Saturday
Ein Tag, der ein Leben verändert
(sgr).
Henry Perowne, der Held in „Saturday“, ist prinzipiell ein sympathischer
Protagonist. Erfolgreich, charmant, sportlich; Hirnchirurg, stattlicher Familienvater,
passionierter Squash-Spieler. Auf dem Weg zum Sport, zu Umwegen gezwungen aufgrund
einer großen Demonstration gegen den Irakkrieg, hat er Samstags einen
eigentlich unspektakulären Autounfall – damit setzt die Handlung
ein, damit initiiert Autor Ian McEwan einen Prozess, der dem ansonsten so rationalen
Henry Perowne mehr und mehr entgleitet.
Die sukzessive Reihung eigentlich nichtiger Zufälle erwirkt in „Saturday“
den Einbruch des Unerwarteten in das Leben der Familie Perowne. Geschickt schafft
es Ian McEwan, vermeintlichen Kleinigkeiten eine handlungstragende Bedeutung
zu verleihen, die erst nach der Lektüre des gesamten Romans ihre spezifische
Relevanz erweisen. Die dichte Darstellung eines ganz normalen Tages im Leben
einer Londoner Familie ist geradezu die Voraussetzung, um die Kontrastierung
zu den eben nicht alltäglichen Ereignissen zu schaffen, wie sie sich im
Anschluss an Henry Perownes Autounfall langsam aber unaufhaltsam entwickeln.
So gelingt es Ian McEwan auf eine sehr subtile Art und Weise, den unmerklichen
Kontrollverlust zu skizzieren, der jederzeit die Gewohnheit unterwandern und
aushebeln kann.
Eine Stärke des Romans, aus dem Englischen von Bernhard Robben übersetzt,
liegt in der Normalität seiner Figuren. Sicherlich ist nicht jeder Leser
von „Saturday“ gleich Gehirnchirurg, doch Henry Perownes Universalität
bleibt dessen ungeachtet bestehen. In seiner ganzen Art, in seiner Lebensweise,
seinen Sorgen, Nöten und Wünschen, seiner gesamten Haltung repräsentiert
er den Bürger einer europäischen Großstadt. Dieser Wiedererkennungswert
bürgt für das hohe Identifikationspotential, das Ian McEwan seiner
Hauptfigur verleiht; gleichzeitig gelingt es ihm somit, Leser und Protagonisten
auf zumindest annähernd gleicher Ebene anzusetzen, wodurch die ganze Zerbrechlichkeit
des gewohnten Alltags von Henry Perowne sehr dicht an den Leser herantritt.
Eben diese Zerbrechlichkeit macht das Leitmotiv des Romans aus. „Saturday“
verhandelt sehr geschickt zwei Themen, die hier in einem eigentümlichen
Verhältnis zueinander stehen: Auf der einen Seite die Fragilität des
persönlichen Glückes, auf der anderen die stete Bedrohung durch den
Terror. Henry Perownes Leben wird nicht durch einen terroristischen Anschlag
gefährdet, nicht durch Bomben oder Attentäter – aber die Gefahr,
die sich unmerklich ihm und seiner Familie nähert, ist wie eine Parabel
auf die latente Präsenz des Terrors in westlichen Großstädten
zu lesen. So wird Ian McEwans Roman subtil zu einem Gleichnis, das die Thematik
des Terrorismus über die Rahmenhandlung, die Demonstration gegen den Irakkrieg,
anklingen lässt, und dann die Binnenhandlung vor diesem Hintergrund interpretierbar
macht. Wenn auch in „Saturday“ die Familie Perowne nicht durch Fundamentalisten
gefährdet wird, so drängt sich eine solche Deutung dennoch auf. Hier
geht es nicht primär um eine ausführliche Diskussion von Terror und
westlicher Welt, wohl aber um die Fragilität des individuellen Glücks
– und dieses Motiv erfährt gegenwärtig eine gesonderte Aktualität.
Ian McEwan vollbringt mit „Saturday“ Großes: Seine Darstellung
eines Tages aus dem Leben von Henry Perowne gefällt in ihrer detailreichen,
sympathischen und klaren Sprache, die die Identifikation des Lesers mit dem
Protagonisten nur voran treiben kann. Über das geschickte Arrangement alltäglicher
Szenen kann sich unbemerkt eine Spannung aufbauen, die erst spät und dann
rückblickend vom Leser überhaupt wahrgenommen wird!
Autorenportrait:
Ian McEwan wurde 1948 in Aldershot geboren. Er verbrachte seine Kindheit in
England, Singapur und Nordafrika, dem jeweiligen Versetzungsbefehl ausgeliefert,
der seinem Vater, einem schottischen Hauptfeldwebel, galt. Zwischen Abitur und
Philologiestudium arbeitete er als Müllmann. An der „University of
East Anglia“ war er der erste und in jenem Jahr einzige Student, der den
Kurs in kreativem Schreiben belegt hatte. Seine Magisterarbeit bestand aus einer
Reihe von Kurzgeschichten, die später veröffentlicht wurden und ihm
den „Somerset-Maugham-Preis“ einbrachten. Mit Penny Allen, einer
Journalistin, Astrologin und Heilpraktikerin, die aus erster Ehe zwei Töchter
mitbrachte, hat er zwei Söhne. Sein Roman „Abbitte“
wurde in der Kategorie „Internationale Belletristik“ mit dem Deutschen
Bücherpreis 2003 ausgezeichnet. Er lebt heute in London. Sein Werk, wie
„Am Strand“,
erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
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