Tiefenrausch

Eine Geschichte von Liebe und Obsession

Tiefenrausch(bhs). Als sich im Februar 1996 die junge Meeresbiologin Audrey Mestre und der kubanische Freitaucher Pipín Ferreras kennen lernen, ist es um beide geschehen: Sie verlieben sich unsterblich. Der Kubaner Pipín Ferreras ist bereits eine Legende unter den Apnoetauchern und hat den Ruf nur eines zu kennen und zu lieben: „No Limits“ – die spektakulärste der sechs Disziplinen im Freitauchen.


„No Limits“ bedeutet, dass ein Tauchschlitten den Taucher in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe bringt, und ein Hebeschlitten oder ein Luftsack ihn dann innerhalb von Sekunden wieder in die Höhe tragen. Niemand weiß genau, was in diesen Tiefen mit dem menschlichen Körper passiert, wann es zu tödlichen Lungenrissen oder Embolien kommt. Doch jeder Extremtaucher weiß, dass mit jedem weiteren Tiefenmeter neue Grenzen des Menschenmöglichen ausgelotet werden. Apnoetauchen, oder Freitauchen, ist eine Extremsportart von faszinierender Anziehungskraft und Schönheit, hoch gefährlich und heftig umstritten.


In dem Buch „Tiefenrausch – Eine Geschichte von Liebe und Obsession“ kommt gerade diese Faszination herrlich zu Tage: Francisco „Pipín“ Ferreras und Audrey Mestre waren Weltmeister darin, bis an die Grenzen ihrer Körper – und Willens – zu gehen, wenn sie ohne Sauerstoff in schier unfassbare Meerestiefen tauchten. Das Herz schlägt langsamer, der Sauerstoffverbrauch verringert sich, das Blut strömt zur Körpermitte und ins Gehirn. Der größte Feind des Freitauchers sind seine eigenen Instinkte: der fast ununterdrückbare Zwang zu atmen, und die Angst, bei der der Körper wertvollen Sauerstoff verbrennt.


Um Pipíns Welt intensiver zu erleben, lernt Audrey Mestre das Freitauchen, die Sehnsucht nach der Freiheit unter Wasser eint sie. Bald ist sie besser als er. Ihre Liebe – zum Risiko und füreinander – treibt beide zu immer neuen Höchstleistungen und Rekorden. Später wird Pipín sagen: „Wir waren ein ungleiches Paar. Ich, der stämmige, tatkräftige Kubaner. Sie, die ruhige, schlanke Französin mit kastanienbraunem Haar. Ich ging mit einer Harpune auf Fischfang; sie kümmerte sich um unser Aquarium und eine wachsende Familie von streunenden Tieren, die ihren Weg zu unserem Haus in Miami gefunden hatten. Ich gab die Interviews, hielt Seminare, warb für Tauchsportartikel und drehte Unterwasser-Dokumentarfilme. Sie aber mied das Scheinwerferlicht. Für sie war das Freitauchen eine Reise zu sich selbst, kein Wettkampf ...“.


Worte, die auch in „Tiefenrausch“ wiederzuerkennen sind. Doch zunächst ihre Geschichte: Innerhalb kürzester Zeit wird Audrey Mestre zu einer der besten Extremtaucherinnen der Welt: 1998 bricht sie das erste Mal einen Weltrekord, 2001 geht sie bis auf eine Tiefe von 130 Metern – nur vier Menschen sind jemals tiefer getaucht. „Sie hat einen stärkeren Willen als ich“, sagt Pipín. „Ich wollte sie als meine Schülerin, doch sie ist die Lehrerin.“ Audrey erklärte ihre Faszination mit dem Extrem anders: „Alles verschwindet bei einem No-Limits-Tauchgang – deine Sorgen, die Welt. Sogar dein Körper. Und dann triffst du das, was tief in dir versteckt ist und dich eigentlich beherrscht: Deinen Geist!


Auf Anregung Pipíns plant Audrey 2002 einen neuen Weltrekord: 171 Meter ohne Sauerstoff. So tief hat sich noch nie zuvor ein Mensch gewagt. Nicht einmal er. Sie trainiert härter denn je zuvor und beginnt am 12. Oktober 2002 die schicksalhafte Fahrt am Tauchschlitten in die nachtschwarze Tiefe des Meeres. Audrey Mestre erreicht die Tiefenmarke, doch bei der Rückkehr von jenem Ort, an dem man nur noch Schemen wahrnehmen kann, an dem jede Orientierung verloren geht und das Gehirn vom Sauerstoffmangel lebensbedrohlich berauscht ist, läuft etwas schief. Kein Sicherungstaucher kann ihr mehr helfen. Der Hebeballon, der sie an die Wasseroberfläche zurück katapultieren sollte, enthielt zu wenig Pressluft. Audrey hing in der Tiefe fest: Als ihr Körper nach 8 Minuten 38 Sekunden wieder aus dem Meer von Santa Domingo auftauchte, trat rosa Schaum aus ihrem Mund. Die Crew zog sie an Bord. Die Augen hinter der Tauchermaske waren offen. Dieser Tauchgang vor der Küste der Dominikanischen Republik kostet Audrey Mestre das Leben.


Der Ehemann war seit dem Tod seiner Frau nur ein einziges Mal tauchen: An ihrem ersten Todestag stellte Pipín einen neuen Rekord von 171 Meter auf. Da sah er in der absoluten Dunkelheit von 171 Metern Tiefe seine Frau Audrey – eine Erscheinung aus Licht, leuchtend und durchsichtig und äußerst lebendig. Er will es wieder tun, wie er auch in seinem Buch „Tiefenrausch“ offenbart. Scheinbar ist sein gesamtes Leben nur noch geprägt von dem Verlust seiner geliebten Frau. Doch Ärzte haben Pipín abgeraten. Nach mehreren Tauchunfällen, Ohnmachten, Lähmungen zeigt sein Gehirn ernste Schäden. Es kümmert ihn nicht. „Ich weiß nicht“, sagt er, „warum sie gehen musste und nicht ich. Eines Tages werden wir wieder zusammen sein.“ Diesen Ort glaubt der Ehemann in der Tiefe zu finden.


