Tintenblut

Der zweite Band der Tintenwelt-Trilogie

Tintenblut(sl). Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer „Tintenherz“, den ersten Band der Tintenwelt-Trilogie, nicht gelesen hat, wird mit „Tintenblut“ hoffnungslos überfordert sein. Zu komplex ist die Welt, die Cornelia Funke in dem Fortsetzungsroman erschaffen hat, zu vielfältig die Charaktere, die in „Tintenblut“ auf die „Bühne der Ereignisse“ strömen – und für Kinder unter 12 Jahren auch wegen der Brutalität, denn „Tintenblut“ ist wirklich blutig, nicht mehr zu empfehlen.

Doch der Reihe nach: Eigentlich war ja die Geschichte „Tintenherz“ in sich abgeschlossen, alles hatte sich zum Guten gewendet. Meggie und ihre Eltern lebten sicher bei Tante Elinor, Capricorn, der Bösewicht, war tot. Und natürlich gehörte auch ich zu den Lesern, die sich trotzdem insgeheim eine Fortsetzung dieses wunderschönen und spannenden Romans wünschten. Cornelia Funke hat sich den Wunsch zu Herzen genommen und legt zwei Jahre nach Erscheinen von „Tintenherz“ den Folgeband „Tintenblut“ vor – ein dritter Teil wird folgen. Im gewissen Sinne findet man die Erklärung dafür im fünften Kapitel: „Geschichten haben nie ein Ende, Meggie (…) auch wenn uns die Bücher das gern vorgaukeln. Die Geschichten gehen immer weiter, sie enden ebenso wenig mit der letzten Seite, wie sie mit der ersten beginnen.

Ging es bei „Tintenherz“ noch überwiegend um die Liebe zu Büchern und die Faszination des Vorlesens, ist die Fortsetzung „Tintenblut“ von der Grundstimmung her deutlich düsterer, teilweise verzweifelt und von Mord und Totschlag, Krieg und Gefangenschaft geprägt. Die dramatische Geschichte spielt überwiegend in der Welt von „Tintenherz“, dem Roman, der schon Dreh- und Angelpunkt des ersten Teils war. Die Macht, die Wörter und Geschichten haben, und die Frage, ob man ein vorherbestimmtes Schicksal ändern kann, sind die tragenden Themen des zweiten Bandes der Tintenwelt.

„Tintenblut“ beginnt wieder mit Staubfinger, der wohl tragischsten aber auch undurchsichtigsten Figur, der nach Jahren der Suche endlich jemanden gefunden hat, der ihn in seine Tintenwelt zurücklesen kann. Doch der begnadete Vorleser, der sich Orpheus nennt, führt nichts Gutes im Schilde, ist er doch einer der glühendsten Verehrer von Fenoglio, dem Autor von „Tintenherz“, und seiner bösen Figuren. So steckt er mit Basta unter einer Decke, der immer noch nach Rache sinnt, und ebenfalls in „Tintenherz“ zurück gelesen wird wie auch Mortola, die Elster, und Mo – und Resa, die ihren Mann auf keinen Fall mehr alleine lassen will und sich einfach an Mo klammert, als Orpheus sie in „Tintenherz“ hineinliest. Als Mortola aber feststellen muss, dass ihr Sohn Capricorn auch in seiner Welt, der Tintenwelt, tot und seine einst prächtige Burg verfallen ist, schießt sie auf Mo und trifft ihn in die Brust… .

Meggie jedoch hat eine Begabung, die selbst ihr Vater Mo, die Zauberzunge, nicht hat. Mo kann zwar Dinge aus Büchern herauslesen, – und dafür verschwinden andere hinein – aber er hat es nie geschafft, sich selbst in ein Buch hineinzulesen. Doch genau das gelingt Meggie: Sie liest sich und Farid in „Tintenherz“ hinein, in das Buch, das zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden ist und in dem ihre Mutter Resa zehn Jahre lang gefangen war. Vertraut ist ihr die Tintenwelt durch das Lesen in dem Buch und vor allem durch Resas Erzählungen, so dass sie sich schnell zurechtfindet – und schließlich hat sie ja auch Farid, Staubfingers treuen Begleiter, der sein Vorbild, den Feuerspucker, sucht, um ihn vor Basta und seinen Männern zu warnen, an ihrer Seite. Obwohl ihr zu Beginn Zweifel kommen, ob es richtig war, sich in das Buch hineinzulesen, will Meggie später gar nicht mehr in die reale Welt zurückkehren.

Auch der Leser wird von der Tintenwelt verzaubert: Cornelia Funke beschreibt die Landschaften der Tintenwelt und deren fantastische Figuren mit so viel Liebe zum Detail, dass man die Burg von Ombra und den Weglosen Wald, Feuerelfen und blaue Feen, die hübsche Roxane und den Schwarzen Prinz mit seinem Bären ebenso vor sich sieht, wie die dunklen Figuren der Geschichte: Die Weißen Frauen, die den Tod ankündigen, der Natternkopf, auch Silberfürst genannt, oder der Schlitzer, der seinem Namen alle Ehre macht und für so manch blutrünstige Zeile sorgt.

Während Meggie fast zu brav in „Tintenherz“ war, ist sie nun im zweiten Teil zur reiferen Hauptfigur geworden. Selbstständiger und selbstbewusster bewegt sie sich ganz ohne ihre Eltern in der Tintenwelt und verliebt sich das erste Mal – in den Jungen, der einst von ihrem Vater aus „1001 Nacht“ herausgelesen wurde: Farid. Er erwidert Maggies Verliebtheit, doch im Kampf zwischen Gut und Böse sterben diesmal auch Figuren, die dem Leser ans Herz gewachsen sind… .

