Jacobs Leiter
Alte Bücher als Zeugnisse vergangener Biografien
(gjk).
Ein ostdeutscher Autor fliegt 1998 in die Staaten, um die richtige Inspiration
für sein neues Werk zu finden. Fern der Heimat wirkt New York zuweilen
etwas befremdend auf ihn, seine Gedankengänge ab und zu stark paranoid
auf den Leser. Er ist auf der Suche, wandert von einem Antiquariat zum nächsten,
bis er Jacob, einem jüdischen Antiquar, begegnet.
So beginnt Steffen Menschings „Jacobs Leiter“, ein Roman, der sich
an diesem Punkt im Grunde selbst erfindet. Denn bei Jacob trifft der suchende
Ich-Erzähler auf 4.000 Exemplare deutscher Bücher, die mit ihren Besitzern
vor Jahrzehnten oder gar vor einem Jahrhundert den Atlantik überquerten,
um schließlich auf den Regalen dieses Antiquariats zu landen.
Das Geschäft ist klar: 4.000 Bücher für 20.000 Dollar. Der bibliophile
Autor ist sich zunächst nicht sicher. Doch dann beginnen die Bücher,
Geschichten zu erzählen. Die Geschichten ihrer Besitzer. Widmungen auf
den ersten Seiten, Daten, Handschriften und Notizen werden auf einmal zu Puzzle-Stücken
der Vergangenheit. Ein Hinweis führt zum nächsten, der Ich-Erzähler
muss die Handlungsstränge erst aufspüren, die Lebensgeschichten rekonstruieren,
sie überprüfen und miteinander verknüpfen. Mit einer Liebe zum
Detail, nahezu besessen und dann wiederum von Zweifeln getrieben, lässt
er sich auf das Geschäft ein und beginnt, den Hinweisen auf vergangene
menschliche Existenzen nachzugehen.
Einem gewissen Max Martin Nathan gehörten viele kunstgeschichtliche Werke.
Doch wie sind seine Bücher nach Amerika gekommen? Das eine oder andere
gehörte früher dem Vater, wiederum andere Bände waren Geschenke
gewesen. Der jüdische Hamburger zeichnete selbst schon in jungen Jahren
erstaunliche Bilder, die sogar in Zeitschriften veröffentlicht wurden.
Eifrig folgt der Erzähler den Spuren dieses jungen Künstlers und nähert
sich immer mehr der längst vergangenen Biografie.
Parallel dazu trifft er sich auch mit deutschen Einwanderern, die wegen des
Zweiten Weltkriegs in die Staaten flohen, und spürt ihren Geschichten ebenfalls
nach: Ein jüdisches Geschwisterpaar, das kommunistische Ideen verbreitet,
lange Jahre im Gefängnis verbringt und schließlich im Dritten Reich
um sein Leben fürchten muss.
Schließlich auch die eigene Geschichte des recherchierenden Autors, dessen
Großvater wegen seiner Vergangenheit als Aufseher in einem Lager ebenfalls
im Gefängnis war. Die Auseinandersetzung mit dem Gedanken, der eigene Großvater
sei ein Kriegsverbrecher gewesen, ein Nazi, beschäftigt den namenlosen
Ich-Erzähler, der sich eigentlich mit den Leidensgeschichten der Opfer
befasst.
Immer wiederkehrend die Gegenwart: Das Verpacken der 4.000 Bücher, um sie
per Schiff nach Deutschland zu transportieren. Jacob und der ostdeutsche Bibliomane
werden Freunde, der erstere ein bisschen Lehrer des letzteren, beide im Mittelpunkt
des amerikanischen Alltags. Und beide stehen abwechselnd auf „Jacobs Leiter“,
um auch die Ausgaben aus den obersten Regalen sorgfältig für den Transport
vorzubereiten.
Steffen Mensching verknüpft in seinem Roman die einzelnen Erzählstränge
gekonnt miteinander, sodass ein beeindruckendes Geflecht aus persönlichen
Schicksalen entsteht. Mit kurzen, prägnanten Sätzen skizziert er die
beschriebenen Situationen je nach Erzählstrang so scharf und unmittelbar
wie nur möglich, ohne sie hinter einer Verdichtung von Worten zu verschleiern.
Vor allem durch die heutige Zeitperspektive, die in die Vergangenheit eingeflochten
wird, ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte sehr gelungen
und besonders ansprechend.
„Jacobs Leiter“ ist vielschichtig, anspruchsvoll und einfach hervorragend
erzählt. Ein Meisterwerk!
Autorenportrait:
Steffen Mensching, geboren 1958 in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft an
der Humboldt-Universität Berlin. Seit 1983 freiberuflich als Autor, Schauspieler,
Regisseur. Diverse Clownsabende gemeinsam mit Hans-Eckardt Wenzel; Theaterstücke,
Filmarbeit, Übersetzungen. Er lebt in Berlin.
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