Der Büchermörder
Vom Unglück, Bücher mehr zu lieben als das Leben
(mkb).
Mit „Der Büchermörder“ rollt Detlev Opitz einen Fall neu
auf, der im 19ten Jahrhundert die Gemüter bewegt hat. Er widmet sich Pfarrer
Johann Georg Tinius, den man beschuldigte, zwei Morde aus Leidenschaft begangen
zu haben: Morde aus einer Leidenschaft für Bücher, die er nicht länger
finanzieren konnte.
Ein zehnjähriger Indizienprozess nimmt seinen Lauf, gelangt schließlich
aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen und eiligst hingeschmierter Briefe
des Angeklagten zum Schuldspruch. „Die Schmidtin“ tritt
als Hauptbelastungszeugin auf: eine 19-jährige Magd, deren Dienstherrin
erschlagen worden ist – eine Zeugin, die sich im plötzlichen Interesse
um ihre Person augenscheinlich wohl fühlt. Anklagend richtet sie ihren
Finger erst auf den Kluge, schwenkt nach ihrem offensichtlichen Irrtum zu Tinius
um und verharrt dort bis zum bitteren Ende. Ermittler Weidlich seinerseits drängt
es den Fall schnellstmöglich abzuschließen, möchte ihn zu den
Akten legen. Sein Ziel scheint mehr die Verurteilung des Angeklagten als die
Wahrheitsfindung. Der Angeklagte selbst verstrickt sich panisch in seinen eigenen
Lügen, entwirft Briefe an Vertraute mit der Bitte, Beweismaterial zur Seite
zu schaffen. Sein Flehen an die Freunde und Verwandte gelangt auf direktem Weg
zu Weidlich. Schließlich geht der Angeklagte zur literarischen Verarbeitung
seiner stets beteuerten Unschuld über, schreibt noch im Gefängnis
Bücher, sendet einen Hilferuf an die Welt, der klanglos im Schuldspruch
untergeht.
Autor Detlef Opitz hat sich Zeit für eingehende Recherchen genommen, springt
in den Kapiteln vor und zurück, lässt den Leser an der mühsamen
Suche nach Hinweisen im Fall Tinius teilhaben. Bis in die USA ist er gereist,
hat Bibliotheken durchstöbert und Akten gefunden, an denen der Staub der
Vergangenheit haftet. Stück für Stück hat er die Morde rekonstruiert
und deckt die Eile auf, in der die Beweisführung gehandhabt worden ist.
Die Rechtschreibung, für die sich der Autor in „Der Büchermörder“
entschieden hat, ist eigenwillig. Nicht nur verweigert er sich der neuen Rechtschreibreform,
sondern geht einen Schritt weiter und bedient sich einer Orthografie, die längst
in Vergessenheit geraten ist. Dem Autor ist dies allerdings ein Anliegen, ein
sehr ernstes Anliegen: „Erfüllt mit Indignation über die
schändliche Verstümmelung der deutschen Sprache (…) sehe ich
mich zu folgender Erklärung genöthigt: Mein Fluch über Jeden,
der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich
ändert, wie es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe,
ein Interpunktionszeichen.“
„Der Büchermörder“ ist ein ungewöhnlicher Roman in
ungewöhnlicher Schreibweise, ebenso ungewöhnlich spannend und gleichzeitig
von spritzigem Humor durchzogen. Ein Roman, für den man sich Zeit nehmen
sollte, Zeit, für die man beim Lesen reich belohnt wird!
Autorenportrait:
Detlef Opitz, geboren 1956, ist gefürchteter Bibliophiler und Vielleser.
In der DDR lebte er vom Handel mit Büchern, seine eigene Bibliothek verlor
er allerdings beim Pokern. Der mit dem „F.C. Weiskopf Preis“ der
Berliner Akademie der Künste und dem „Preis der Deutschen Schillerstiftung“
ausgezeichnete Autor lebt im Berliner Prenzlauer Berg. Seit 1994 recherchierte
und arbeitete er an „Der Büchermörder“ – und verschrieb
sich völlig der kompletten Neu-Erforschung des Falles Tinius. Zur Abgabe
seines Romanmanuskripts konnte der Autor nur im Tausch gegen die seltene, von
Tinius im Gefängnis verfasste Schrift „Der jüngste Tag (Zeitz
1836)“ gebracht werden.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg