Schnee in Venedig
Commissario Tron auf den Spuren eines verzwickten Mehrfachmordes
(jaf).
Zugegeben: Sechs unnatürliche Todesfälle am Ende eines historischen
Kriminalromans – auch für eine Stadt wie Venedig, die sich gern mit
ihrem „morbiden“ Charme schmückt – ist das eine recht
stattliche Bilanz. Besondere Umstände erfordern jedoch besondere Mittel:
Denn das, was Autor Nicolas Remin in seinem Roman „Schnee in Venedig“
erzählen will, ist mitnichten der schnöde, da schon tausendfach beschriebene
Fall eines irren Serienmörders. Nein, es geht um mehr: Um das Sittengemälde
einer Epoche, den Abgesang auf eine endende Zeit der österreichischen Herrschaft
in Italien.
Vordergründig steht zunächst die Aufklärung eines Doppelmordes
an Bord der „Erzherzog Sigmund“ im Mittelpunkt, einem luxuriösen
Raddampfer des Österreichischen Lloyd. Nach einem schweren Sturm geht das
Schiff in Venedig vor Anker – und in einer der Kabinen werden der Wiener
Hofrat Hummelsbacher und eine namenlose Mätresse grausam zugerichtet tot
aufgefunden. Die Ermittlungen übernimmt zunächst der venezianische
Commissario Tron, der unzweifelhafte Held der Geschichte, bis ihm die Militärpolizei,
die sich zuständig wähnt, den Fall entzieht. Tron ist misstrauisch
und bleibt am Ball – zum Glück, erweist er sich doch als einzige,
wirklich die Wahrheit verfolgende Instanz. Zwei Morde und einen spektakulären
Gefängnisausbruch Trons aus den venezianischen Bleikammern später
steht schließlich das Leben der schönen Prinzipessa, zwischen der
und Tron sich eine zaghafte Liebe anbahnte, auf dem Spiel. In einem atemlosen,
wenn auch ziemlich hollywoodesk auftoupierten Showdown, in dem eine Menge Blut
fließt, geht es schließlich um das nackte Überleben... .
Ansprechend ist die Geschichte erzählt, flüssig und ohne Längen,
was nicht zuletzt auf Nicolas Remins fotographische Schreibe zurückzuführen
ist. Er erzählt wunderbar präzise, einprägsam und breitet der
Vorstellungskraft des Lesers behutsam den roten Teppich aus: „Schon
hinsichtlich der geringen ihr noch verbliebenen Anzahl waren ihre Zähne
die Schwachstelle der Erscheinung“, schreibt er, „ihre
Pluspunkte waren die schlanke Figur, ein rundes, frisches Gesicht mit großen,
haselnussbraunen Augen und ein Busen, der ihrer kurzen Gesangskarriere am Fenice
durchaus förderlich gewesen war“. Eindringliche Charakterstudien
und dichte Atmosphäre sind damit auf jeden Fall eine große Stärke
des Buches.
Doch am besten liest es sich zwischen den Zeilen. Denn für einen Krimi
versteht es Nicolas Remin brillant, den Zeitkolorit plastisch werden zu lassen
und im Hintergrund seines Romas fast cinematographisch den Zustand Venedigs
im ausgehenden 19. Jahrhundert abspielen zu lassen. Da wird geduldete Intriganz
in den militärischen Kreisen enttarnt und die moralische Doppelbödigkeit
der Geistlichen zur Schau gestellt, da menschelt es plötzlich im Palazzo
der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die lieber verkleidet venezianische
Maskenbälle besucht, anstatt sich auf ihre Wiener Repräsentationspflichten
an der Seite Franz Josephs zu besinnen. Still stellt der Roman Schnee in Venedig“
damalige Hierarchien in Frage, hangelt sich über Fragen von Ehre und Moral,
scheut symbolhafte Bildern von illustren Bälle vor putzbröckelnder
Fassade nicht und fragt so nach dem Zustand des k.u.k-Vielvölker-Reichs,
in dem Venedig aufgegangen war. Dass bereits zu Beginn des Buches die Figur
Garibaldis, jenem nationalen Volksheld, der Italien einte und in die Unabhängigkeit
führte, in einem Nebensatz auftaucht, ist natürlich kein Zufall, sondern
Prophetie – wirft sie doch ihre Schatten auf die kriminalistische Kerngeschichte,
in der Held Tron – als einer der bereits im Fortschritt verhafteten Köpfe
– gegen den Strudel übler Abgründe eines dekadenten Großreiches
kämpft – für sein Leben und, dramaturgisch aufgepfropft, um
die Liebe seines Lebens.
Kein Zweifel: Für einen Kriminalroman ist „Schnee in Venedig“
ein wirklich gutes Buch – von Commissario Tron könnte sich Donna
Leons Brunetti gern eine Scheibe abschneiden. Natürlich nur bildlich –
zuviel Blut ist auch nicht gut...
Autorenportrait:
Nicolas Remin, 1948 in Berlin geboren, studierte Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin und Santa Barbara.
Eigenen Angaben zufolge hat er sein Leben hauptsächlich lesend auf dem
Sofa verbracht – an der kalifornischen Küste, in der Toskana und
in der Lüneburger Heide. „Schnee in Venedig“ ist sein erster
historischer Roman und der Auftakt einer Serie um Commissario Tron, die mit
„Venezianische
Verlobung“ ihre Fortsetzung findet.
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