„Zürich, du mein blaues Wunder“
Literarische Streifzüge durch eine europäische Kulturstadt
(mkb).
„Zürich, du mein blaues Wunder“, wütete der Schriftsteller
Niklaus Meienberg und machte sich über die Stadt und ihre Bewohner her:
eine geistlose Stadt sei Zürich, beherrscht vom Geld, die Leute seien ohne
intellektuelle Qualitäten, bedacht auf Handel und Wandel, Sauberkeit, Ordnung
und Ruhe; zu viele Akademiker, zu wenig Intellektuelle. Ihre Lektüre: Börsenkurse.“
– Irrtum, beschloss Ute Kröger und liefert mit ihrem Buch „Zürich,
du mein blaues Wunder“ den Gegenbeweis, nimmt den Leser auf eine literarische
Reise durch Zürich mit, lässt sich überall dort nieder, wo Literatur
in Zürich ihre Spuren hinterlassen hat und deren gibt es ausreichend, beachte
man alleine den Umfang des Buches von knapp 500 Seiten!
Literatur findet am Zürichsee und der Limmat, im Niederdorf und dem Schauspielhaus
statt. Auf der abgebildeten Zürichkarte hat die Autorin die Standorte erwähnter
literarischen Begebenheit markiert, beginnt mit dem Restaurant Kronenhalle,
welches die Bühne heftiger Debatten und feuriger Diskussionen um Politik,
Wirtschaft und Zusammenleben geworden war, die schon mal in einem Gefühlsausbruch
enden konnte: „Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt ‚freunden’
sich hier ‚wacker auseinander’, wie Dürrenmatt 1986 in einem
Brief an Frisch bemerkt (...)“. Keine Ausnahme, schließlich
und endlich politisiert sich auf neutralem Pflaster besonders ungehemmt: Linke
und rechte Flügel krachten mit der Neutralität im Rücken aufeinander,
wobei den Künstlern alleine von Berufs wegen der linke besser als der rechte
steht. Auf dieser Grundlage studierte auch Rosa Luxemburg acht Jahre lang, ein
Denkmal erinnert an ihre Zeit auf Schweizer Parkett. Neutraler Grund auch für
Vertriebene aus dem Nazi Deutschland, deren Schaffen die besondere Prise Zürich
in sich trugen. Bertold Brecht, Hans Weigel und Carl Zuckmayer sind nur einige
der Emigranten, deren Pfade sich durch Zürich ziehen.
Zürich zeigt sich viel umschwärmt und mindestens so umstritten, entweder
Weltstadt oder Heimat der Kleingeister. Luc Bondy, international renommierter
Regisseur, in Zürich geboren und Frankreich lebend, reflektierte die Stadt
folgendermaßen: „(...) überall vorwurfsvolle Mienen, nur
verbissene, schlechtgelaunte enge Gestalten.“ Auf die Bitte nach
einer Wegbeschreibung fing er die schnippische Bemerkung ein, er scheine den
Gefragten wohl mit dem Auskunftsbüro zu verwechseln! Auch Thomas Mann hatte
einen Blick auf Zürich geworfen und den privaten Teil in „Doktor
Faustus“ verarbeitet, dem Schweizer Ehepaar Reiff und seinem „Geniehospiz“
ein literarisches Denkmal gesetzt oder seinen Protagonisten „Felix Krull“
nach Vorbild eines von ihm verehrten Kellners im Dolder Grand Hotel gemalt.
Hermann Hesse wiederum verbrachte die Winter im „Schanzengraben 31“,
schwankte dort zwischen Depressionen und Festivitäten, hinterließ
seine Eindrücke im teilweise dort entstandenen „Siddhartha“
und „Der Steppenwolf“.
Ute Kröger führt in sieben Etappen durch das literarische Geschehen
Zürichs. Angefangenen bei dem literarischen Betrieb, über das 18.
Jahrhundert, der kulturellen Hochblüte Zürichs, die Kinderliteratur,
Liebespaare und Emigranten. Johanna Spyri und Gottfried Keller waren in Zürich
kreativ, ebenso Max Frisch, Rainer Maria Rilke, Robert Walser und Ingeborg Bachmann.
Bekannte und weniger bekannte Literaten verkehrten in den Gassen und Straßen,
ließen und lassen noch durch eine Börsenstadt die musische Ader pochen.
„Zürich, du mein blaues Wunder“ verleitet zum interessierten
Durchblättern bis man sich zwangsläufig festgelesen hat, und spätestens
dann wird aus einem Überfliegen ein intensives Leseerlebnis. Man kommt
am Ende unweigerlich zur Erkenntnis, dass das „blaue Wunder“, welches
man in Zürich erleben wird, auf gar keinen Fall frei von Literatur ist!
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