Tod in Sils Maria
17 üble Geschichten
(jaf). Hach, so könnte man seufzen, eigentlich könnte alles so schön sein: Herrliche Täler im schweizerischen Engadin, in der Sonne glitzernder Schnee, ein Hotel, das einfach keine Wünsche übrig lässt. Wenn da nur nicht diese ärgerlichen kleinen Todesfälle wären... .
Es sind „17 üble Geschichten“ über den „Tod in Sils Maria“, in denen Autor Ulrich Knellwolf über Begegnungen im behäbig-gutbürgerlichen Hotelmilieu des Schweizerischen Wintersportortes Sils Maria erzählt, die in der Regel böse enden. Und das zumeist unvermittelt: Zuerst plätschert alles locker-beschaulich dahin, man guckt links und rechts des Weges, nichts Böses ahnend, einfach die Ruhe genießend. Die Gäste des renommierten Hauses – Architekten, pensionierte Sekundarschullehrer und ähnliches – erfreuen sich des gelassenen Ambientes, der Herzschlag des Buches vibriert schnörkellos wie nach einem üppigen Essen. Doch dann – vergleichbar kunstvoll wie vom Großmeister des schwarzen Humors Roald Dahl inszeniert – kommt am Ende urplötzlich alles ziemlich dicke: Der „Damenfreund“, der verwaiste Damen tröstet, stellt sich ganz unvermittelt als geschickter Regisseur von Unglücksfällen heraus; Zwistigkeiten zwischen Autor und Kritiker sind von jetzt auf gleich durch Lawinenabgänge beendet; die Frage einer verschwundenen Person scheint sich mit dem Auftauchen eines großen Stückes exquisiten Bündner-Fleisches zu erklären; teuflisch gute Cocktails wie „Camillo’s Secret“ sorgen für einen guten, wenn auch ein wenig zu tiefen Schlaf... .
So doppelbödig und subversiv die Inhalte der Geschichten, so präzise und unkompliziert des Autors Sprache, die so herrlich eindringlich Atmosphäre zu evozieren vermag – und die Unausweichlichkeit des nahenden Todes mit einer entwaffnend-sympathischen Klarheit ohne Umschweife beschreibt: „Zum ersten Mal würde ihm der Kritiker helfen, und zwar den Kritiker zu beseitigen. Der Schnee half, weil vor diesen Schönwettertagen reichlich davon gefallen war. Die Sonne half, weil sie den Schnee stark durchwärmt, beinahe weichgekocht hatte. Erhebliche Lawinengefahr also“.
„An üblen Geschichten herrscht kein Mangel“, erklärt der Autor und studierte Theologe Ulrich Knellwolf in seinem launigen Nachwort sein offenbar unerschöpfliches Quell an raffiniert erdachter Bösartigkeit – da wundert’s eigentlich, weshalb es lediglich vier Geschichten sind, die den Band „Tod in Sils Maria“, der im Jahr 1993 bereits mit 13 Geschichten erschien, in dieser Neuauflage ergänzen. Ein kompletter, neuer zweiter Teil wäre schließlich wünschenswert gewesen, kann sich die ausgefuchste Machart der Geschichten doch mit Sicherheit der jubelnden Zustimmung der Freunde anspruchsvollen schwarzen Humors gewiss sein.
Allesamt sind die Geschichten in „Tod in Sils Maria“ nach den spielerischen Gesetzen einer durch und durch ironischen Erzählung gestrickt: „Das lachende lacht mit Blick auf den Ernst des Übels nicht ohne schlechtes Gewissen und die Lust daran“, schreibt der Autor erklärend, der seine Freude am plötzlich eintretenden und in jedem Fall inszenierten Tod als „Beitrag zur theologischen Anthropologie“ versteht – nämlich insofern, als sie „vom schuldigen und verlorenen Menschen und (...) insgeheim auch vom rechtfertigenden und rettenden Gott“ reden, was nach Martin Luther, „der einzige Gegenstand der Theologie“ seien.
In der Tat: Die Welt, die Ulrich Knellwolf dort im Engadin zeichnet, ist keine bessere; im Gegenteil: Alles scheint auf den ersten Blick so überaus harmonisch – und ist letzten Endes doch so böse, wie wir uns nie vorstellen könnten in Wirklichkeit selbst böse zu sein. Deshalb erfreuen wir – zumindest die schwarzhumorigen Leser – sich der Geschichte. Sollen wir auch, so Theologe Knellwolf, in Anlehnung an Martin Luthers „fröhliche Sünderschaft“! Dem bleibt es sich anzuschließen: Ein Hoch auf den doppelten Boden des Ewig-Menschlichen und die Begeisterung daran!
Autorenportrait:
Ulrich Knellwolf, geboren 1942, wuchs in Zürich und Olten auf, studierte evangelische Theologie und promovierte über Jeremias Gotthelf. Seit 1969 war er als Pfarrer tätig, u.a. an der Predigerkirche in Zürich. Heute lebt er in Zollikon bei Zürich. Für seine Romane und Erzählungen wurde er vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Preis für Literatur des Kantons Solothurn.
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