Und was kommt nach tausend?
Eine Bilderbuchgeschichte vom Tod
(asp).
Wenn ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr da ist, bricht für viele
„Daheimgebliebenen“ eine Welt zusammen. Sein Tod lässt eine
schmerzhafte Leere zurück, Trost zu finden, fällt unendlich schwer.
Kinder finden häufig ihren ganz eigenen Weg mit dem Verlust umzugehen,
und vielleicht sind gerade sie es, von denen wir Erwachsenen lernen können,
mit Tod und Trauer umzugehen. – Wie von der kleinen Lisa im Bilderbuch
„Und was kommt nach tausend?“. Gemeinsam mit ihrem besten Freund
Otto genießt sie das Leben in vollen Zügen. Otto ist zwar schon alt
und geht am Stock, aber niemand kann so gut Kirschkerne spucken und Lisa das
Leben erklären wie er. Lisa kann ihn alles fragen, denn Otto weiß,
was nach tausend kommt, weiß, dass sich Gras auf dem Kompost in Erde verwandelt
und wie die Bäume wachsen. Nur mit Otto kann Lisa den Indiander-Siegestanz
tanzen, als sie mit ihrer Steinschleuder den Blechbüffel erlegt.
Doch dann ist Otto eines Tages krank. Nichts kann ihn nach draußen locken,
nicht einmal die reifen Stachelbeeren. „„Musst du bald sterben?“,
fragt Lisa und streichelt Ottos Hand. „Mhmm!“, nickt Otto, „ich
glaube schon.““ Von nun an bleibt Otto im Bett, er liegt müde
in den Kissen und redet fast gar nicht. Lisa kommt ihn jeden Tag besuchen, hält
ihm manchmal die Hand. Und dann ist Otto gestorben. Lisa ist furchtbar traurig
und kann nicht verstehen, warum Otto sie alleingelassen hat. Doch plötzlich
muss sie daran denken, was Otto ihr über die Zahlen erzählt hat. „Die
sind einfach in uns drin und hören niemals auf“, hat er damals
gesagt, und Lisa begreift: „…mit Otto ist das wie mit den Zahlen,
er ist einfach in uns drin und hört niemals auf“.
Die Künstlerin Anette Bley hat den Mut gehabt, über das Tabuthema
Tod ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren zu machen, eines, das auf
so einfühlsame, sensible und tröstliche Weise die Endlichkeit des
Lebens thematisiert, dass es weit mehr ist, als nur ein Kinderbuch. „Und
was kommt nach tausend?“ ist ein tröstendes Buch, gerade auch für
Erwachsene in seiner Tröstlichkeit ehrlich und wahr, denn es verzichtet
auf Geschichten vom lieben Gott oder den Engeln. Die Menschen leben in unserer
Erinnerung weiter, das ist es, was Lisa erkennt und was Anette Bley ihren Lesern
mit auf den Weg geben will – eine Botschaft, die sie in einfühlsame
Texte und großartige Illustrationen umgesetzt hat.
Ihre poetischen Bilder vermitteln ein tiefes Gefühl von Liebe und Übereinstimmung
zwischen Otto und Lisa, die Zuneigung der beiden Freunde zueinander strahlt
aus den Bildern förmlich ins Herz der Leser. Dabei beweist Anette Bley
viel Liebe zum Detail, was nicht zuletzt die Skizzen am Rand der Geschichte
beweisen, die Lisas ganz persönliche Sicht auf die Zeit mit Otto zeigen.
Als Otto krank wird, verfärben sich auch die Blätter an den Bäumen
braun – so entsprechen die Stimmungen der Illustrationen denen der Geschichte.
Das Bild über Ottos Tod hat mich persönlich am tiefsten berührt:
Zu sehen ist Otto in seinem Bett, an dem Lisa und ihre Mutter ihn traurig ansehen.
Um seinen Kopf herum werden die Farben immer blasser und so wird sein „Verschwinden“
sichtbar, ohne bedrohlich zu wirken. Auch Lisas Trauer, ihre Wut, das Gefühl
alleingelassen worden zu sein, ihre Tränen, ihr Trost in der Erinnerung
an Otto – Anette Bleys Illustrationen vermitteln mehr als tausend Worte
sagen können – einfach gelungen.
„Und was kommt nach tausend?“ berührt zutiefst. Die Poesie
der Bilder und die sensiblen Texte dieser Bilderbuchgeschichte über das
Abschiednehmen machen den Tod vielleicht nicht verständlicher, den Schmerz
darüber aber ein kleines Stückchen erträglicher. Die Erkenntnis,
dass geliebte Menschen nach ihrem Tod in unserer Erinnerung weiterleben wie
auch wir einmal in der Erinnerung anderer weiterleben werden, ist tröstlich
und kann kaum einfühlsamer vermittelt werden, als es das Bilderbuch „Und
was kommt nach tausend?“ tut – eine großartige Leistung!
Autorenportrait:
Anette Bley, geboren 1967, erklärte sich als Kind die Welt über das
Zeichnen, ähnlich wie ihre Hauptfigur Lisa. Die Freude am zeichnerischen
Vermitteln von Gedanken hat sie in ihrem Studium der Grafik und Malerei in den
USA, Mannheim und München vertieft. Heute arbeitet Anette Bley als Illustratorin,
Autorin und Dozentin in München.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg