Neueste Darwin Awards
Die skurrilsten Arten, zu Tode zu kommen
(jaf).
Für den 53-jährigen Mann aus Glasgow ist es im September 2002 wirklich
dumm gelaufen: Mit den Worten „Hallo, alle mal hersehen“
kündigte er auf einer Bergtour in den Alpen ein Experiment an, bei dem
er einen Karabinerhaken an einem nicht mehr gebrauchten Kabel einer Bergbahn
befestigte und so ins Tal fahren wollte. „Er beschleunigte also unkontrolliert
und wurde schon nach wenigen Sekunden das erste Mal gegen die Felsen geschmettert,
setzte seine Abfahrt jedoch noch zweihundert Meter unter ständigem Aufprallen
fort, bis er schließlich an einem Pylon landete. (...) Als er schließlich
zum Stillstand kam, war er DOA (dead on arrival).“
Viel besser ging es auch ihnen nicht: Jenem Mann aus Colorado, der aus einer
Striptease-Bar mit einem verschluckten Tanga einer Tänzerin wiederkam und
wenig später am vergeblichen Versuch verstarb, das edle Stoffstück
eigenhändig mit einem Drahtbügel aus dem Magen zu fischen. Oder jener
Dame aus Florida, die durch die Nebenwirkungen einer Po-Vergrößerung
sozusagen vom Leben vollends „verarscht“ wurde... .
Klar, dass diese Menschen mit ihrem wirklich so selten unglücklich-tödlichen
Taten prädestiniert sind für eine ganz außergewöhnliche
Auszeichnung: Den „Darwin Award“, der Menschen dafür entschädigt,
dass sie für ihre eigene Dummheit mit dem Leben bezahlen mussten. „Neueste
Darwin Awards – Die skurrilsten Arten, zu Tode zu kommen” ist nach
„Die
Darwin Awards“ und „Neue
Darwin Awards“ der mittlerweile dritte Band aus einer Sammlung
schräger Todesfälle, die die Molekularbiologin Wendy Northcutt Mitte
der 1990er Jahre zu sammeln begann und die im Jahr 2002 seine jetzige Form einschließlich
eines festgelegten Reglementariums, das die Überprüfung von Einsendungen
durch eine ehrenamtliche Jury und eine darauffolgende öffentliche Abstimmung
im Internet vorsieht, fand.
Den Rekurs des jüngsten, von Almuth Dittmar-Kolb und Martin Kolb mit dem
nötigen Unernst aus dem Amerikanischen übersetze und von Marcus Weimar
mit einigen amüsanten Zeichnungen versehenen Buch-Werkes auf den großen
Evolutionsbiologen Charles Darwin wagt diese Prämierung, da die wenig beneidenswerten
Preisträger dafür sorgen, einen „Satz mangelhafter Vernunft-Gene
aus dem Verkehr gezogen und somit das Überlegeben der Menschheit auf lange
Sicht sicherer gemacht“ zu haben. Die Auswahlkriterien für Ausgezeichnete
sind streng. Ausgeschlossen sind von vorneherein alle, die beim „Pinkeln
oder Posieren in die Tiefe stürzen“, „Spraydosen oder
Benzin im Backherd erhitzen“, „gegen Ekektroschienen oder
-zaun urinieren“, „unter einen Zug oder ein Auto kommen“,
wer im Sauerstoffzelt raucht, an einer Kohlenmonoxidvergiftung stirbt oder sich
bei sexuellen Selbstversuchen, so genannten „autoerotischen Unfällen“
zu Tode bringt. Nein, der echte Darwin-Kandidat darf vielmehr nicht länger
in der Lage sein, einen Beitrag zum Genpool zu leisten (was zumeist den Tod
bedeutet), er muss mehr als die „übliche Blödheit“
an den Tag legen und sein Missgeschick eigens verschuldet haben. Er muss die
nötige Reife haben (Kinder und Behinderte sind deshalb ausgeschlossen),
des Weiteren muss die Richtigkeit des Vorfalles bestätigt oder zumindest
plausibel sein.
Ausnahmen sind selten, jedoch werden
auch „Lob und Anerkennung“ für jene „Unglücksfälle“
ausgesprochen, die sich durch „innovativen Geist“ auszeichnen,
auch wenn es bei ihnen „entgegen aller Wahrscheinlichkeit jedoch nicht
zum Äußersten kam“. Sehr illustrierend für diese
Sonder-Kategorie ist beispielsweise der Fall, bei dem ein amerikanischer Physiklehrer
beinahe durch einen Hitzschlag ums Leben gekommen wäre, nachdem er sich
wegen einer „Geldbeschaffungsaktion für seine Highschool“
mit luftundurchlässigem Klebeband an die Wand kleben ließ oder auch
jene Episode eines Heimwerkes aus Pennsylvania, der mangels Talent sich nicht
nur mit einer tragbaren Gehrungssäge die Hand abtrennte, sondern unmittelbar
im Anschluss sich auch noch mit einer druckluftbetriebenen Nagelpistole zwölf
Nägel in den Schädel rammte. Ein intuitiver „Autsch“-Aufschrei
des geneigten Lesers kann sich da nur mit der Hoffnung verbinden, dass die beiden
Herren aus ihrem Schaden klug werden.
Ganz klar: „Neueste Darwin-Awards“ sind als konsequente Vollendung
aller Jack-Ass-Abenteuer ein Buch für starke Nerven. Mitleid ist verboten
bei der Verleihung dieser quasi-Ehrendoktorwürde der Welt-Gemeinde der
Chefzyniker. Denn wer auf diese Art und Weise ums Leben kommt, verdient es wirklich
nicht besser. Sollte sich ob des hier veranstalteten groben Unfugs schließlich
ein Leser zu Tode lachen – ihm sei ein würdiger Platz in einer der
nächsten Ausgaben sicher.
Autorenportrait:
Wendy Northcutt studierte Molekularbiologin an der Universität von Kalifornien
in Berkeley, arbeitete in einem neurologischen Forschungslabor in Stanford und
später bei einer jungen Forme für Biotechnik, die Krebs- und Diabetes-Therapien
entwickelte. Sie gründete das Darwin-Award-Archiv, während sie auf
den Ausgang der von ihr gestarteten Experimente wartete. Schließlich gab
sie ihre Laborarbeit zugunsten einer etwas ausgefalleneren Karriere auf. Heute
arbeitet sie als freiberufliche Webmasterin, hält Vorträge und frönt
ihrer Leidenschaft für Technik auf der Website der „Darwin Awards“.
In ihrer Freizeit interessiert sie sich für Verhaltensforschung und entwickelt
exzentrische Ideen, während sie ihren Hobbys Reisen, Gartenarbeit und Glasbläserei
nachgeht. Die Grundidee der „Darwin Awards“ übernahm Wendy
von ihrem Vetter Ian, einem Freigeist, der später eine eigene Religion
gründete, damit er sich trotz seiner Beschäftigung in der Pizza-Industrie
seinen Bart nicht abzurasieren brauchte. Von Wendy Northcutt stammen außerdem
die beiden ersten Bücher „Die
Darwin Awards“ und „Neue
Darwin Awards“.
Illustratorenportrait:
Marcus Weimer arbeitet unter dem Namen Rattelschneck u.a. für die „Titanic“,
„Die Zeit“, die „FAZ“ und die „Süddeutsche
Zeitung“.
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