Das Risiko fliegt mit

Die versteckten Gefahren im Flugverkehr

Das Risiko fliegt mit(mkb). Ein gängiger Alptraum ist es, im metallenen Käfig eines Fliegers einem technischen Schaden, einem Pilotenfehler oder aber einem Terroristen zum Opfer zu fallen. Mehrmals jährlich beschäftigen sich die Nachrichtensender mit dergleichen Unfällen und Beinahe-Unfällen, haben seit 9/11 noch ein weiteres Gefahrenpotential dazu gewonnen. „Das Risiko fliegt mit“ fand Autor Tim van Beveren und hat seine Recherchen auf die Gefahren im Flugverkehr gerichtet, Erschreckendes vom menschlichen Versagen bis zur Ersatzteil-Mafia aufgetan.

Galgenhumor wohnt dem Piloten inne und so wurde der Begriff ETOPS, die Zulassung für den Flieger mit zwei Turbinen über Meer, kurzerhand auf „Engine Turns or Passagers Swim“ umbenannt. Nicht aus der Luft gegriffen, und nach fortgeschrittener Lektüre staunt der Leser auch gar nicht mehr richtig als „Airbus A330 lizenzierte Piloten sich am 24. August 2001 ernsthaft mit dem Gedanken trugen, ihren Flugzeugtyp unter der Kategorie „größtes zugelassenes Segelflugzeug“ in den Fluglizenzen eintragen zu lassen.“ Diese Ironie ist auf einen Vorfall vom 24. August 2001 zurückzuführen, als trotz anderweitig lautender Statistiken plötzlich nicht nur eine Turbine, sondern gleich beide des Airbus A330 ausgefallen sind und die Piloten eine Meisterleistung im Segelflug vollbrachten.

Nicht alle technischen Ausfälle sind jedoch so glimpflich ausgegangen: So endete der Bruch des Leitwerkes am 12. November 2001 in New York tödlich, entfachte einen Streit darüber, ob es sich um einen Pilotenfehler oder technisches Versagen die Absturzursache gewesen sein könnte. Man sprach den im Unfall getöteten Ersten Offizier schuldig, der die Seitenruder betätigte, um eine Verwirbelung eines vor ihm davonfliegenden Flugzeuges entgegenzuwirken – bis das Leitwerk abbrach und der Airbus somit unsteuerbar geworden ist. Warum aber ein Leitwerk brechen kann, darüber darf weiterhin spekuliert werden!

Um menschliches Versagen handelte es sich allerdings bei den beiden „Crossair“-Unfällen aus den Jahren 2000 und 2001. Grund war die hohe Fluktuation im Cockpit und das Einstellen von Piloten, deren Ausbildungsgrundlage und Englischkenntnisse durchaus fragwürdig erschienen. Schließlich und endlich der Zusammenstoß des Frachtfliegers von „DHL“ und dem Verkehrsflieger Typ Tupolew über dem Bodensee nahe Überlingen; die Nacht, in der es „Kinder vom Himmel regnete“. Ein Fehler des Fluglotsen, der Ausfall des Warnsystems, die Unpässlichkeit des zweiten Lotsen waren nur ein Teil der tödlich endenden Verkettung zweier Flieger, die zielsicher aufeinander zusteuerten und sich gegenseitig vom Himmel holten.

Ein nicht unerhebliches Problem stellt auch die Ersatzteil-Mafia: Das lukrative Geschäft mit Ersatzteilen und die Tatsache, dass ein Flieger, der ungenutzt am Boden steht, Tausende verschlingt. Eine Diskussion um dieses Problem findet nur am Rande statt. Eine Tatsache, die noch viele Menschenleben kosten könnte: „Es scheint, dass es in der Luftfahrtbranche Leute gibt, die verhindern, dass wir eine öffentliche Debatte über dieses Thema haben. Eine Debatte, die uns endlich weiterführen könnte. Ich frage mich, wer sind diese Leute? Wo finden wir sie? Warum schaffen sie dieses Kartell des Schweigens? Und meine letzte Frage lautet: Sitzen die Menschen, die sie lieben, nie in einem dieser Flugzeuge?“ Die Aussage eines Betroffenen, der fassungslos vor den Ursachen des Absturzes steht, die seinen Bruder das Leben gekostet hat. Und wenn man gerade bei der Mafia angelangt ist, dann ist auch der Terrorismus nicht weit weg, die im September 2001 vier Flugzeuge als Waffe nutzten, wobei zweien von ihnen einer der schrecklichsten Anschläge gelungen ist, die die Welt je gesehen hatte. Der Autor wirft nun die berechtigte Frage auf, ob dieser Anschlag hätte verhindert werden können, recherchiert und stellt fest, dass die Behörden beharrlich über verdächtige Momente der Attentäter gestolpert sind, die ebenso beharrlich wieder abgetan worden sind – das abgelaufene Visum einer der Attentäter sind da wohl nur die Spitze des Eisberges.

Was nach „Das Risiko fliegt mit“ zurückbleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack in Sachen der Verkehrsfliegerei und die Frage: Wie viel ist dem Flugreisenden seine Sicherheit wert oder: Wie viel ist der Allgemeinheit der sichere Flugverkehr wert? Nicht genügend, ist der einzige Schluss, den man nach Beenden der Lektüre, die mit 20 Schwarzweißabbildungen illustriert ist, erschrocken ziehen kann!

„Das Risiko fliegt mit“ gehört zu einem jener Notwendigkeiten, die an der Lethargie der verantwortlichen Stellen rütteln können und hoffentlich zu Maßnahmen motivieren. Die Entscheidung, ob fliegen oder nicht, bleibt allerdings beim Leser, denn das Risiko, das fliegt wohl immer mit.

Autorenportrait:
Tim van Beveren studierte Rechtswissenschaft und ist seit 20 Jahren als Gutachter und freier Journalist tätig. International gilt er als ausgewiesener Experte und kritischer Beobachter der Luftfahrtszene. Seine Filmdokumentationen zu diesen Themen sorgten ebenso für Aufregung wie der Bestseller „Runter kommen sie immer“. Er ist Inhaber einer Pilotenlizenz und arbeitet in den USA und Deutschland.

Das Risiko fliegt mit

Tim van Beveren
Das Risiko fliegt mit
Die versteckten Gefahren im Flugverkehr
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-8218-3977-5
1. Auflage 2005, 300 Seiten, mit 20 s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 19,90 (D) / € 20,50 (A) / sFr 34,90

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