Cornelia Funke springt auf den ersten 500 Seiten von „Tintenblut“ ständig, fast schon hektisch, zwischen den beiden Erzählebenen der realen und fiktiven Welt hin und her – was so manches Mal nicht nur etwas verwirrend ist, da auch immer mehr Namen hinzukommen, sondern leider auch oft den Spannungsbogen unterbricht. Da werden laufend Personen in das Buch „Tintenherz“ hineingelesen, während im Buch die Geschichte wieder umgeschrieben und verändert wird, was dem Leser schon seine ganze Konzentration abfordert, um „am Ball“ zu bleiben. Ebenso schade ist, dass sich die Autorin einmal „verplappert“ und etwas über Meggie schreibt, das dem Leser verrät, was Jahre später passiert. Richtig „in Schwung“ kommt „Tintenblut“ erst ab dem 55. Kapitel, denn dann widmet sich Cornelia Funke ganz und gar der Tintenwelt, schreibt nicht weiter von den Ereignissen in Elinors Haus in der realen Welt, sondern konzentriert sich auf das, was sie am besten kann: Spannung erzeugen, sie kurz vor dem Bersten halten und den Leser dabei so atemlos werden lassen, dass man die letzten knapp 250 Seiten von „Tintenblut“ in einem Rutsch durchlesen muss.

Da „Tintenblut“ sehr komplex ist, befindet sich am Ende des Buches ein Personenregister, das alle Charaktere kurz erläutert, auch die aus dem ersten Teil „Tintenherz“. Es ist empfehlenswert, diese Seiten zuerst zu lesen, um sich wieder in die Geschichte hineinzufinden. Und wer bei all den vielen Namen den Überblick verloren hat, – denn in „Tintenblut“ tauchen über 50 (!) neue Figuren auf – kann im Anhang auch diese Namen mit kurzer Erläuterung nachlesen. Eine schön illustrierte Landkarte verdeutlicht außerdem die Örtlichkeiten der Tintenwelt.

Wie schon in „Tintenherz“, leitet Cornelia Funke auch jedes Kapitel von „Tintenblut“ mit einem Zitat aus einem Buch anderer Autoren ein – leider teilweise auch mit englischen Texten, was gerade jüngere Leser dann gar nicht mehr verstehen dürften. Zwar wird nicht jeder unbedingt die tiefe Bedeutung zwischen den Zeilen herauslesen, doch weckt die Autorin damit vielleicht auch die Lust, manch anderes Buch zu lesen. Zahlreiche Schwarzweiß-Illustrationen der Autorin und der von ihr wunderschön gestaltete Einband machen „Tintenblut“ wie schon seinen Vorgänger auch optisch zu einem Vergnügen.

Das Ende von „Tintenblut“ dürfte nicht jeden Leser begeistern: Zu offensichtlich ist, dass ein dritter Roman zur Fortsetzung folgen wird, und fast scheint es, als hätte Cornelia Funke ihren Roman absichtlich „mitten im Satz“ enden lassen, nur damit der Leser, um ein „richtiges“ Ende zu erfahren, auch bestimmt den dritten Band der Trilogie lesen wird. Da vergehen dann hoffentlich keine zwei weitere Jahre, bis die Fortsetzung erscheint.

„Tintenblut“ ist nicht ganz so wundervoll wie sein Vorgänger, aber trotzdem spannend und lesenswert!

Autorenportrait:
Cornelia Funke, eine der bekanntesten deutschen Autorinnen von Kinder- und Jugendliteratur, hat erst nach einer Ausbildung zur Diplom-Pädagogin und einem anschließenden Grafikstudium angefangen zu schreiben. Texte zu Bilderbüchern, Bücher zum Vorlesen, für Leseanfänger und Leseratten entstanden und wurden zum größten Teil auch von ihr selbst illustriert; einige ihrer Romane sind Familienbücher im besten Sinne. Viele ihrer Bücher sind preisgekrönt und auch internationale Bestseller, wie ihr bisher berühmtestes Buch „Herr der Diebe“, das in mehr als 20 Sprachen übertragen und verfilmt wurde. „Tintenherz“, der erste Band der Tintenwelt-Trilogie, wurde bisher über 500.000 Mal verkauft und wird in Hollywood verfilmt. Cornelia Funke lebt seit 2005 mit Mann und ihren zwei Kindern in Los Angeles.

Tintenblut

Cornelia Funke
Tintenblut
Cecilie Dressler Verlag, Hamburg
ISBN 3-7915-0467-3
1. Auflage 2005, 736 Seiten, mit zahlreichen s/w-Illustrationen, Hardcover gebunden mit Lesebändchen, Format 15,5 x 21,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 22,90 (D) / € 23,60 (A) / sFr 40,10

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Tintenblut Cornelia Funke
Tintenblut
Gesprochen von Rainer Strecker
GoyaLit im Jumbo Verlag, Hamburg
ISBN 3-8337-1422-0
Ungekürzte Fassung, 18 CDs im Schmuckschuber, Laufzeit ca. 22 Stunden.
Unverbindliche Preisangabe: € 74,95 (D) / € k. A. (A) / sFr 132.-

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