Letzte Szenen mit den Eltern
Die unerschrockene Konfrontation mit dem Altern und dem Tod
(mkb).
„Letzte Szenen mit den Eltern“ ist die Reflexion einer nicht mehr
ganz jungen Tochter, macht die betagten Eltern zum Spiegelbild ihres eigenen,
nahenden Winters. Autorin Claudia Wolff hält sich und gleichwohl dem Leser
mit ihrer Protagonistin den Spiegel vor, betrachtet die greisen Züge von
Vater und Mutter und findet sie erschrocken an sich selbst wieder.
Wann ist man alt? Beginnt es mit des Schriftstellers Namen, der einem nicht
mehr einfallen mag? Oder wenn wir im eigenen Haus das Badezimmer nicht mehr
finden, die Kinder uns in einem exklusiven „Wohnstift“ unterbringen?
„„Wir müssen jetzt gehen, glaub ich –“, sagt
die Tochter zur greisen Mutter, die sich vom Garten, der bis vor ein paar Monaten
ihrer war, wieder verabschieden soll. Die bebende Unterlippe der Mutter. (...)
„Hier war mein Zuhause.“ Die alternde Tochter, haltlos-ratlos, geladen
mit Jammer, Schuld und Wut. Hält die Autotür auf. Wartet. Wartet,
bis die Mutter auch den rechten Fuß nachgehoben hat.“ Es sind
Szenen wie diese, die bedrückend nüchtern über dem Gelesenen
liegen. Was, wenn die Selbstständigkeit schwindet, wenn alt sein eine Qual,
Alltag ohne Betreuer nicht mehr möglich ist? Schonungslos rechnet Claudia
Wolff über ihre Protagonistin mit sich ab. Ihre Sätze hält sie
kurz, ihre Empfindungen legt sie offen auf den Tisch, trägt einen persönlichen,
inneren Konflikt in Gesprächen mit der Freundin aus, betrachtet ängstlich
die kindlich werdende Mutter, holt die letzten Momente mit dem sterbenden Vater
hervor und überträgt kritisch diese Momente auf sich selbst: „(...)sie
habe gestern den ganzen Tag nach dem Namen des Schriftstellers Joseph Conrad
gesucht. „Den ganzen Tag. So fängt es an.““
„Letzte Szenen mit den Eltern“ gleitet mit wachsamem Auge über
den Verfall des Körpers in die Senilität. Die Autorin vergleicht,
bedenkt, versteht und hadert. Sie gräbt in der Vergangenheit, Zweifel an
der Richtigkeit einer Kriegsgeschichte des Vaters. Aber, setzt sie deprimiert
bei der Freundin dagegen an, „Es könnte sein, dass er mirs genau
so wie seinem Enkel erzählt hat. Und dass ich mich jetzt an meinen Impuls
zur sarkastischen Korrektur erinnere.“
Seite für Seite setzt sich die Tochter mit den Eltern und somit sich selbst
auseinander, begleitet den Vater in den Tod, staunend über die Sanftmut,
die mit der Senilität einhergeht. Nach und nach findet sie sich mit der
Vergesslichkeit der einst so bewunderten Mutter ab, bringt selbst Sanftmut und
liebevolle Fürsorge auf, für die letzten Szenen mit der Mutter: „Und
die Mutter hebt, so scheint es, ein wenig das Kinn. Da weiß die Tochter,
dass gar nicht die Mutter da liegt, sondern sie selber.“
„Letzte Szenen mit den Eltern“ ist die unerschrockene Konfrontation
mit dem Altern, der allmählichen, übergangslosen Vergreisung. Es ist
die ehrliche Auseinandersetzung mit den letzten Augenblicken vor dem Tod. Ein
bewegendes Buch, welches ohne Scham an- und ausspricht wie sich letzte Szenen
vor dem Tod anfühlen könnten!
Autorenportrait:
Claudia Wolff, geboren 1941, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie.
Seitdem freie Autorin. Schreibt vorwiegend Radiostücke: Features, Essays,
Kommentare, Glossen für den WDR und andere Sender der ARD. Sie ist Mitglied
der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und lebt in Heidelberg.
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