New York – Insel in der Mitte der Welt
Wie die Stadt der Städte entstand
(jaf).
„Nicht mehr Ähnlichkeit als eine Eichel mit einer Eichel“
habe die einstige niederländische Kolonie Manhattan mit der heutigen Stadt
New York oder gar der amerikanischen Nation gemein. Zum einen ist das natürlich
recht wenig, auf der anderen Seite aber jedoch unsagbar viel. Etwas Grundlegendes
jedenfalls verbindet beide, untrennbar und immerdar. Davon, was in diesem kleinen
Saatkorn, aus dem einst das ungeheure New York entsprang, wo die Keimzelle jener
„Idee von der Mischung der Kulturen“ als „schöpferische
Kraft“ lag, davon erzählt Autor Russell Shorto in „New
York – Insel in der Mitte der Welt.“
Wie er das tut, ist dabei mehr als bemerkenswert. Denn Russell Shortos Werk
ist ein Buch, für das ein Gattungsname wahrscheinlich erst erfunden werden
muss: Ein historischer Roman der Sonderklasse, von Monika Niehaus-Osterloh übersetzt,
vielleicht in epigonaler Machart großer Geschichtserzähler, dabei
jedoch ungemein leicht, wenngleich von hohem Anspruch, Sensibilität und
Tiefe. Da wird nicht krampfhaft eine simple Liebesgeschichte in die Wirren der
Vergangenheit verfrachtet und anhand konstruierter Sinnzusammenhänge „großer
Geschichte“ erzählt, nein – mit „New York – Insel
in der Mitte der Welt“ greift Russell Shorto tollkühn nach einem
bisher so gut wie gar nicht beachtetem Kapitel amerikanischer Nationalgeschichte,
er rekapituliert sie – und weiß dabei fulminant zu erzählen.
Die Grundlage des über 400 Seiten starken Buches besteht in der Auswertung
eines schier endlosen Berges schwer zu entziffernder, in Altholländisch
geschriebener Aufzeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, die seit den 1970er Jahren
übersetzt werden. Russell Shorto ist dabei einer der ersten, die mit Hilfe
ausgewiesener Fachleute (so ist seinen Danksagungen zu entnehmen) das Material
überhaupt zugänglich machen – und in seiner Form ist es noch
nie präsentiert worden: Als gut lesbares Werk für ein großes,
nicht nur Fach-Publikum, dem der Autor die lebhafte Geschichte der aus Holländern,
Deutschen, Norwegern, Italienern, Böhmen und Afrikanern bunt gemischten
Kolonie nahe zu bringen versucht. Beachtlich ist dabei Russell Shortos gewissenhafter,
wissenschaftlicher Umgang mit den Erkenntnissen: Es gibt Fußnoten und
einen 70 Seiten umfassenden Anhang einschließlich weiterführender
Literaturhinweise, akribisch verwertete Standardliteratur illustriert vertrauenswürdig
die Zusammenhänge in den Schilderungen über Ereignisse und Personen.
Gewürzt mit einer guten Portion Imaginationskraft und geleitet durch einen
geschulten Blick für Dramatik zeichnet er so das Sittengemälde einer
Zeit, die bisher für die wenigsten ebenso lebendig wie mutmaßlich
authentisch vorstellbar gewesen ist. „Leinen los! Im Frühjahr
1609, rechtzeitig zur Segelsaison, stach Hudson in See“, schreibt
Russell Shorto beispielsweise über die Seereise des seefahrenden englischen
Entdeckers Henry Hudsons, dem Namensgeber für „Hudson River“
und „Hudson Bay“, der vorgestellt wird nicht als „der
Protagonist dieses Buches, sondern dessen Vorläufer, derjenige, der all
dies erst ermöglichte“.
Eingängig lesbar, die Vorstellungskraft
beflügelnd, kombiniert Russell Shorto Zitate der Zeit mit eigenen Beschreibungen
– selbst Historiker dürften, ja sollten bei dieser von belegbaren
Tatsachen ausgehenden und quellengesättigten, dennoch stellenweise eben
imaginierten Beschreibung des Gewesenen und dadurch eingängig lesbaren
Art des Erzählens durchaus angetan sein: „Als sie eine Landspitze
umrundeten, sahen sie plötzlich erstaunt auf eine Szenerie, die wie die
Mündung von drei Flüssen aussah. Klippen erhoben sich – das
Ufer war ‚sehr ansprechend und hoch, und steil abfallend’: Sie befanden
sich im äußeren Bereich des heutigen New York Harbor und segelten
an der Küste der späteren Staten Island vorbei. Überall um sie
herum wimmelte es von Fischen; Lachse, Meeräschen, geisterhafte Rochen.
Sie warfen den Anker und gingen an Land, bewunderten die urtümlichen Eichen
und ‚eine Fülle blauer Pflaumen’“. Lebendig weiß
Russell Shorto zu illustrieren – inklusive eines umfangreichen Bildteiles
mit Abbildung historischer Gemälde, Karten und Dokumente in der Buchmitte
– macht anschaulich, welcher Warenwert zum damaligen Zeitpunkt der Kaufpreis
von 60 Gulden, den die Niederländer den Indianern für das New Yorker
Land zahlte und erklärt, warum dies im Vergleich zu vielen anderen werten
doch „innerhalb des üblichen Preisgefüges lag.“
Russell Shorto packt den Mythos „New York“ so also an den Wurzeln,
erklärt ihn, macht ihn begreifbar von Grund auf: Da treten die ganz großen
Männer, Peter Stuyvesant oder Adrian van der Donck, die Geschichte machten,
Russell Shorto erzählt die Geschichte Interessen, Macht und von der Neugier,
Unbekanntes zu erobern.
„New York – Insel in der Mitte der Welt“ ist nicht nur ein
spannendes, ungemein unterhaltsames Buch, sondern hat das Zeug zu einem Werk
von großer Streukraft – und es ist ihm zu wünschen, dass es
zu einem Standardwerk im Verständnis der US-amerikanischen Geschichte wird!
Autorenportrait:
Russell Shorto wurde 1959 in Johnstown, Pennsylvania, geboren. Er ist Schriftsteller
und Journalist und schreibt unter anderem für „The New York Time
Magazine“, „The New Yorker“, „The Miami Herald“
und „US Weekly“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in New
York.
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