wanderer“. Auch der Leser
bewegt sich in einer ständigen Ahnung dessen, was sein könnte und
findet manche Vermutung zwischen den Zeilen bestätigt.
Einmal mehr stellt Hartmut Lange in „Der Wanderer“ die scheinbar
gesicherte Alltagswelt in Frage, zeigt wie schnell und ohne greifbaren Grund
sie zerbrechen kann. Die Ursache für Bambergs Verstörung, die Wahrheit
über nächtliches Möbelrücken und eine angeblich untreue
Ehefrau – mit keinem Satz zielt Hartmut Lange auf Aufklärung, brilliert
mit einer unerhörten Begebenheit, die sich letztlich nur erahnen lässt
und einen mit einem Gefühl der Unsicherheit über das, was ist, entlässt.
Eine melancholische Stimmung durchzieht „Der Wanderer“ und die Realität
verschwimmt im Nebel des Unerklärlichen, zu dem die lakonische Sprache
der Novelle im faszinierenden Widerspruch steht. Leise Ironie blitzt hier und
da zwischen den Zeilen hervor, wenn der Autor Fragen aufwirft, deren Antwort
er gleichzeitig schuldig bleibt.
„Der Wanderer“ handelt von scheinbar Banalem, ja Selbstverständlichem
und dringt dabei auf meisterhafte Weise in jene unerklärliche Zwischenwelt
vor, die von Rationalität und Welterklärungsmodellen unserer Zeit
allzu oft verdeckt wird. Ein großartiges Buch, das zum Nachdenken anregt
und sensibel macht für die unerklärlichen Untiefen menschlicher Existenz!
Autorenportrait:
Hartmut Lange, 1937 in Berlin-Spandau geboren, studierte an der Filmhochschule
in Babelsberg Dramaturgie. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin und Italien
und schreibt Dramen, Essays und Prosa. Er wurde mit dem „Italo-Svevo-Preis“
2003 ausgezeichnet.
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