Train Days
Auf Güterzügen durch die Weiten Amerikas
(flk).
Es gibt sicherlich komfortablere und auch weniger gefährliche Möglichkeiten
zu reisen, dafür aber wird sich nur schwerlich eine andere Spielart der
Fortbewegung finden, die es in punkto Verwegenheit und Abenteuergeist mit dem
Trampen aufnimmt. Eine besondere Unterart – für manchen Zeitgenossen
vielleicht auch Unart – ist hierbei das in den USA verbreitete „Entern“
von Güterzügen, um mit ihnen durch die Weiten des Landes günstig
von einem Ort zum nächsten zu gelangen. In seinem autobiographisch geprägten
Werk „Train Days“ nimmt uns Autor Eddie Joe Cotton mit auf seine
erste Reise auf den stählernen Giganten, die auf den ihnen vorgezeichneten
Schienensträngen ihre Fracht durch die Vereinigten Staaten ziehen.
Der Protagonist ist der junge Eddie Joe Cotton selbst, der, im zarten Alter
von 19 Jahren, seinen alten Herrn nach einem Streit hinter sich lässt und
hinaus zieht in die weite Welt. Sehr schnell muss er aber feststellen, dass
mit den paar Dollar, die sich in seiner Tasche finden, kein großer Staat
zu machen ist. Weder lässt sich damit das Frühstück im Motel
bezahlen, noch das Motel selbst und schon mal gar nicht die Reise nach Mexiko,
dem Land, von dem ihm eine vergilbte Postkarte Sonne, Glück und braungebrannte
Señoritas verheißt. In dieser Lage trifft er schließlich
den alten Alabama, einen so genannten „Hobo“, der die letzten 40.
Lenze seines Lebens auf Güterzügen verbracht hat, und der –
so könnte man es ausdrücken – für ein bürgerliches
Leben nicht mehr zu „resozialisieren“ ist. Schnell kommt eins zum
anderen, und bald sitzt der junge Ausreißer an der Seite seines neuen
Mentors und Lehrmeisters in einem verrosteten Getreidewagen gen Süden.
Die Odyssee beginnt und endet vorläufig erst einige Wochen später
in Las Vegas, wo sich Eddie Joe Cotton entscheiden muss, ob er zu seinem Vater
zurückkehrt, oder sein gerade begonnenes Vagabundenleben fortführt.
Dazwischen liegen Tage der Euphorie, aber auch der Verzweiflung, Stunden, an
denen der Pioniergeist über das Heimweh siegt und andere, an denen der
Junge sich wünscht, diesen Trip nie begonnen zu haben. Die Züge kriechen
durch die sengende Sonne der Salzwüsten, überqueren die Rocky Mountains,
stehen für Tage in gottverlassenen Orten des Mittleren Westens, in denen
sich nicht einmal mehr Fuchs und Hase eine gute Nacht wünschen würden.
Immer mit dabei: Die blinden Passagiere, die Tramps und Hobos, in deren seltsame
Gemeinschaft Eddie Joe Cotton langsam hineinzuwachsen beginnt. Er trifft auf
Vietnamveteranen, die, vollgepumpt mit Amphetaminen, ihren inneren Zwängen
folgen und vor der Realität davonlaufen. In Obdachlosenunterkünften
wird er beinahe verprügelt, an besseren Tagen sitzt er mit mexikanischen
Wanderarbeitern auf einem Waggon und raucht den Stoff, aus dem Träume gemacht
sind, während der Fahrtwind ihm das schmutzige Haar zerzaust und das sonore
Geruckel der Räder auf den Schienensträngen sie in den Schlaf zu wiegen
beginnt.
Das von Jochen Schwarzer aus dem Amerikanischen übersetzte Werk „Train
Days“ ist ein großartiges Stück Reiseliteratur der anderen
Sorte. Eddie Joe Cotton führt den Leser ein in eine Gemeinschaft der Außenseiter,
die im 21. Jahrhundert in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder
der Erde ein Leben führen, wie es ihre Vorgänger beim Bau der großen
Eisenbahnlinien ein Jahrhundert zuvor auch schon taten. Tatsächlich fühlt
man sich mehr als einmal an die bekannten Werke eines Jack London erinnert,
in dessen Geschichten der Pioniergeist der ersten Siedler und Goldsucher ebenso
lebendig wird, wie die Rastlosigkeit der Hobos in „Train Days“.
Die Sprache des gesamten Buches ist nüchtern und karg, harmonisiert dafür
aber umso besser mit den seltenen Momenten, in denen für die verdreckten
und übernächtigten Männer auf den Waggons im sprichwörtlichen
Sinne die Sonne aufgeht. Eddie Joe Cotton erlebt auf seiner Reise Dinge, die
sich kein Pauschalurlauber jemals zu träumen erdreisten würde. Selbsternannte
Sheriffs bedrohen ihn des Nachts, Feldarbeiter teilen ihre Mahlzeit mit ihm
und eine kesse Wasserstoffblondine sogar ihr Bett. Ein Leben, so grau in seiner
Melancholie und gleichzeitig so bunt in seiner Vielfalt. Prostituierte sind
ebenso ein Bestandteil dieses seltsamen Mikrokosmos am Rande der amerikanischen
Yuppi-Gesellschaft, wie auch die in längst geschlagenen Dschungelkämpfen
behafteten Vietnamveteranen und die Jugendlichen, die aus der Tristesse ihrer
Elternhäuser auf die Straße fliehen. „Wild und frei wie
die Kojoten streifen sie durchs Land“, heißt es im Text einmal,
aber das ist nicht ganz richtig, denn ganz und gar ungebunden sind sie nicht.
Sie alle haben ihre Vergangenheit, an der sie wie der junge Eddie Joe Cotton
hängen, sie alle haben noch Träume, für die sie all die Entbehrungen
auf sich nehmen und ertragen – diese innere Zerrissenheit darzustellen
ist wohl der größte Verdienst von „Train Days“.
Zudem wartet „Train Days“, das in den USA unter dem Titel „Hobo
– A Young Man’s Thoughts on Trains and Tramping in America“
erschien, noch mit einigen grobkörnigen Schwarzweiß-Aufnahmen des
Hobo-Daseins auf. Ein mehrseitiger Anhang, der die wichtigsten Begriffe aus
der Sprache der Tramps in aller Ausführlichkeit erklärt, beschließt
dann dieses faszinierende Werk.
„Train Days“ ist ein literarisches Roadmovie der ganz besonderen
Art, das den Leser mitnimmt auf eine Reise, die in ihrer Widersprüchlichkeit
nicht eindringlicher sein könnte!
Autorenportrait:
Eddy Joe Cotton, geboren 1970 in Denver, Colorado, war seit seinem 19. Lebensjahr
auf Güterzügen quer durch Amerika unterwegs. Heute zieht er mit seiner
„Hobo Jug Band“ samt „Vaudeville Varieté“, genannt
„The Yards Dogs Road Show“, von San Francisco aus durchs Land. „Train
Days“ ist sein erstes Buch.
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