Hugh Johnsons Weingeschichte
Von Dionysos bis Rothschild
(pr).
Der Wein hat im Gegensatz zu anderen Getränken eine besondere Bedeutung.
Er ist Bestandteil der christlichen Lehre und hat deswegen einen sakralen Charakter.
Der Weinkenner Hugh Johnson geht in dem Nachschlagewerk „Hugh Johnsons
Weingeschichte“ der Entwicklung des Weins von seiner Entstehung etwa 7.000
vor Christus bis heute auf den Grund. Das Buch im Bildbandformat beschreibt
dabei in 43 Kapiteln, die chronologisch geordnet sind, sehr sachlich und äußerst
detailliert, wie der Wein sich über die Jahrtausende entfaltet hat.
Hugh Johnson erklärt im Vorwort, dass die Geschichte des Weins naturgemäß
auch eine Geschichte der Menschen sei, da sie ihn schließlich herstellten.
Deshalb beschreibt er die Entwicklung des Weinanbaus zusammen mit wichtigen
historischen Ereignissen. Das erste Kapitel „Die Kraft Sorgen zu bannen
– Erste Erfahrungen des Menschen mit dem Alkohol“ geht davon aus,
dass unsere Urahnen zunächst eher dem Rausch als dem guten Geschmack des
Weins verfallen waren. Dabei war Wein immer Reichen und Privilegierten vorbehalten,
da er stärker ist als gewöhnliches Bier. Neben der Geschichte erklärt
Hugh Johnson auch die Zusammensetzung des Weins. Dieser besteht zu einem großen
Teil aus Äthanol, wie andere alkoholische Getränke auch.
Wein wurde schon immer als Arzneimittel verwendet, und Wasser wurde durch ihn
trinkbar gemacht. Wo und wann der erste Wein entstanden ist, lässt sich
heute nicht mehr genau sagen. Es gibt einige Andeutungen und Mythen, denen der
Autor in „Hugh Johnsons Weingeschichte“ nachgeht. Die wohl ältesten
Kerne von kultivierten Weinreben wurden in Georgien gefunden und stammen aus
dem 7. bis 6. Jahrtausend vor Christus. Auch die Bibel enthält viele Andeutungen
auf Wein: Noah wurde beispielsweise Weinbauer, nachdem seine Arche sicher gelandet
war. Weiterhin gibt es die Legende von Dschemschid, einem persischen König,
der Trauben in Krügen lagerte. Einer davon bekam nach einiger Zeit einen
seltsamen Geruch, so dass man davon ausging, dass die Trauben zu Gift geworden
waren. Eine Haremsdame litt unter starker Migräne und wollte sich mit diesem
vermeintlichen Gift umbringen. Allerdings sorgte das Getränk stattdessen
dafür, dass es ihr besser ging und sie gut schlafen konnte. Heute –
so Hugh Johnson – geht man davon aus, dass die ersten Weinquellen in West-Syrien
lagen.
Auch in der Geschichte Griechenlands spielte Wein eine große Rolle. In
Homers „Odyssee“ besiegt Odysseus den einäugigen Zyklopen Polyphem,
weil dieser zuviel Wein getrunken hatte. Bei den Griechen bekam der Wein sogar
einen eigenen Gott: Dionysos. Dieser wurde bei den Römern zu Bacchus.
Schließlich wurde der Wein im neu aufstrebenden Christentum zu etwas Heiligem,
eben zum Blut Christi. Bereits das erste Wunder, das Jesus in der Bibel vollbringt,
ist mit Wein verbunden. Dort verwandelt Jesus bei einer Hochzeit Wasser in Wein.
Die Eucharistie der christlichen Kirche ist allerdings ein Brauch, der auf heidnische
Traditionen im alten Griechenland zurückgeht. Der Begriff „Eucharistia“
wurde ursprünglich für ein heidnisches Opfer, bei dem man Blut oder
eben stattdessen Wein zu sich nahm, verwendet. Dieser Brauch mischte sich mit
dem des christlichen Abendmahls.
Hugh Johnson beschreibt ebenso das Mittelalter und die Neuzeit ausführlich.
Zurzeit Shakespeares wurden die ersten Aquädukte in Städten errichtet,
so dass man frisches Trinkwasser in die Stadt leiten konnte. Dadurch wurde es
nicht mehr notwendig, Wasser mit Wein zu mischen, um den Durst zu stillen, da
das Wasser nun auch alleine trinkbar war. Zu dieser Zeit entwickelten sich andere
Getränke und Genussmittel als Konkurrenz zum Wein, wie die Spirituosen,
die zunächst nur als Arzneimittel verwendet wurden, und der Tabak, der
aus der neuen Welt kam, sowie Bier und Schokolade. Auch in der französischen
Revolution hatte der Wein eine besondere Bedeutung: Bereits drei Tage vor dem
Sturm auf die Bastille gab es einen Aufruhr wegen zu hoher Zölle auf Wein.
Hugh Johnson liefert mit seinem Buch eine umfassende Geschichte des Weins und
der Menschheit, aus dem Englischen von Wolfgang Kissel und Reinhard Ferstl übersetzt.
Viele große Ereignisse der Weltgeschichte kommen darin vor. Außerdem
beschreibt der Autor fast alle Regionen der Erde, er geht auf das alte Griechenland
genauso ein wie auf die Weinproduktion in Australien und Kalifornien. Dabei
ist das Buch nicht zuletzt durch Informationskästen besonders ausführlich.
In diesen Kästen wird beispielsweise die Geschichte der Amphore, des alten
Weingefäßes der Antike, oder der „Euro-Effekt“,
der dazu führte, dass der Wein in den südlichen Regionen Europas immer
besser wurde, erklärt.
Unzählige Abbildungen, Landkarten und Fotos führen den Betrachter
in die Welt des Weins ein. Zu jeder besprochenen Region der Erde gibt es eine
erklärende geographische Karte. Auf vielen klassischen Gemälden sind
Weinproduktion oder Weintrinker zu sehen. Das Bild „Jesus der Kelter“,
das etwa um 1500 entstand, zeigt einen Jesus, der während seiner Kreuzigung
mit seinen Füßen die Weintrauben zerstampf. Die Menschen um ihn herum
fangen den Saft sowie sein Blut auf. Dieses und andere Bilder des Mittelalters
sollten die Bedeutung des Weins als Blut Christi unterstreichen.
„Hugh Johnsons Weingeschichte“ ist ein überaus informatives
Buch im Bildbandformat, dessen Text durch aussagekräftige Abbildungen aufgelockert
ist. Ein umfangreiches Nachschlagewerk für Weinkenner und -liebhaber!
Autorenportrait:
Hugh Johnson gilt heute weltweit als der führende Weinkenner. Er erwarb
sein Weinwissen zunächst als Mitglied der „Wine and Food Society“
in Cambridge. 1963 wurde er Herausgeber der Zeitschrift „Wine and Food“
und trat damit in die Fußstapfen des legendären André Simon.
Sein unnachahmliches Talent, die kompliziertesten Zusammenhänge verständlich
darzustellen, hat in einer bemerkenswert langen Reihe von Büchern seinen
Niederschlag gefunden. Nach zahlreichen Ehrungen, darunter der begehrte „Literaturpreis
der Akademie von Bordeaux“ (1987), wurde er ihm 1998 die höchste
Auszeichnung der „Gastronomischen Akademie Deutschlands“ (GAD),
der „Carl-Friedrich-Rumohr-Ring“, als Anerkennung für sein
Gesamtwerk verliehen.
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