Der Duft des Kaffees

Die Geschichte einer Verschwörung

Der Duft des Kaffees(flk). So hatte sich Jakob Brioni sein erstes Date mit seiner Mitschülerin Yazmina bestimmt nicht vorgestellt: Gegen den ausdrücklichen Rat seines Vaters, eines passionierten Kaffeefetischisten immerhin, hatte er sie in eine Filiale der Billigkaffeekette „Drachus“ eingeladen, doch bereits nach der ersten Tasse des schwarzen Gebräus muss er erkennen: Dieser Abend wird alles andere als zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Er schwitzt, stottert, sieht Sterne und kollabiert schließlich – wie an diesem und den nachfolgenden Tagen so viele andere Gäste diverser „Fast-Drink-Kaffeeketten“ in der gesamten Republik. Schnell stellt sich heraus: Der Kaffee war mit einem teuflischen Drogencocktail angereichert – ein Anschlag – soviel ist klar, aber wem galt er, was sind die Hintergründe?

Während die Polizei noch im Dunkeln tappt und auf einen Erpresserbrief wartet, der nie kommen wird, machen sich die anderen Protagonisten aus „Der Duft des Kaffees“ so ihre eigenen Gedanken. Da wäre zum einen Jakobs Vater Hans Brioni, der sich an eine Studie erinnert, die sich mit den Folgen eines großflächigen Koffeinentzugs auf die Gesellschaften der großen Industrienationen beschäftigte. Sollte Deutschland vielleicht nur als Blaupause dienen für eine noch massivere terroristische Attacke gegen das westliche Wirtschaftssystem? Doch diese Studie verschwindet zunächst im Strudel der nachfolgenden Ereignisse: Plötzlich sieht sich nämlich der eigenbrötlerische Hans Brioni selbst im Fadenkreuz der Ermittler: In seinem Laden wird ein Labor entdeckt, mit dem er in der Lage gewesen wäre, die Anschläge durchzuführen. Hals über Kopf entschließt er sich zur Flucht, lediglich begleitet von Agathe, einer ehrgeizigen Fernsehjournalistin, die die Chance wittert, mit einem deutschen „Watergate“ ihren Durchbruch zu schaffen. Sie will – soviel ist klar – es allen zeigen: Den zweifelnden Eltern, den Kollegen in der Redaktion und nicht zuletzt auch ihrem Freund, dessen erfolgreiche Reporterkarriere ihr Ansporn und Abschreckung zugleich ist. Aber würde sie dafür auch soweit gehen, Hans Brioni ans Messer zu liefern?

Was macht ihn aus, den perfekten Kaffee, die perfekte Mischung zwischen Bitterkeit und Süße, zwischen sanfter Erregung und brutalem Koffeinschock? Dieser Frage ist Autor Gerhard J. Rekel in „Der Duft des Kaffees“ nachgegangen – dass das dafür gewählte Genre ein Thriller ist, mag auf den ersten Blick verwundern, erklärt sich aber, je weiter man als Leser eindringt in diese faszinierende Melange aus feinsten Andenhochlandbohnen, frisch geröstet und bereit, ihre Endorphine in die Körper der Menschen auszuschütten und auf der anderen Seite der altbekannte menschliche Jahrmarkt aus Eitelkeit, Habgier und Größenwahn. Wie das zusammengeht? Nun, man muss sich einlassen auf dieses Experiment, muss zunächst einmal die ersten Seiten überfliegen, in denen „Der Duft des Kaffees“ zu sehr an alten Krimistereotypen und Klischees der zeitgenössischen Literatur behaftet bleibt. Wer sich hier nicht entmutigen lässt vom ziemlich abgelutschten Protagonistenpärchen Vater (Weltfremd! Keine Frau!) – Sohn (Pubertär! Egoistisch!), dem sei versprochen: Es wird gut.

Richtig gut. Gleich dem Kaffee, den man entweder in einem dieser grässlichen, den guten Geschmack beleidigenden „to-go“-Papptröge hinunterkippen kann oder eben auch in der gediegenen Unaufgeregtheit eines alten Kaffeehauses zu sich zu nehmen vermag, so prallen auch in „Der Duft des Kaffees“ Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite der kleine Kaffeespezialitätenladen, auf der anderen Seite, die großen Röstereiketten, die ihre Ware in Schlussverkaufzyklen zu Wühltischatmosphäre auf den Tisch werfen. Hier die engagierte Jungjournalistin, dort skrupellose Chefredakteure, deren Moralbewusstsein gerade noch bis zur nächsten Krawallschlagzeile geht. Die kleine Schar der Gutmenschen also gegen den Rest der verkommenen Welt – würde sich dieses Grundschema der ersten Kapitel nicht zumindest teilweise im Verlauf der Handlung verwischen, unscharf werden, würden nicht unerwartete Wendungen eintreten, die das Ende vollends unvorhersehbar machen, nun, dann wäre „Der Duft des Kaffees“ tatsächlich etwas platt geraten. Es sind nicht unbedingt die Charakterstudien, die dieses Buch so lesenswert machen, sondern vielmehr der Enthusiasmus, mit dem Gerhard J. Rekel das einzigartige Wesen der schwarzen Bohnen beschreibt. Sie sind die eigentliche Hauptfigur, sind Protagonist und Antagonist in einem, stehen zwischen den Menschen und sind doch zugleich auch das verbindende Element. Ihr schwarzer Lebenssaft rinnt durch Millionen von Kehlen, hält Menschen wach und Volkswirtschaften am Laufen. Was wäre, wenn sich der Mensch plötzlich ohne ihre belebende Wirkung den Widrigkeiten des Lebens stellen muss?

„Der Duft des Kaffees“ ist ein spannender Wachmacher für die morgendliche Fahrt zur Arbeit!

Autorenportrait:
Gerhard J. Rekel, 1965 in Graz geboren und aufgewachsen. Studium an der Filmakademie Wien (bei Axel Corti), Diplom und Magister art. Danach ausgedehnte Reisen durch China, Indien und Südamerika, Absolvent der Drehbuchwerkstatt München, lebt seit 1997 in Berlin.

Der Duft des Kaffees

Gerhard J. Rekel
Der Duft des Kaffees
Die Geschichte einer Verschwörung
Deutscher Taschenbuch Verlag, München
ISBN 3-423-24505-0
Originalausgabe, 1. Auflage 2005, 257 Seiten, Klappenbroschur gebunden.
Unverbindliche Preisangabe: € 14.- (D) / € 14,40 (A) / sFr 24,40

Buch bestellen.

© Copyright by: Public Dialog Hamburg

www.literaturtipp.com

Impressum