Wolf sein
Ein Schaf im Wolfspelz
(pr).
„Entdecke den Wolf in dir!“ – so etwa könnte die Aufforderung
lauten, der das bis dahin ungefährliche Schaf Kalle nachkommt. In dem Kinderbuch
„Wolf sein“ von Autorin Bettina Wegenast sucht das Büro der
Stellenvermittlung einen neuen Wolf, da der alte zuvor gestorben ist. Der lebensfrohe
Kalle ist von der Idee ein Wolf zu sein derart begeistert, dass er sich bei
dem Zwerg, der in dem Büro arbeitet, für die Stelle bewirbt und sie
auch bekommt. Sein Freund Locke kann sich mit diesem Gedanken überhaupt
nicht anfreunden, begleitet ihn aber, statt – wie zu erwarten wäre,
wenn plötzlich der böse Wolf neben einem steht – zu fliehen.
Locke weiß allerdings auch, dass es sich bei der gefährlichen Kreatur
nur um ein Schaf im Wolfspelz handelt und hat daher keine Angst.
Seine Rolle als Wolf will Kalle nun richtig auskosten und plant, seinen Freund
René, mit dem er noch eine Rechnung offen hat, zu erschrecken. Locke
findet zwar keinen Gefallen an diesem Plan, macht aber mit. Zusammen locken
sie René in den Wald, und ehe Locke begreifen kann, was der Wolf eigentlich
vorhat, ist René auch schon in Kalles Bauch verschwunden. Erst da bemerkt
Locke, dass sein Freund zum Feind geworden ist und will sich bei dem Zwerg beschweren.
Dieser gibt ihm zu verstehen, dass nur der Jäger noch versuchen kann, René
aus dem Bauch des Wolfes zu retten. Doch da es momentan keinen Jäger gibt
und diese Stelle ebenfalls ausgeschrieben ist, nimmt Locke diesen Job an. Die
Situation spitz sich zu. Was nun folgt ist ein erstklassiges Rollenspiel…
.
Seit dem Tod des Wolfes hätte alles so friedlich sein können, doch
stattdessen wird Kalle zu dieser Fleisch fressenden Bestie, für die Freundschaft
und Solidarität Fremdwörter sind und die keine Rücksicht auf
ehemalige Freunde oder Kameraden nimmt. Um die Gefahr zu bannen, schlüpft
Locke in die Rolle des Jägers und stellt sich somit über den Wolf.
Die Machtspielchen sind in vollem Gange. Wer wird gewinnen? Was passiert mit
René? Wird er verdaut, oder kann er doch noch aus dem Bauch des Wolfes
gerettet werden? Diese Fragen beantwortet auf eine sehr unterhaltsame und spannende
Weise die Autorin Bettina Wegenast, die in ihrem Buch das für Kinder ab
sechs Jahren gleich an mehrere Wolfgeschichten erinnert. Details wie die rote
Mütze des Zwergs werden von ihr nicht unüberlegt genannt. Bei jedem,
der die Geschichte von „Rotkäppchen“ kennt, klingeln sofort
alle Alarmglöckchen. Und auch die innerhalb der Geschichte aufgezählten
wesentlichen Merkmale des Wolfes, wie etwa große Ohren und spitze Zähne,
lassen Assoziationen mit „Rotkäppchen“ zu. Elemente aus der
Geschichte „Der Wolf und die sieben Geißlein“ sind ebenfalls
in „Wolf sein“ zu finden. Diese inhaltlichen Bezüge dieser
Geschichte zu anderen sind unverkennbar und sorgen für richtige Erfolgserlebnisse,
wenn man als Leser diese Bezüge aufgedeckt hat.
Bettina Wegenasts Erfolgsstrategie ist ebenfalls aufgedeckt: Man nehme ein paar
Ideen aus anderen Wolfgeschichten und füge seine eigenen dazu. Letztere
stellen natürlich den größeren Teil dar und sind nicht weniger
unterhaltsam als die bereits bekannten. Schon allein die Idee, nach dem Tod
des Wolfes einen neuen zu suchen, stößt beinahe an die Grenzen des
menschlichen Einfallsreichtums. Was hat sie sich wohl dabei gedacht? Muss es
einen neuen Wolf geben, damit das natürliche Gleichgewicht zwischen Gut
und Böse wieder hergestellt wird? Erkennen wir das Gute nur in Abgrenzung
vom Bösen? Wie und warum kann eine Maske oder ein Kostüm unsere Gesinnung
ändern? Darf sich ein Leser dieser Kindergeschichte so tiefgründige
Fragen stellen? Er darf! Denn „Wolf sein“ steht in der Tradition
von Märchen und enthält wie diese moralische Wahrheiten. Kinder lernen
richtig zu handeln, indem sie sehen, wie in Geschichten agiert wird. Das Gute
wird ihnen vorgelebt. Schon allein deshalb muss es immer siegen. Geschichten,
insbesondere Märchen, dienen somit als Handlungsmuster und moralische Orientierungshilfe.
Dieser lehrreiche Effekt des Buches „Wolf sein“ steht aber nicht
im Mittelpunkt des Interesses, schon gar nicht in dem der jungen Leser. Ein
Buch sollte zunächst einmal Spaß bereiten, was diesem hier gelingt.
Das Buch, das zugleich Vorlese- und Bildergeschichte ist, eignet sich nicht
nur zum Lesen, sondern auch zum Nachspielen. Die Autorin, die auch Theaterstücke
schreibt, hat sich somit etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um Kindern
eine Freunde zu bereiten. „Immer nur lesen“, heißt es oftmals
aus gelangweilten Kindermündern. Mit diesem Buch haben sie die Möglichkeit,
die gelesene Geschichte lebendig werden zu lassen.
Die zahlreichen Illustrationen von Katharina Bußhoff sind sehr aussagekräftig
und für das Nachspielen inspirierend. Die schwarzweißen Zeichnungen
liefern viele Informationen, wie die in dem Buch beschriebene Handlung aussehen
könnte, ohne die Kreativität der Kinder einzuschränken. Sie sind
sehr übersichtlich und untermalen die Geschichte, ohne zu sehr ins Detail
zu gehen.
Und die Moral von der Geschicht’? – Wolf sein gehört sich nicht!
Jeder sollte nur eine Rolle spielen: Seine eigene, denn die beherrscht er bekanntlich
am besten.
„Wolf sein“ ist ein spannendes, witziges und zugleich lebhaftes
Buch, das Kinderherzen schneller schlagen lässt!
Autorenportrait:
Bettina Wegenast wurde 1963 in Bern geboren, war Lehrerin und Journalistin und
gründete 1991 in Bern eine Comic-Buchhandlung. Sie schreibt seit über
zehn Jahren, insbesondere Theaterstücke und Kinderbücher. Sie ist
verheiratet und hat zwei schon ziemlich große Kinder.
Illustratorenportrait:
Katharina Bußhoff wurde 1971 geboren und wuchs in Neustadt/Holstein auf.
Sie studierte Illustration am Fachbereich Gestaltung der „Fachhochschule
Hamburg“ und an der „Akademie der Schönen Künste“
in Breslau/Polen. Sie lebt in Berlin und zeichnet für Kinder und Erwachsene.
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