„Mein Geschöpf musst du sein“
Das Leben der Charlotte Schiller
(sgr).
Zum 200. Todestag Friedrich Schillers scheinen insbesondere die Biographen gefordert.
Beschäftigt die Wissenschaft sich fortlaufend mit den unterschiedlichsten
Aspekten des Schillerschen Werkes, so häufen sich zu den jeweiligen Jubiläen
vorrangig die Lebensbeschreibungen, die uns die großen Figuren unserer
Geschichte näher bringen. Gewissenhaftes Forschen an den Heroen, die uns
als erhabene Denkmäler gegenüberstehen, erfordert einen sensiblen
Mittelweg zwischen ehrfürchtiger Anerkennung und kritischer Distanz.
Eva Gesine Baur wählt für ihre Darstellung in „„Mein Geschöpf
musst du sein“. Das Leben der Charlotte Schiller“ den durchaus richtigen
Ansatz: Charlotte Schiller, geborene von Lengefeld, gilt es aus dem miefigen
Geruch der schwülstigen Klassikerverehrung zu befreien, der sich wie eine
schwere Patina über sie gelegt hat, sie auf die Rolle der biederen Hausfrau
neben dem Dramatiker von Weltruhm reduzierte. Die Zeiten der unreflexiven Lobhudelei
zugunsten nationaler Heroen sind vergangen, gefragt sind kritische Auseinandersetzungen,
die Ambivalenzen und Zwiespälte eben nicht ausklammern, sondern gerade
betonen, um zu möglichst realistischer Annäherung zu gelangen.
So ist es nur folgerichtig, dass auch Charlotte Schiller in den Fokus der emanzipierenden
Biographin rückt. Eva Gesine Baur verfehlt ihr Ziel jedoch. Sie will Schillers
Lotte ins rechte Licht rücken, aus der erdrückenden Last des übermächtig
erscheinenden Gatten lösen – und verfällt dabei ins andere Extrem.
Aus dem Anspruch, von Charlotte Schiller das Bild zu zeichnen, das ihr von der
Schiller-Forschung lange verweigert wurde, gleitet sie zu einer skrupellosen
Abrechnung mit Friedrich Schiller selbst ab.
„Mein Geschöpf musst du sein“. Das Leben der Charlotte Schiller“
wirft dem Dichter vor, was die Biographen aus ihm gemacht haben. Und so singt
Eva Gesine Baur eben das Lied, das die falschen Interpreten schon immer gesungen
haben. In einer immerhin durchgängig mit Illustrationen geschmückten
Biographie zu Charlotte Schiller gilt es, die Schattenseiten ihres Ehemanns,
derer gab es viele, zu berücksichtigen. Das tut die Autorin in einem solchen
Maß, dass vom genialen Autor nichts mehr bleibt. Es bleibt zu fragen:
Weshalb so extrem? Aus einer „Beste-Freundin“-Perspektive urteilt
Eva Gesine Baur, sprachlich hin und wieder in einen Kaffeeklatsch-Duktus abgleitend,
über den ungenießbaren Ehemann, der, hypochondrisch, egoistisch und
lebensuntüchtig, scheinbar nur durch schlechte Eigenschaften besticht.
Vom Schöpfer des unvergleichlichen Werkes keine Spur. Weil vom Werk keine
Rede ist. Über 400 Seiten zu Charlotte Schiller, kaum ein Wort zum Wirken
Friedrich Schillers – das bleibt auch in einer Biographie zur Ehefrau
unverzeihlich. Die äußerst spärlichen Anmerkungen zum Werk können
schwerlich ernst gemeint sein und hinterlassen beim Leser einen befremdlichen
Beigeschmack.
„Mein Geschöpf musst du sein“ wird zum Rohrkrepierer. Dem Anliegen
verpflichtet, der unkritischen Schiller-Verehrung zu entgehen, schreibt Eva
Gesine Baur ein Buch, das ebenso kritiklos wie schonungslos das Schiller-Bild
wendet. Vom idealistischen Dramatiker, vom deutschen Shakespeare zum untätigen
und unempfindlichen Ehemann. Nichts bleibt, als der schale Beigeschmack, dass
hier das Denkmal Friedrich Schillers gestürzt werden soll, anstatt es kritisch
zu beleuchten. Das Schicksal der Charlotte Schiller heißt hier wieder
einmal: Instrumentalisierung.
Autorenportrait:
Eva Gesine Baur, Dr. phil., studierte Kunstgeschichte, Literatur- und Musikwissenschaften
und Psychologie. Sie arbeitet als Autorin in München und hat Bücher
zu kulturhistorischen Themen, wie "Essen
und Trinken mit George Sand auf Mallorca" und "Venedig
- Stadt der Frauen" verfasst.
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