Venezia

Außergewöhnliche Fotografien von Inge Morath aus dem Jahr 1955

Venezia(pr/sl). 1955 arbeitete die damals noch unbekannte Fotografin Inge Morath in einer Zusammenarbeit mit Mary McCarthy an einem Bildband über Venedig. Zahlreiche Fotos, die Inge Morath dafür schoss, sind in dem Bildband „Venezia“ versammelt. Diese Fotos zeigen ein anderes Venedig, ein Venedig aus dem Jahr 1955, ein Venedig der Einheimischen. Denn Inge Morath hat es vermieden, den ausgelatschten Trampelpfaden der Touristen zu folgen. Sie hat lieber die Arbeiterviertel und Seitengassen dieser einmaligen Stadt durchstreift und dabei vor allen Dingen Menschen fotografiert. Die Texte zu diesem Bildband, herausgegeben von Kurt Kaindl und Brigitte Blüml, sind durchgehend zweisprachig gehalten, in Englisch und Deutsch.

Die Einleitung von Karl-Markus Gauß zu diesem einmaligen Bildband beschreibt, wie der Autor Venedig erlebte, als er dort selber wohnte. Auch er wollte nicht nur das Venedig der Touristen sehen. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt kamen ihm die alten Bilder von Inge Morath wieder in den Sinn, die 50 Jahre nach ihrem Entstehen viel mehr das ursprüngliche Venedig einfangen, als die bekannten Fotos von zahlreichen Sehenswürdigkeiten.

Die Fotos in „Venezia“, von denen bisher nur wenige veröffentlicht wurden, sind alle Schwarzweiß und versprühen so einen unbestimmten Zauber. Sie sind Einblicke in eine Stadt, die jeder Tourist kennt, deren wahres Leben diesem jedoch meist verborgen bleibt. Natürlich hat auch Inge Morath den Markusplatz mit der Basilika San Marco fotografiert. Die meisten Fotos zeigen jedoch unbekannte Gegenden. Da gibt es einen Mann, der viele Körbe auf seinem Kopf trägt, alte Frauen, die durch eine Glasscheibe fotografiert wurden, eine Frau, die vor einem Café Gemüse schält, einen Möbeltischler bei der Arbeit und vieles mehr. Inge Morath hat ebenfalls religiöse Aspekte der Stadt festgehalten. Mehrere Fotos zeigen eine Prozession über den „Campo dei SS. Giovanni e Paolo“, ein weiteres eine Beerdigungsgondel. Zusätzlich gibt es Fotos der benachbarten Insel Burano. Auch dort sieht man Menschen, die ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen. Ein Foto zeigt die Spiegelung eines Turms, ein weiteres Wäscheleinen, die im Wind flattern, und man sieht Kinder, die mit einem Waschbrett Kleidung waschen. Bilder von einem Venedig, das kaum noch jemand so kennt. Die Fotos haben nur teilweise Bildunterschriften. Die Bemerkungen Inge Moraths wurden übernommen, bei ungekennzeichneten Bildern wurde versucht, den Ort ausfindig zu machen. Wo dies nicht möglich war, wurden die Bilder einfach ungekennzeichnet abgedruckt. So ist es eine Intention des Bildbandes, Stimmungen und Eindrücke einzufangen.

Im Anschluss an die Fotos findet sich in dem Buch ein Essay von Peter Weiermair, der die Kunst der Fotografie Inge Moraths beschreibt. „Inge Morath ist nicht Fotografin lauter Pointen, ihre Bildgestaltung und Bildfindung ist stiller, der „entscheidende Moment“, an dem sie abdrücken muß, ist kein Grund für einen Pistolenschuß, sondern Ausdruck eines Verständnisses, welches diese polyglotte, im Vielvölkerstaat Österreich geborene Weltbürgerin leise, wehmütig zum Vorschein brachte, all dies durchaus Merkmale eines Stils, der sich beweisen und objektivieren läßt.

„Venezia“ ist ein stimmungsvoller Bildband, der den Alltag Venedigs in den 50er Jahren zeigt und somit ein eindrucksvolles Porträt dieser außergewöhnlichen Stadt bietet, wie es heute leider nicht mehr zu finden ist!

Autorenportrait:
Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren, wo er als Autor und Herausgeber lebt.
Peter Weiermair, geboren 1944 in Steinhöring (Oberbayern), ist ehemaliger Direktor des „Frankfurter Kunstvereins“ und des „Rupertinums“ in Salzburg, derzeit Direktor der „Galleria d’Arte Moderna“ in Bologna.

Fotografenportrait:
Inge Morath wurde 1923 in Graz geboren und lebte mit ihrem Mann, dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller, zuletzt in Connecticut, USA. Nach ersten Arbeiten als Textjournalistin in Wien geht sie 1949 zusammen mit dem Fotografen Ernst Haas nach Paris, um mit der Fotoagentur „Magnum“ zusammenzuarbeiten. Etwas später begann sie ihre eigene fotografische Karriere. Ihre Fotos wurden in Einzelausstellungen bedeutender Museen gewürdigt. 1991 wurde ihr der erstmals vergebene „Österreichische Staatspreis für Fotografie“ verliehen. Inge Morath stirbt am 30. Januar 2002 in New York.

Venezia

Kurt Kaindl und Brigitte Blüml (Hrsg.)
Venezia
Mit Fotos von Inge Morath
Otto Müller Verlag, Salzburg
ISBN 3-7013-1039-4
1. Auflage, 112 Seiten, mit 82 s/w-Fotos, Leinen gebunden mit Schutzumschlag, Format 23,5 x 27,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 36.- (D) / € 36.- (A) / sFr 60,80

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