Antonio im Wunderland
Vom kleinen Italiener, der auszog, seinen Traum zu verwirklichen
(flk).
Jan Weiler, der Autor dieses äußerst famosen Buches, bringt es in
seinem nicht ganz ernst gemeinten zweitem Vorwort – das erste thematisierte
lediglich den äußerst unwissenschaftlichen wie auch inflationären
Gebrauch kurzweiliger Fußnoten im gesamten Text – auf den Punkt:
„...dies das zweite Buch von mir ist, in dem es um das Fremdsein geht,
um unsere Angst vor dem Fremden, dessen mühsame und oft vergebliche Überwindung,
und um die befremdliche Welt, in der die Menschen versuchen ihren Platz zu finden.“
Recht hat er – und irgendwo doch so gar nicht, denn „Antonio im
Wunderland“ ist so viel mehr, als eine der üblichen „Wir-machen-jetzt-erstmal-einen-Sitzkreis-und-diskutieren-darüber-Erzählungen“,
die man ausgehend von dieser Beschreibung wahrscheinlich erwarten würde.
Also neuer Versuch: In der beschaulichen niederrheinischen Provinz, genauer gesagt in Krefeld, wird Antonio Marcipane nach 40 Berufsjahren in den Ruhestand verabschiedet. Kein Ereignis, das einen Roman rechtfertigt, der noch zudem seinen Namen trägt, doch warten wir erst einmal ab. Antonio ist Gastarbeiter der ersten Generation und wie man an seinem Namen erkennt, gebürtiger Italiener. Dass die diesem Völkchen nachgesagte mediterrane Lebensfreude kein bloßes Produkt teutonischer Toskanaphantasien ist, musste bereits sein „lieber Jung“, der Ehemann seiner Tochter Sara, bei zahlreichen Familienfesten erfahren. Dieser ist es auch, der den Leser in den weitverzweigten Familienclan der Marcipanes ein- und durch die turbulente Handlung führt.
Während andere Rentner die ihnen neu zugedachte Freiheit zum Rosenzüchten oder ähnlichem nutzen, schwebt Antonio etwas ganz anderes vor: „Wir macke ein schön Reise“ überrascht er in seiner typischen freien Auslegung der deutschen Grammatik eines schönen Tages seinen geliebten Schwiegersohn. Wohin die Reise geht? Nach Amerika, nach New York, der Stadt, die ihn einst aus seiner geliebten neapolitanischen Heimat gelockt hatte, die er jedoch nie erreichen sollte, weil er es vorzog, in Deutschland sesshaft zu werden. Eine Mission gibt es natürlich auch. Antonio möchte einen zu Reichtum gekommenen Jugendfreund wiedertreffen, um ihn zu überzeugen, die vom Verfall bedrohte Heimatstadt Campobasso zu retten. Und weil sich dem Erzeuger der geliebten Ehefrau nur schwerlich ein Wunsch abschlagen lässt, macht sich das Duo, lediglich begleitet von Benno, dem verschrobenen Kegelkumpel Antonios, auf den Weg nach Big Apple.
Worauf er sich da eingelassen hat, erkennt der stets bemühte Schwiegersohn
allerdings erst, als es bereits zu spät ist. Am Flughafen „JFK“
wird das Trio zunächst von Beamten der amerikanischen Bundespolizei in
Gewahrsam genommen, da unsere beiden naiven Kegelfreunde mangels adäquater
englischer Sprachkenntnisse versehentlich angegeben hatten, verbotene Betäubungsmittel
ins Land zu schmuggeln und zudem die Absicht hätten, einen terroristischen
Anschlag zu verüben. Nach weiteren Missverständnissen im Naturkundemuseum,
wo Benno versehentlich einen Saurierzahn mitgehen lässt, und einem kurzen
Intermezzo in der Bronx, das damit endet, dass die drei „Krauts“
aus der Provinz beinahe ausgeraubt worden wären, platzt dem „lieben
Jung“ schließlich der Kragen. Wie man in diesem Moloch den ominösen
Jugendfreund finden wolle, will er wissen, zumal sich schnell herauskristallisiert,
dass Antonio eigentlich keinen blassen Schimmer zu haben scheint, in welcher
amerikanischen Stadt dieser inzwischen wohnhaft ist. Manhattan ist, so dämmert
es inzwischen auch dem Senior, doch ein anderer Maßstab, verglichen mit
der Krefelder Fußgängerzone. Auch Benno wird langsam quenglig, hatte
er seiner resoluten Mutter, mit der der Frühpensionär noch immer zusammenlebt,
doch versprochen, ihr einen originalen Rauchverzehrer aus den Staaten mitzubringen.
Außerdem muss er aufs Klo. Dringend. Die Zukunft der Altstadt Campobasso,
soviel scheint klar, hängt am seidenen Schicksalsfaden dreier Landeier
in der amerikanischen Metropole schlechthin.
Wie bereits gesagt, mit einem soziologischen
Exkurs zum Thema Immigration und Integration hat „Antonio im Wunderland“
herzlich wenig zu tun. Es handelt sich hierbei vielmehr um die zunächst
einmal äußerst sachliche Wiedergabe eines Familienkurztrips nach
New York, die ihre Komik aus dem spröden Sarkasmus des Erzählers und
den großartigen Charakterstudien des Autors zieht. Tatsächlich gelingt
es Jan Weiler die absurdesten Ereignisse mit solch einem treffenden Wortwitz
zu erzählen, dass sich dem Rezensenten dieses Werkes beim Lesen das Zwerchfell
bis hin zum Muskelkater verkrampfte, was minutenlange tränenerstickte Lachsalven
hervorrief, die von seinen Mitbewohnerinnen (der Rezensent wohnt in einer Studenten-WG)
mit besorgten Blicken kommentiert wurden.
Mit Benno, der Uncoolness in Personalunion mit seinem gleichzeitigen Unvermögen,
seinen Harndrang zu kontrollieren, und Antonio, dessen radebrechendes Deutsch
und seine tiefe Affinität zur Pasta ihn zur liebenswerten Karikatur des
Italo-Alemannen machen, stehen sich im Roman zwei Charaktere gegenüber,
die unterschiedlicher nicht sein könnten, die sich aber gerade deshalb
in ihren Marotten und skurrilen Spleens zur Perfektion ergänzen. „Antonio
im Wunderland“ ist die mehr als unterhaltsame Parodie auf deutsche Befindlichkeiten
und italienische Unzulänglichkeiten gepaart mit dem amerikanischen Hang
zum Größenwahn, die sich alle drei gleich dem berühmten Bildnis
des kulturellen Schmelztiegels New York zu einem großen, neudeutsch „Clash
of cultures“ genannten Ganzen zusammenfügen. Ausbaden muss diese
Katastrophe der liebe Schwiegersohn, dem man mehr als einmal wünscht, die
ganze Blase doch einfach sich selbst zu überlassen, so sehr leidet man
mit ihm. Aber das geht natürlich nicht, denn Familie ist schließlich
Familie, nicht nur, aber natürlich ganz besonders in Italien.
„Antonio im Wunderland“ ist abstruse Komik vom Feinsten für
die italienischen Momente im Leben!
Autorenportrait:
Jan Weiler wurde 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete als Texter in der
Werbung, absolvierte dann die Deutsche Journalistenschule in München und
war viele Jahre Chefredakteur des „Süddeutsche Zeitung Magazins“.
Heute lebt er als Autor – von ihm ist auch das Buch „Maria,
ihm schmeckt’s nicht!“ – mit seiner Frau und
seinen zwei Kindern in der Nähe von München.
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