There and back again
Samweis Gamdschie aus „Der Herr der Ringe“ – Ein Schauspieler erzählt
(asp).
„Von Anfang an spürte ich, dass „Der Herr der Ringe“
das Potenzial aufwies, zu etwas Außergewöhnlichem zu werden.“
So lautet der erste Satz von „There and back again“ und weckt Hoffnungen.
Hoffnungen auf geheime Hintergrundinformationen zu einem der größten
Filmprojekte aller Zeiten – zu „Der Herr der Ringe“. Doch
diese Hoffnung wird nur zum Teil erfüllt, denn im Großen und Ganzen
erzählt Sean Astin alias Samweis Gamdschie zunächst einmal seine Lebensgeschichte.
Die beginnt, als der Sohn von zwei berühmten Schauspielern mit neun Jahren
in seinem ersten Film mitspielt. Von diesem Zeitpunkt an bleibt er der Filmbranche
treu, schauspielert, versucht sich als Autor sowie Regisseur und erlangt mit
seinem eigenen Kurzfilm eine Oscar-Nominierung.
Während der Schilderung seiner Karriere wird das erfolgsverwöhnte
Hollywood-Kind dem Leser von Seite zu Seite unsympathischer, denn von Bescheidenheit
als Tugend scheint Sean Astin noch nie gehört zu haben. Wiederholt verweist
er auf seine erfolgreichen Rollen und stellt sein persönliches Ego dominant
in den Vordergrund. Außerdem verliert er des Öfteren die Bodenhaftung
und rutscht mit seinen Schilderungen offensichtlich ins Pathetische ab. „Wenn
ich zurückblicke, wird mir klar, dass Christines Vater wirklich wollte,
dass ich seine Tochter heirate, was gut war, denn ich hätte sie niemals
verlieren mögen. In Indiana hat Christine seit frühester Kindheit
Stabilität, bedingungslose Liebe, Treue und Unterstützung von ihrer
Familie und ihrer Nachbarschaft erfahren. Diese Eigenschaften verehre ich an
ihr und an ihnen, und ich bin stolz darauf, zu dieser Familie gehören zu
dürfen.“ Beschreibungen wie diese finden sich immer wieder,
und der anspruchsvollere Leser wird hier und da ein Stöhnen nicht unterdrücken
können. Wie bei Seans Ausführungen über seinen Vater: „Er
ist ein Purist, was die Kunst angeht, und in dieser Hinsicht ist er weiser,
als ich es jemals sein werde. Er ist meine Inspiration und mein Gewissen; in
vieler Hinsicht ist er mein persönlicher Gandalf.“ Inwiefern
diese Schilderungen allerdings Sean Astin und nicht Co-Autor Joe Layden angeheftet
werden können, lässt sich im Nachhinein kaum mehr klären. Manche
ungelenke Formulierung mag auch an der Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Anne Litvin liegen, was sie leider nicht erträglicher machen.
Wenn „There and back again“ dann nach fast 100 Seiten endlich auf
das 270-Millionen-Dollar-Projekt „Der Herr der Ringe“ zu sprechen
kommt, weiß der Leser schon viel über den jungen Schauspieler, der
sich als Frodos treuer Freund Sam tief in die Herzen der Zuschauer gespielt
hat. Und er wird noch mehr erfahren: Zum Beispiel, wie sehr Sean Astin für
den Sam, den wir aus dem Film kennen und lieben, gekämpft hat, wie sehr
er ihn als tragende Rolle der Trilogie begreift, aber auch wie sehr er manchmal
unter den harten Dreharbeiten, seinen zwangsweise angefutterten Pfunden und
dem Zurückstecken des eigenen Egos zugunsten des Films gelitten hat. Wer
sich also für die Psyche und das Leben des Schauspielers während der
Produktion interessiert, wird nicht enttäuscht werden.
Spektakuläre Enthüllungen aus der Welt hinter den Kulissen hingegen
gibt es weniger. „There and back again“ enthüllt vielmehr das
Blut, den Schweiß und die Tränen, die zu vergießen keinem der
Mitwirkenden an einer der ehrgeizigsten Filmtrilogien aller Zeiten erspart gebliebenen
sind. Sean Astin erzählt von seinen Kollegen, bewundert ihre grandiosen
Fähigkeiten als Schauspieler, Regisseur, Texter oder Kameramann, offenbart
ihre Macken und die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn Weltklasse-Schauspieler
sich selbst zugunsten einer großen Sache zurücknehmen müssen.
Seine Schilderungen sind interessant, der Leser erfährt von der einen oder
anderen noch ungekannten Anekdote der Dreharbeiten, aber wirklich überzeugen
kann Sean Astin mit „There and back again“ nicht. So grandios er
den Sam im „Herr der Ringe“ spielt, so wichtig nimmt er sich selbst,
was in seinem Buch immer wieder offen zutage tritt.
Der Titel bezieht sich übrigens nicht nur auf Sean Astins Reise von Hollywood
nach Neuseeland und zurück, sondern verweist gleichzeitig auf den Titel
der englischen Originalausgabe von „Der kleine Hobbit“ – „The
Hobbit or There and back again“. Ob es J.R.R. Tolkien gefallen hätte,
dass seine Wortschöpfung für die egozentrische Selbstdarstellung eines
Schauspielers herhalten muss, scheint fraglich.
Lobenswert sind hingegen die 23 Fotografien, die, in der Mitte des Buches gesammelt,
Einblick in das Leben hinter den Kulissen geben. Die Filmcrew beim Feiern, Sean
Astins Familie, Orlando Bloom und Sean im Tattoo-Studio sowie andere interessante
Schnappschüsse aus dem Fundus des Autors zeigen, wie die Filmcrew während
der zweijährigen Dreharbeiten zu einer eng verbundenen Gemeinschaft zusammenwuchs.
„There and back again“ ist ein interessantes und spannendes Buch
über das Leben als Schauspieler, allerdings keines für eingeschworene
Fans von Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Sean Astin spielt den Sam
wirklich grandios und wird dem wunderbaren Hobbit gerecht, sein Buch allerdings
verspricht mehr als es halten kann.
Autorenportrait:
Sean Astin hat in „Der Herr der Ringe“-Filmtrilogie den Samweis
Gamdschie gespielt und in über 30 Filmen mitgewirkt. Er fing mit neun Jahren
mit dem Schauspielern an und hat den Übergang vom Kinderstar zum Erwachsenendarsteller
erfolgreich hinter sich gebracht. Zurzeit arbeitet er als Schauspieler, Regisseur,
Autor und Produzent. Er lebt mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Töchtern
in Los Angeles.
Co-Autor Joe Layden, preisgekrönter Journalist, hat über 30 Bücher
verfasst. Er lebt im Norden des Bundesstaates New York.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg