St. Severin auf Sylt
Kirchen- und Friedhofsführung
(mkb).
Das Hörbuch „St. Severin auf Sylt“ tastet sich von der Entstehung
über zahlreiche Sagen und Erzählungen in die Gegenwart einer Kirche,
die die Keitumer „nicht im Dorf gelassen“ haben. Man erzählt
sich, dass unter dem kirchlichen Fundament das heidnische Heiligtum der Göttin
Freya liegt, die Kirche sich auf diese Weise kurzerhand einer starken Konkurrenz
entledigt, das Heidentum aus der Gegenwart der Insulaner verbannt habe. Ein
Einstieg in die Geschichte einer Kirche, die spannend zu werden verspricht.
Wir nehmen Platz im Kirchenschiff und gleiten in den Lebenslauf von St. Severin,
lassen die Bilder an uns vorüberziehen, die das Hörbuch nach und nach
vor unseren Augen zeichnet.
Unser Blick wandert zu dem ältesten Teil des Gebäudes, wo heute ein
Flügelaltar mit einer Jesusfigur steht, die sich von der üblichen
Form unterscheidet. Es handelt sich nämlich nicht um den gekreuzigten Jesus,
sondern um den wiederauferstandenen, österlichen Sohn Gottes. Die Frage
nach dem „Warum“ lässt sich mit den von Naturkatastrophen geplagten
Syltern beantworten. Tatsächlich lässt sich aus der lebenden, wiederauferstandenen
Jesusfigur mehr Hoffnung und Zuversicht schöpfen als aus der Kreuzigungsszene.
Weiter geht es zum Chorraum, wo schwarze Predigertafeln hängen, worauf
in goldenen Buchstaben alle Pastoren seit der Reformation eingraviert worden
sind. Liebevoll geht Silke von Bremen auf einige der Prediger ein, erzählt
von Menschen, die einem Dorf in der Not zur Seite gestanden haben und die Eigenart,
die den Geistlichen St. Severins anhaftet: „Im frühen Mittelalter,
als die Geistlichen dem Zölibat verpflichtet waren (...) hier auf der Insel
Ausnahmen zugelassen werden musste, denn die Sylter duldeten einen unverheirateten
Priester nicht in ihren Reihen.“
Ab Mitte des 18ten Jahrhunderts erlebte Sylt einen Aufschwung durch die Seefahrt,
was auch der Kirche zugute kam, ihr einiges an Spenden einbrachte – die
Kanzel zum Beispiel, die für zehn Taler nach Keitum importiert worden ist.
Man erzählt sich, dass die Nonnen Ing und Dung das Geld für den Kirchturm
gestiftet hätten, ihn jedoch gleichzeitig mit einem Fluch belegten: Der
hochmütigste Junggeselle sollte durch die Kirchturmglocke erschlagen und
die eitle Jungfrau unter dem zusammenstürzenden Kirchturm zu Tode kommen.
Am zweiten Weihnachtstag 1739 brach die Glocke durch das Gebälk und erschlug
den jungen Sören Sörensen – um der zweiten Prophezeiung keine
Gelegenheit zur Erfüllung zu geben, mieden nun sämtliche Bräute
den Turm. Ebenso blutrünstig geht es später zu, als man Katharina
Ercken des Mordes an der Ehefrau ihres Geliebten bezichtigt und vier Jahre später
köpft. Nur wenige ahnen heute, dass die Beleuchtung während der Messe
durch die beiden silbernen Altarleuchten einst in Gedenken an Katharina gestiftet
worden waren. 1787 schließlich kam die Orgel zu den großzügigen
Spenden hinzu, die erst 1999 erneuert werden musste.
Die Sprecher Silke von Bremen und Wilhelm Wieben beschreiten schließlich
den Friedhof, begehen die letzte Ruhestätte von hier zu Grabe getragenen
Persönlichkeiten wie dem Neffen Richard Wagners Avenarius, der Herausgeber
einer der bedeutendsten Kunstzeitschriften. Auch Peter Suhrkamps sterbliche
Überreste und die des Kunsthistorikers Fritz Wichert liegen hier begraben.
Leider machte der Terror der Nationalsozialisten auch vor Sylt nicht Halt: Jens
Emil Mungard wurde von den Nazis mit einem Schreibverbot belegt, schrieb er
doch in friesischer Sprache, somit für die Nazis nicht kontrollierbar –
er starb 1940 im KZ Sachsenhausen.
Stein für Stein, in all ihren Verzierungen, Gemälden und Skulpturen
baut sich Kirche und Friedhof akustisch vor dem Hörer auf. Das beigelegte
Booklet mit einem Kirchengrundriss und Skizzen vervollständigt schließlich
das Bild um ein Stück Keitumer Geschichte. Schön, dass Silke von Bremen
den sie kurzzeitig überwältigenden Zweifeln nicht nachgegeben hat
und „St. Severin auf Sylt“ vollendete.
„St. Severin auf Sylt“ ist ein wahrlich hörenswerter Führer
um eine Kirche, die man nicht im Dorf gelassen hat!
Autorenportrait:
Silke von Bremen, gebürtig aus dem „Alten Land“ bei Hamburg,
arbeitet seit 1999 als Autorin und selbständige Gästeführerin
auf Sylt. Als Diplomgeografin kam sie 1989 durch die Heirat mit dem Sylter Fotografen
Hans Jessel auf die Insel. In den ersten Jahren betreute sie das Sylter Heimatmuseum,
entscheidender Auslöser für eine intensive Beschäftigung mit
der Inselgeschichte. Mittlerweile liegen von Silke von Bremen mehrere Reiseführer
über Sylt vor, weitere CDs sind in Planung. Ihre Agentur „Travelmanagement-Sylt“
hat sich auf Arrangements und Betreuung von Gruppenreisen nach Sylt spezialisiert.
Sprecherportrait:
Wilhelm Wieben, gebürtiger Dithmarscher und plattdeutscher Muttersprachler,
ging als 20-Jähriger nach Berlin an die „Max-Reinhardt-Schauspielschule“.
Anschließend Tätigkeit beim Radio, nebenbei immer wieder Gastrollen
am Theater. Anfang der 1970er Jahre folgte der Wechsel zum Fernsehen, bis 1998
arbeitete er im Team der „Tagesschau“-Sprecher. Als Chef-Sprecher
gehörte er zu den beliebtesten „Tagesschau“-Moderatoren. Er
ist ein herausragender Rezitator niederdeutscher Literatur.
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