Schloss aus Glas
Die wahre Geschichte einer abnormalen Kindheit
(sl).
„Ich nestelte an meiner Perlenkette und fragte mich, ob ich nicht
doch zu elegant für die Party angezogen war, als ich aus dem Taxifenster
schaute und Mom sah, die gerade einen Mülleimer durchwühlte.“
– Es gibt Bücher, die legt man nach dem ersten Satz nicht mehr aus
der Hand – „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls ist so ein
Buch; ein biografischer Roman, den man unbedingt gelesen haben muss!
Die erfolgreiche Journalistin Jeannette Walls verdankt es ihrem Mann John Taylor,
dass ihre Vergangenheit nun öffentlich gemacht wird. Er hat sie überzeugt,
„dass es an der Zeit ist, meine Geschichte zu erzählen“.
Es ist die Geschichte einer amerikanischen Kindheit in den 1960er Jahren, wie
sie ungewöhnlicher nicht sein kann: Den Eltern von Jeannette Walls sind
Konventionen zuwider, sie leben demonstrativ jenseits aller gesellschaftlichen
Normen. Oft bei Nacht und Nebel überstürzt vor Gläubigern flüchtend,
laufend Rechnungen prellend, führen sie ein Leben auf der Straße,
sind ständig mit vier Kindern unterwegs.
Die Mutter ist eigentlich Lehrerin, doch ihr egomanischer Trip lässt keinen
Platz für Familie, erstrecht nicht für einen Job. Rose Mary hält
sich für eine Künstlerin, eine Malerin und Schriftstellerin, was im
Gegensatz zu einem „normalen“ Leben steht, denn Künstler führen
kein geregeltes Leben. Nur im äußersten finanziellen Notfall lässt
sie sich zeitweilig darauf ein zu unterrichten. Der Vater, der an einem Goldausschwemmverfahren
tüftelt, ist ein ebenso genialer wie realitätsfremder Mann. Ein Träumer,
der seinen – natürlich nie angemeldeten und versicherten –
Autos Namen wie „Blaue Gans“ und „Grüne
Kombüse“ gibt, ständig seinen Job verliert, seine Wünsche
in Alkohol ertränkt und das letzte Haushaltsgeld versäuft.
Doch Jeannette Walls liebt die Eltern, vergöttert ihren Vater, den Geschichtenerzähler,
der ihr das Schloss aus Glas verspricht und ihr die Sterne vom Himmel holen
will. So asozial wie die Eltern leben, fördern sie auf der anderen Seite
den Intellekt ihrer Kinder auf ebenso unkonventionelle Art: Jeannette Walls
muss ihre Mathematikhausaufgaben in binären Zahlen schreiben, weil sie
sonst zu einfach wären. Und auch fürs (Über)Leben lernen die
Kinder: Schiessen, in der Wüste leben, nachts bei offenen Fenstern und
Türen schlafen, damit die Luft zirkuliert. Dass sich dabei mehr als einmal
jemand ins Haus schleicht, ist den Eltern ebenso egal wie die Angst ihrer Kinder.
Die Eltern sind davon überzeugt, dass Jeannette und ihre Geschwister Lori,
Brian und Maureen als Erwachsene widerstandfähiger sein werden, wenn sie
es in ihrer Jugend schwer hatten.
Die Kinder wachsen völlig frei auf, ohne Grenzen und Regeln. Was zuerst
wie ein spannendes Abenteuer wirkt, wird mit den Jahren immer schlimmer. Tagelang
hungern die Kinder, schlafen in Pappkartons, essen in der Not Katzenfutter und
Margarine mit Zucker, überwintern in ungeheizten Bruchbuden. Aus ideologischen
Gründen wollen die Eltern keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen… .
Jeannette Walls verschönert nichts in ihrem Roman „Schloss aus Glas“,
doch nie beklagt sie sich oder macht ihren Eltern Vorwürfe. Sie hängt
an Mom und Dad, obwohl sie so hochgradig verantwortungslos waren. Das muss sich
auch der Leser manches Mal verdeutlichen, denn Jeannette Walls hat eine wunderbare
Art zu schreiben: Leichtfüßig, oft witzig, immer wieder spannend
und doch auch schockierend und nachdenklich machend, nimmt sie den Leser mit
ihrer skurrilen Geschichte von der ersten Seite an gefangen. Man kann dieses
faszinierende Buch, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
einfühlsam übersetzt, einfach nicht aus der Hand legen und wird es
sicherlich nicht nur einmal lesen.
Als Jeannette ihrer Mutter eines Tages die Frage stellt „Was soll
ich sagen, wenn man mich nach meinen Eltern fragt?“, gibt diese völlig
ungerührt zur Antwort: „Sag einfach die Wahrheit“
– wie gut, dass sich Jeannette Walls ein Herz gefasst hat, das zu tun,
sonst wäre die Welt um ein grandioses Buch ärmer.
„Schloss aus Glas“ gehört zu den besten Romanen dieses Jahres!
Autorenportrait:
Jeannette Walls lebt und arbeitet als Journalistin in New York und Long Island.
Sie schrieb Gesellschaftkolumnen für „E! Channel“ und das New
Yorker Magazin „Intelligencer“.
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