Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
(sl).
Manche Bücher kann ich nicht im Büro besprechen, sie nehmen mich so
gefangen, dass ich sie nicht aus der Hand legen kann, oder sie berühren
mich so sehr, dass ich sie deswegen lieber mit nach Hause nehme. „Noch
mal leben vor dem Tod“ ist so ein Buch. Als ich darin herumblätterte
und anfangen musste zu weinen, fragte mich mein Mann, was ich denn da lesen
würde. Ich sagte ihm, dass in dem Buch Fotos von Menschen wären, die
vor und unmittelbar nach dem Tod aufgenommen worden waren. Da wandte er sich
sofort ab und murmelte „Das ist ja pervers“. Eine Reaktion, die
ich von vielen hörte, mit denen ich über das Buch gesprochen habe.
Der Tod ist den meisten zuwider, Bilder darüber – solange es keine
Reportagefotos aus Kriegsgebieten oder Unfallbilder aus den Medien sind –
finden viele abstoßend.
„Noch mal leben vor dem Tod“ ist kein Buch für einen Abend,
dafür wühlt es den Betrachter viel zu sehr auf. Es ist ein Buch, an
das man sich stückweise herantasten muss, das man immer wieder in die Hand
nimmt, um sich einem anderen Kapitel zu widmen. Und es ist ein Buch, das einen
in den Tiefen der ureigensten Ängste berührt: der Angst vor dem eigenen
Tod. Den meisten wird es so gehen wie mir: Man blättert den Bildband erst
einmal durch und sieht sich fast neugierig die eindrucksvollen Aufnahmen an,
die Fotograf Walter Schels gemacht hat. Auf einer Doppelseite sind sie jeweils
gegenüber gestellt: Ein Portrait zu Lebzeiten, Gesichter, auf denen manches
Mal die Krankheit ihre Spuren hinterlassen hat, und ein Portrait nach dem Tod.
Letzteres berührt – und erstaunt. Die meisten sehen wirklich friedlich
aus, einige scheinen fast zu lächeln, nur ganz wenigen ist anzusehen, dass
auch der Tod eine Qual und keine Erlösung war. Manchmal finden sich noch
zusätzlich kleine Schwarzweiß-Bilder zwischen den Texten.
Als meine Großmutter vor kurzem starb, war die Familie in den letzten
Stunden an ihrem Bett. Ich fuhr nach Mitternacht nach Hause und bat meine Mutter
mich anzurufen, wenn etwas passiert. Um 3.30 Uhr klingelte das Telefon, und
meine Mutter sagte, dass meine Großmutter nun gestorben sei. Mein Mann
fuhr mich nochmals zur Wohnung, denn ich wollte mich davon überzeugen,
dass sie friedlich gestorben war. Das war ganz wichtig für mich, sie noch
mal zu sehen, gleich nach dem Tod, nicht erst Tage später im Sarg. Meine
Großmutter ist sanft gestorben, sie sah ganz „entspannt“ aus,
irgendwie fast „schön“ – Autorin Beate Lakotta hat genau
dieses Bild in treffende Worte gefasst: Es ist „tröstlich zu
sehen, wie der Tod ein Gesicht zur Ruhe bringt.“ Und genau dieser
Trost mildert die eigene Angst.
23 Menschen standen mit ihren Geschichten Beate Lakotta und Walter Schels zur
Verfügung. Geschichten wie sie unterschiedlicher kaum sein können.
Männer, Frauen und zwei Kinder, die Jüngste 17 Monate, die Älteste
83 Jahre, sehr viele Mitte 50, und sie alle eint eine Gewissheit: Sie sind ins
Hospiz gekommen, um zu sterben. Sie werden diesen Ort nicht lebend wieder verlassen,
auch wenn Zuwendung und Medikamente viele erneut zu Kräften kommen lässt
und damit auch die Zuversicht geschürt wird, doch noch länger leben
zu können. Sie alle haben von ihren Ängsten und Hoffnungen erzählt,
ganz offen. Einige waren fast zornig, dem Tod bald gegenüber treten zu
müssen, andere nahezu unfähig, sich der Thematik überhaupt zu
stellen, wieder andere verloren nie ihren Humor. Die Autorin begleitete manchen
über einen längeren Zeitraum von Wochen und Monaten, dabei war der
Kontakt oft intensiver. Bei anderen machte der Tod einen Strich durch die Begegnung,
sie starben schon wenige Stunden oder Tage nach dem ersten Porträt. Beate
Lakotta hat alle Geschichten in 23 Kapiteln einfühlsam in Worte gefasst,
sehr bewegend. Genau das macht sie zu einem so persönlichen Dokument, fast
fühlt man sich, als säße man am Bett der Person und höre
ihr selbst zu.
Beate Lakottas Texte sind aber auch eine Hommage an die Arbeit, die im Hospiz
geleistet wird, und ein Plädoyer für würdevolles, humanes Sterben.
Auf den letzten Seiten des Buches widmet sie sich in einem Extrakapitel „Der
„gute Tod“ – und was Hospizbewegung und Medizin dabei vermögen“
nochmals eingehend dieser Thematik. Und: „An diesen Orten, wo der
Tod ständiger Gast ist, kam niemand auf die Idee, es sei pietätlos
oder voyeuristisch, Menschen in der letzten Phase ihres Lebens und im Tod zu
porträtieren, im Gegenteil“, weist Beate Lakotta den Leser schon
in ihrem Vorwort hin. Bleibt zu hoffen, dass „Noch mal leben vor dem Tod“
dafür sorgt, das Thema Sterben weiter zu enttabuisieren, damit der Tod
nicht mehr verschämt versteckt wird. Denn trotz aller Traurigkeit steckt
in den Seiten dieses gelungenen Werks ganz viel Leben.
„Noch mal leben vor dem Tod“ ist ein Bildband, der erst abstößt
und doch neugierig macht, der auf der einen Seite bewegt und auf der anderen
Seite beruhigt, ein Buch, das einen zum Weinen bringt und doch manches Mal auch
zum Schmunzeln, das den Betrachter aufwühlt und nicht zur Ruhe kommen lässt
– ein mutiges und vor allem ein wirklich wichtiges Buch!
Autorenportrait:
Beate Lakotta, geboren 1965, ist Redakteurin im Wissenschaftsressort des „Spiegel“.
Beide wurden für den Bildband „Noch mal leben vor dem Tod“
mit dem „Ehrenpreis für Künstler und Künstlerinnen 2004“
der „Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz“ ausgezeichnet, das Buch selbst
im Bereich der Fotobildbände mit dem „Deutschen Fotobuchpreis 2004“.
Fotografenportrait:
Walter Schels, geboren 1936, wurde bekannt durch Charakterstudien von Menschen
und Tieren.
Für ihre 2003 im „Spiegel“ veröffentlichte Reportage „Noch
mal leben vor dem Tod“ wurden beide mit dem „Hansel-Mieth-Preis“
ausgezeichnet, für die Porträts erhielt Walter Schels einen zweiten
Preis beim Wettbewerb „World Press Photo 2004“.
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