Pipín Ferreras stirbt nicht allein über den Verlust von Audrey, sondern auch an den Verdächtigungen. Denn schnell kocht die Gerüchteküche hoch: Er war für ihre Sicherheit verantwortlich; hat nun sein übermäßiger Ehrgeiz, seine Schlamperei, seine nur durch neue Rekorde zu befriedigende Geldgier ihren Tod verursacht? Zum ersten Mal in seinem Leben bietet selbst die geliebte See Pipín keinen Trost. Er hört auf zu tauchen, denkt an Selbstmord und versucht sich mit anderen Frauen zu trösten. Offen beschreibt er in „Tiefenrausch“ seine eigene Gefühlswelt, sein Nicht-Entkommen-Können. Nur eins bleibt ihm schließlich, ein allerletzter Tauchgang zu Audreys Gedenken: „In der Tiefe wartet Audrey auf mich.


Am 12. Oktober 2003, dem Jahrestag ihres Todes, taucht er in ihre Rekordtiefe. Und er schreibt für Audrey mit Co-Autorin Linda Robertson dieses Buch über die völlige Freiheit in der Tiefe, den berauschenden Tanz mit dem Tod und den dramatischen Tag, an dem alles endete. In „Tiefenrausch“ bricht Pipín Ferreras zum ersten Mal sein Schweigen und erzählt seine eigene Version dieser tragischen Geschichte, aus dem Amerikanischen von Ursula Pesch und Karin Schuler übersetzt. Offen berichtet er von der Sucht nach dem extremen Risiko und neuen Rekorden, von dem verbissenen Konkurrenzkampf und dem Neid im professionellen Tauchsport. Er beschreibt die Konflikte und Anschuldigungen, die ihn während in seiner gesamten Karriere begleiteten, die ihn von seinem Heimatland Kuba durch die Tauchreviere der ganzen Welt bis nach Miami führten. Und er erzählt von seiner großen Liebe – zu Audrey und der großen Freiheit unter Wasser: Eine außergewöhnliche – und komplexe – „Geschichte von Liebe und Obsession“. Ein Buch in der großartigen Tradition des Kultfilms von Luc Besson „Im Rausch der Tiefe – The Big Blue – Le Grand Bleu“ mit Jean Reno und Jean-Marc Barr.


Doch auch wenn die Begeisterung des „Deep Blue“ den Leser binnen von Sekunden in den Bann zieht, auch wenn die berauschende Welt der Tiefe seine Wirkung zeigt, birgt die Bebilderung einen kleinen, bitteren Beigeschmack: Der prominente Pipín zeigt in seinem Buch erstmals seine wirklichen Gedanken – auf den zahlreichen teils farbigen Bildern hingegen vornehmlich sich oder die Reize seiner hübschen Frau. Ein Stück weit Selbstdarstellung? Vielleicht vermag auch diese Verarbeitung zu unterstützen?


Obgleich Pipín Ferreras auch mit sich selbst hart ins Gericht geht und seine Kritiker nicht weniger schonungslos angreift, bleibt dennoch ein Zweifel an der Professionalität des Teams – letztlich fehlte bei diesem unerhörten Rekordversuch von Audrey Mestre der lebensrettende Doppelcheck der Luftflasche und ein weiterer Sicherungstaucher. Letztlich muss die Organisation auch für den Notfall stimmen. Die Erklärungen von Pipín stimmen nicht wirklich zufrieden – er wischt die Einwände seiner Kritiker, er hätte für mehrere Sicherungen sorgen können, etwas zu schnell vom Tisch. Audrey scheint ihm blind vertraut zu haben. Dann wieder schreibt er auch selbstkritisch, dass er Kritik nur schlecht vertragen konnte. Der Leser würde vielleicht gerne etwas mehr von Audrey Mestre erfahren, die ja immerhin an den körperlichen Folgen des Apnoetauchens geforscht hat.


Dennoch: Alles in allem ist „Tiefenrausch“ ein brillantes Werk, nicht allein für Taucher, sondern für alle, die die Faszination der Ozeane zu begreifen wissen, sich hingeben können und eintauchen können, in Welten, die schwer in Worte zu fassen sind. Sei es Liebe, sei es Obsession – oder der Rausch der Tiefe.

Autorenportrait:
Francesco „Pipín“ Ferraras wurde 1962 in Kuba geboren. Seit 1993 lebt er in Miami, wo ihn seine außergewöhnliche Begabung, seine Aufsehen erregenden Rekorde und seine berauschenden Dokumentarfilme über das Freitauchen zu einer Legende unter den Apnoetauchern machte. Seit dem Tod seiner jungen Frau, der französischen Meeresbiologin Audrey Mestre, tauchte er nur noch einmal nach einem neuen Weltrekord: Am Jahrestag ihres Todes, in memoriam Audrey.

Tiefenrausch

Pipín Ferreras mit Linda Robertson
Tiefenrausch
Eine Geschichte von Liebe und Obsession
Aus dem Amerikanischen von Ursula Pesch und Karin Schuler
Blanvalet Verlag, München
ISBN 3-7645-0190-1
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage, 312 Seiten, mit 55 s/w-Fotos und 25 Farbfotos, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 13,5 x 21,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 21,90 (D) / € 22,60 (A) / sFr 38,50

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