Der Ausflug

Das Ende von Little Germany, New York

Der Ausflug(dsz). New York City: Die meisten Einwanderer, die im 19. Jahrhundert den amerikanischen Traum träumten, ließen sich hier nieder. Noch heute gibt es Bezirke wie Little Italy und Chinatown. Es gab tatsächlich auch einmal ein Gebiet mit dem Namen „Little Germany“ – doch die Bewohner Kleindeutschlands wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts von einer großen Katastrophe heimgesucht. 1.021 Deutsche kamen bei einem Schiffsunglück auf dem East River ums Leben; Little Germany existierte danach nicht mehr.

Schon 1840 hatte sich New York zur deutschesten Stadt Amerikas entwickelt; die deutsche Bevölkerung dort wurde an Zahl nur noch von der Berlins und Wiens übertroffen. Die meisten dieser Einwanderer ließen sich in einem Teil der Lower East Side nieder, der als Little Germany oder, wie die Bewohner selbst es nannten, Kleindeutschland bekannt wurde. Um 1860 war dieses Viertel (…) die Heimat aller 120 000 Deutschen der Stadt.

Die Bewohner Little Germanys halten zusammen und treffen sich regelmäßig in ihrer Gemeinde St. Mark’s bei Reverend Haas. Am 15. Juni 1904 bricht die Gemeinde zu einem Ausflug mit dem Dampfer „General Slocum“ nach Long Island auf; über 1.300 Menschen gehen mit an Bord. Dann geschieht das Unfassbare: Ein Feuer entsteht, breitet sich aus und fordert über 1.000 Menschenleben.

Der Historiker und Autor Edward T. O’Donnell hat die Katastrophe von damals in seinem Sachbuch „Der Ausflug“ detailgetreu rekonstruiert. Er beschreibt die Vorfreude der Familien auf den Ausflug, die Umstände der damaligen Zeit und das Chaos, das ausbricht, als das Feuer gesichtet wird. Wie ein spannender Roman liest sich dieser Tatsachenbericht Edward T. O’Donnells, der allerdings durch die Realität des Geschehens aufs Tiefste bewegt.

Doch nicht nur die Katastrophe wird genauestens beleuchtet, auch die Hintergründe, das Fehlverhalten und die Geldgier, die zu dem Unglück geführt haben. Denn, wären Sicherheitskontrollen eingehalten worden, wären die Schwimmwesten nicht veraltet gewesen und hätte der Kapitän des Schiffes schneller und vor allem sinnvoller reagiert, hätten viele Menschen überleben können: „In Bereichen der Decks, wo die Schwimmwesten nicht in Stücke gerissen oder wo ihre Mängel nicht auf den ersten Blick ersichtlich waren, legten die Passagiere sie treuherzig und brav an und sprangen. Da sie damit beschäftigt waren, die Schwimmwesten an sich und ihren Kindern zu befestigen, fiel nur wenigen auf, dass kaum jemand, der mit einem solchen Ding am Leib im Wasser landete, wieder auftauchte. Auch Elizabeth Kirchner merkte es nicht; sie hatte mit drei Kindern zu tun. Sie und ihre beiden Ältesten konnten schwimmen, die Kleine aber, die siebenjährige Elsie, nicht. Gott sei Dank, dachte sie, als sie eine von Kahnweiler’s Never-Sink Life Preservers entdeckte und sie dem Mädchen umschnallte. Dann half sie Elsie über die Reling, ließ sie springen und wartete, dass sie wieder hochkam. Sie blieb verschwunden.

Viele Tragödien wie das der Kirchners spielen sich an diesem Tag auf dem East River ab. Obwohl der Ausflugsdampfer sich nur auf dem Fluss und nie weit vom Ufer entfernt bewegte, konnte das Unglück passieren. Edward T. O’Donnell berichtet dabei auch über die Lebensweise um die Jahrhundertwende; erklärt, warum kaum jemand schwimmen konnte und wie aus damaliger medizinischer Sicht mit Wasser- und Brandopfern umgegangen wurde.

Dabei werden viele menschliche Schicksale erwähnt; das unglaubliche Leid, das ganze Familien durch diesen Ausflug erfahren haben. Waisenkinder, Überlebende und Angehörige, die als einzige aus der Familie noch übrig sind. Schockierende Szenen haben sich an Bord der „General Slocum“ abgespielt – und auch danach, als niemand für das Schiffsunglück verantwortlich gemacht wurde, selbst nachdem herauskam, dass die Geldgier der Betreiber Schuld ist und die Katastrophe leicht hätte verhindert werden können.

„Der Ausflug – Das Ende von Little Germany, New York“, unter dem Originaltitel „Ship Ablaze. The Tragedy of the Steamboat “General Slocum”“ erschienen und aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld übersetzt, ist ein mitreißendes Buch, dass die Geschichte der Gemeinde St. Mark’s in Little Germany eindrucksvoll erzählt. Die umfassenden Recherchen von Edward T. O’Donnell geben einen Einblick in eine Welt, die heute nicht mehr existiert. Unglaubliche menschliche Abgründe gehen vor dem Leser auf, der das Unglück der Bewohner Kleindeutschlands direkt miterlebt. Unglaublich auch, dass diese große Katastrophe bis heute so in Vergessenheit geraten konnte – ein gutes Werk des Autors, sie in dieser Form festzuhalten.

Autorenportrait:
Edward T. O’Donnell, geboren 1963, lehrt amerikanische Geschichte am „College of the Holy Cross“ in Worchester. Als Experte für die Themen Stadtgeschichte und Immigration leitet er regelmäßig Führungen durch New York City. Zurzeit arbeitet er an einer Geschichte der Iren in den USA. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in Holden, Massachusetts.

Der Ausflug

Edward T. O’Donnell
Der Ausflug
Das Ende von Little Germany, New York
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
marebuchverlag, Hamburg
ISBN 3-936384-93-2
1. Auflage 2006, 420 Seiten, mit 19 s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 22,90 (D) / € 23,50 (A) / sFr 40,10

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