Der Tod ist ein Irrtum
Bilder – Texte – Autographen
(asp).
Am 30. Dezember 1995 starb der Dichter und Dramatiker Heiner Müller. Zurück
ließ er neben einem bedeutenden Werk seine Frau Brigitte Maria Mayer und
die gemeinsame Tochter Anna. 1990, auf der Frankfurter Buchmesse, lernt er die
Fotografin und Performance-Künstlerin kennen. Noch im selben Jahr zieht
sie zu ihm, zwei Jahre später heiraten sie und Tochter Anna kommt zur Welt.
Ein treuer Begleiter ist dem Paar von Anfang an die Polaroid-Kamera. Sie wird
zum intimen Zeugen ihres Alltags, über fünf Jahre entstehen kunstvolle
Schnappschüsse des gemeinsamen Lebens.
In dem Erinnerungsbuch „Der Tod ist ein Irrtum“ hat Brigitte Maria
Mayer ein Jahrzehnt nach dem Tod ihres Mannes eine Auswahl dieser Aufnahmen
veröffentlicht. Ihnen zur Seite stehen Texte des Schriftstellers, Gedichte,
Zeichnungen und Handschriften seiner letzten Lebensjahre. Die Künstlerin
offenbart mit diesem Buch einen der Öffentlichkeit bisher unbekannten Heiner
Müller. Der sarkastische Apokalyptiker, als der sich der Schriftsteller
gerne inszenierte, tritt zurück und macht Platz für den privaten Menschen,
den Liebenden, den Vater, den Kranken.
Heiner Müller mit Tochter Anna: Liebevoll schmiegt sich sein Arm um das
Baby, zart berühren Nase und Lippen dessen Wange, ganz so, als wolle der
Vater sein Kind und diesen Moment für immer festhalten. Er schreibt seiner
Tochter Gedichte: „Manchmal zwischen Nacht und Morgen / Seh ich Hunde
dich umkreisen / Hunde auf den Hinterbeinen / Hunde mit gebleckten Zähnen
/ Und du greifst nach ihren Pfoten / Und du lachst in ihre Zähne / Und
ich wache auf mit Angstschweiß / Und ich weiß daß ich die
liebe.“
Nicht lange und Heiner Müller erfährt auf einer Italienreise, dass
er Krebs hat. Krankenhausaufenthalte und der Kampf gegen die tödliche Krankheit
bestimmen sein letztes Lebensjahr. Mit dem bevorstehenden Tod hält er Zwiesprache
in seinen Texten: „… Knapp zwischen Nichts und Nichts ein wenig
Sein / Der Rest ist Hoffnung Ungeschriebene Texte / Wenn du sie lesen willst
gib mir die Zeit.“ Heiner Müller hat sie nicht. Seine letzten
Wochen verbringt er in einem Münchener Krankenzimmer. Im Vorwort erinnert
sich Brigitte Maria Mayer: „Zeit zum Reden, Abschied nehmen; wir rauchen
Gras und lachen, der Tod kommt von selbst.“ Die Bilder dieser Zeit
zeigen Heiner Müller bei Untersuchungen, ängstlich und zusammengesunken
im Krankenhausbett, sich ratlos an den Kopf fassend. Mit Tochter Anna auf dem
Schoß sitzt er in der Sonne, das kleine blonde Mädchen lächelt
verspielt, der verzweifelte Blick des Vaters geht ins Leere.
„Der Tod ist ein Irrtum“ ist ein Buch über den Menschen Heiner
Müller, das intime Porträt einer ganz speziellen Liebe und eine Geschichte
des Abschieds. Brigitte Maria Mayer macht mit diesem Buch ihre Liebe für
Heiner Müller öffentlich, eine Liebe, über deren Beginn sie schreibt:
„Für mich Heimat und Ankunft in einer unendlichen weiten Welt.
Später werde ich daran denken, wenn mir der Himmel, den Heiner Müller
für mich hielt, auf den Kopf fällt.“ Auf einem Foto aus
dem Monat seines Todes schmiegt sie sich dicht an ihn, er hält sanft ihren
Kopf, Verzweiflung, Angst und Trauer blicken dem Betrachter aus ihren Augen
entgegen. „Wie soll ich dir sagen, daß ich mit dir leben will
/ In das Angesicht meines Todes der schon im Kalender steht“, schreibt
Heiner Müller ratlos seiner Frau. Auch am Tag seines Todes fotografiert
die Künstlerin ihren Mann, skeptisch blickt er in die Kamera.
„Der Tod ist ein Irrtum“ ist ein privates Erinnerungsbuch, einzigartig
erzählt es von einer ganz besonderen Liebe und wird gleichzeitig allgemein
als Porträt des Lebens, seiner Vergänglichkeit und den Dingen, die
bleiben.
Autorenportrait:
Brigitte Maria Mayer, geboren 1965, ist als Künstlerin international bekannt.
Heiner Müller, wurde 1929 geboren. 1985 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis
ausgezeichnet. Er starb 1995.
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