Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein
Eine Zeitreise zwischen Dichtung und Wahrheit
(bhs).
Island. Eine herbschöne Landschaft. Ein Kind findet einen reglosen Greis
nahe dem einsamen Schafhof seines Vaters. Gastfreundschaft ist in Island hoch
angesiedelt. So nimmt der wortkarge Viehbauer den Alten auf. Nach und nach kehren
beim Greis die ersten Erinnerungen zurück. Die Menschen kommen ihm bekannt
vor. Den armseligen Hof kennt er. Gespräche klingen seltsam vertraut, zu
intim, hölzern, manchmal peinlich.
Zu seinem Entsetzen begreift der Alte, dass er scheinbar 40 Jahre in die Vergangenheit
versetzt worden ist. Und ihm wird klar, wo er sich befindet. Dass er der berühmteste
Schriftsteller Islands ist. Offensichtlich ist er in einem seiner alten Romane
aufgewacht, an einem Ort mit dem vielversprechenden Namen Höllental.
Tatsächlich ist es für Einar Grímson die Hölle, die er
von nun an erlebt. Hilflos ist er seiner eigenen Story ausgeliefert und muss
sein eigenes Leben von Grund auf überdenken: Sei es seine politische Haltung,
die einstige Verehrung Stalins, seine Feigheit, egoistischen Eitelkeiten, seine
Unfähigkeit zur Liebe. Ein ganzes Jahrhundert wirbelt farbenfroh und facettenreich
am Alten vorbei. Und auch der Leser kann sich davon nicht frei machen.
Dem Autoren Hallgrímur Helgason ist mit „Vom zweifelhaften Vergnügen,
tot zu sein“ ein herrliches Spiel mit Dichtung und Wahrheit gelungen.
Sensibel von Klaus-Ludwig Wetzig aus dem Isländischen übersetzt, entsteht
eine zauberhafte Gratwanderung zwischen Wahrheit und Erfindung. Wortspiele unterstreichen
das Dichterische. Karge Natur und ihre Schönheit wird in derart knappen
Worten beschrieben, dass Bilder entstehen.
Ein „hochbetagter Herr mit eingefleischtem Hass auf die aknepustelige
Musik der jungen Generation“ wirkt für sich. Grimmig, hölzern,
ein veralterter Redestil, der zunehmend jünger wird, je verjüngend
auch das Durchlebte auf den greisenhaften Helden wirkt. Als der Alte am Ende
sogar seine Manneskraft wiedererlangt, verschwindet auch der kauzige Tonfall
allmählich, um einem zeitgemäßen Stil zu weichen. Hier zeigt
sich Hallgrímur Helgason als grandioser Ironiker, malt Karikaturen „mit
Kaugummi im Maul, Klapperschlangenmusik in den Ohren, Pornofilmen vor den Augen,
Wunderdrogen in den Adern und einem idiotischen Grinsen auf den Lippen“
und erfreut den Leser mit stilvollem Wortwitz.
„Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein“ ist ein Genuss mit
Anspruch: Fesselnde Landschaften, herrliche Dichtung und Wahrheiten, die sich
oftmals erst in selbiger zu finden scheinen!
Autorenportrait:
Hallgrímur Helgason, 1959 geboren, ist einer der meistgelesenen Autoren
Islands. Er studierte zunächst Malerei in München, Paris und New York,
wo er mehrere Ausstellungen hatte, und fing dann an zu schreiben: Drei Romane
sind bisher veröffentlicht und ein Gedichtband. Er zeichnet eine Comic-Serie
für eine isländische Zeitung, hat zwei Bühnenstücke geschrieben
und macht gern den stand-up-comedian. Für seinen Roman „Vom zweifelhaften
Vergnügen, tot zu sein“ wurde er mit den beiden wichtigsten Preisen
seiner Heimat ausgezeichnet, dem „Isländischen Literaturpreis“
und dem „Literaturpreis der Isländischen Buchhändler“.
Die Übersetzung wurde als ebenso preiswürdig eingeschätzt: Karl-Ludwig
Wetzig wurde mit dem Preis der Dialog-Werkstatt Zug ausgezeichnet.
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