Watching the Boys Play
Frauen als Fußballfans
(hpe).
„Der Figo ist ja sooo süß.“ – Fußball mit
Frauen zu gucken, kann eine Qual sein. Zum Glück kommen derart überflüssige
Bemerkungen ja nur alle zwei Jahre vor, bei Europa- oder Weltmeisterschaften.
Doch sie sind nicht alle so. Autorin Nicole Selmer hat in „Watching the
Boys Play“ die andere Seite der Frau beobachtet. 22 Interviewpartnerinnen
plaudern mal nicht aus dem Nähkästchen sondern aus dem Stadion.
Viele erinnern sich daran, wie sie zum Fußball kamen. Meist sind das Zufälle,
denn für Frauen wird eigentlich eher das Puppenhaus gekauft statt der „Pille“.
Nicole Selmer drückt das so aus: „Mädchen gehen eher davon
aus, dass sie Fußball hassen, eben weil sie Mädchen sind.“
Es bedarf also bei vielen eines Anstoßes oder eines Zufalls, wie bei Judith,
deren Bruder nicht zu „St. Pauli“ konnte. Deshalb sprang sie ein
und erklärt nun trocken: „Seitdem musste mein Bruder immer zu
Hause bleiben.“
Wenn die fußballbegeisterten Mädchen und Frauen anfangen, über
das Leben nah am Ball zu erzählen, kommt auch bei „Watching the Boys
Play“ Leben in die Bude. Davor stehen allerdings noch ein paar theoretische
Betrachtungen der Autorin. Da werden historische Texte zitiert und nur ab und
zu mal Nick Hornbys Fußballbibel „Fever Pitch“. Der sehr enge
Zeilenabstand und die nur vereinzelt mit Schwarzweiß-Fotos, meist von
der Autorin gemacht, aufgelockerte Optik, verstärken den Eindruck, eine
wissenschaftliche Abhandlung in den Händen zu halten. Irgendwie hat man
das Gefühl, dass es Nicole Selmer selbst erst während sie ihr Buch
schrieb klar wurde, dass man die Theorie am besten mit Beispielen aus der Praxis
erklärt. Denn je weiter man liest, desto öfter lässt sie ihre
Gesprächspartnerinnen zu Wort kommen. Und die erzählen freimütig,
wie sie ihre Liebe zum Ball entwickelten.
Da ist der Vater, der sich einen Sohn gewünscht hätte und dann die
Tochter ins Stadion mitschleppt. Aber es gibt auch den anderen Fall, dass man
sich gegen den Widerstand der Eltern durchsetzen muss. Den Prototyp
des weiblichen Fans gibt es also nicht. Was für viele Jungs unvorstellbar
wäre: Manche gucken zwar gerne Fußball, haben aber gar keinen Lieblingsclub.
Oder sie wissen viel über die Stars der Welt- und Europameisterschaften,
interessieren sich aber nicht für die Bundesliga.
Viele lieben die Atmosphäre in den Arenen, wie etwa Carina und Dagmar,
die sich im Kölner Frauen-Fanclub mit dem sehr doppeldeutigen Namen „Always
Ultras“ engagieren. „Das zweite Zuhause“, ein Ausdruck,
der häufiger fällt. Mit diesem Gefühl werden sich auch die Männer
identifizieren können. Weniger vielleicht mit der Einschätzung, Fußball
sei mit einer Daily Soap vergleichbar. Dieser Vergleich und die Tatsache, dass
frau eben doch einmal mehr auf den straffen Hintern von Ballack guckt, offenbart
den Unterschied zwischen Mann und Frau – beim Fußballgucken selbstverständlich.
Und diesen Unterschied zelebriert Nicole Selmer in „Watching the Boys
Play“ genauso wie die Gemeinsamkeiten. So ist auch ihr Schlusssatz für
alle gedacht, die den Fußball wirklich lieben: „Wir sind 83
und wollen im Stadion sterben, natürlich am liebsten bei einem Sieg.“
Autorenportrait:
Nicole Selmer, geboren 1970 in Flensburg, Studium der Skandinavistik und Germanistik.
Sie lebt und schreibt heute in Hamburg, wurde mit der WM 1982 fernsehfußballsozialisiert
und hegt eine Liebe auf Distanz zu „Borussia Dortmund“.
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