Fußball WM-Enzyklopädie

1930-2006

Fußball WM-Enzyklopädie(hpe). Manche Werke erschlagen einen richtig. Bei Hardy Grünes „Fußball WM-Enzyklopädie“ verhält es sich etwas anders: Mit dem drei Kilogramm schweren Opus Magnum kann man mühelos jemanden erschlagen. Doch noch viel hilfreicher ist es, wenn man es aufschlägt. Denn mehr kann man von einem Nachschlagewerk nicht verlangen. Wer wissen möchte, wie viele WM-Spiele sein Lieblingsstürmer gemacht hat, wird hier genauso bedient, wie derjenige, den interessiert, wie viele Zuschauer das Eröffnungsspiel der WM in Mexiko 1970 gesehen haben.

Über 600 Seiten mit erschöpfenden Informationen zum wohl wichtigsten Sportereignis der Welt. Das klingt erst einmal nach gar nicht so viel, doch wenn man sieht, dass es sich um ein DIN-A4-Format handelt, wird schnell klar, in welchen Dimensionen hier zu denken ist. Und es ist nicht nur die Menge, die an der „Fußball WM-Enzyklopädie“ fasziniert, es ist auch die Art und Weise der Präsentation.

Nach einer kurzen Aufbereitung der Anfänge des Weltfußballs (unter anderem mit der lückenlosen Auflistung der Olympischen Turniere), eröffnet die WM in Uruguay das Kernstück des Wälzers. Jeweils 20 bis 40 Seiten widmet Hardy Grüne jedem Turnier. Der stets gleich bleibende Aufbau sorgt dafür, dass der Leser nie den Überblick verliert. Und das ist bei der relativ klein gedruckten Schrift schon nicht so einfach. Die jedoch hat auch ihr Gutes, denn ansonsten hätte man das Werk zwar mühelos lesen, aber nicht mehr anheben können.

Zurück zum Aufbau: Zunächst informiert Hardy Grüne über die politischen Entscheidungen. Welcher Austragungsort hat warum den Zuschlag bekommen? Oder: Welche gesellschaftliche Situation hat sich wie auf den Fußball ausgewirkt? Erst dann kommen die Statistik-Freaks auf ihre Kosten. Angefangen bei allen (!) Qualifikationsspielen zelebriert er die Zahlenkolonnen, allerdings nie ohne zumindest kurz in Worten auf die sportliche Entwicklung der einzelnen Qualifikationsgruppen einzugehen.

Dann nähert er sich die „Fußball WM-Enzyklopädie“ der Endrunde. Jedes Stadion wird mit Bild vorgestellt. Zu jedem Spiel ein kleiner Bericht, immer ausführlicher, je weiter das Turnier fortschreitet. Dazwischen bietet das ausführliche „WM-Thema“ (1998 zum Beispiel das Bosman-Urteil) dem Leser Nachhilfe in Sachen Hintergründe. Wie bei jeder WM, kommt auch bei Hardy Grüne das Beste zum Schluss: Das Finale. Mindestens drei Seiten widmet er jedem Endspiel, geht nicht nur auf den Spielverlauf ein, sondern auch auf die gefeierten Hauptdarsteller und tragischen Helden. Jeden einzelnen des Weltmeisterteams stellt er mit Portrait-Foto vor. Die offizielle WM-Elf und die Gesamtstatistik des Turniers sowie ein Fazit machen die Sache rund.

Tja, das war’s, werden jetzt viele denken. Doch ein Ende des Buches ist noch lange nicht abzusehen. Nach einem kurzen Ausblick auf die WM in Deutschland 2006 widmet sich Hardy Grüne allen Ländern, die Mitglieder der FIFA sind, noch einmal gesondert. Die Niederländischen Antillen als fußballerisches Aushängeschild der Karibik und andere Kuriositäten warten dort auf den Leser. Danach noch ein Blick auf alle WM-Teilnehmer –selbst die, die nie ein Spiel gemacht haben, wie „unser“ Weltmeister 1990 Günter Hermann, und man hat es tatsächlich auf die letzten Seiten des Almanachs geschafft.

Bei allen Wünschen, die die „Fußball WM-Enzyklopädie“ erfüllt, ein optischer Hochgenuss ist er nicht. Über 1.000 Fotos klingen nach viel, doch die sind leider alle in Schwarzweiß und oft sehr klein. Eine bewusste Entscheidung, wie der Verlag bemerkt. Kein „bunter Schnickschnack“ soll die Sicht auf das Wesentliche, die Information, verdecken.

Und damit hat der Verlag auch genau die Zielgruppe der „Fußball WM-Enzyklopädie“ beschrieben. Fußball-Fans, denen es nicht reicht, sich nur vage an das Ergebnis legendärer Spiele zu erinnern. Alle, die die magischen Momente noch einmal erleben wollen, sind bei Hardy Grüne richtig!

Autorenportrait:
Hardy Grüne, 1962 geboren in Dortmund, lebt heute in Göttingen, arbeitet als freier Autor und Lektor im Bereich Fußball und erträgt Wochenende für Wochenende das offenbar unendliche Drama um seinen Lieblingsclub „Göttingen 05“. Wurde am Nachmittag des 23. Juni 1974 durch einige niederländische Fans, die Dortmunds Innenstadt in ein einziges Volksfest verwandelten, mit dem Fußball-(Fan-)Fieber infiziert. Begann früh, die Welt zu bereisen, wobei als Ziel stets ein Stadion und/oder ein Fußballspiel ausgewiesen war. Kombinierte seine Fußballleidenschaft anschließend mit dem Inhalt seines Studiums (Geografie, Publizistik) und schrieb zahlreiche Bücher über Fußball und seine Geschichte. Sieht Fußball nicht nur als Sportgeschichte, sondern vor allem als faszinierenden Teil der Gesellschafts- und Kulturgeschichte. War unter anderem beim legendären „Spuck-Spiel“ in Mailand vor Ort. Er ist Autor der „Fußball EM-Enzyklopädie“.

Fußball WM-Enzyklopädie

Hardy Grüne
Fußball WM-Enzyklopädie
1930-2006
Agon Sportverlag, Kassel
ISBN 3-89784-261-0
2. aktualisierte und überarbeitete Auflage, 629 Seiten, mit über 1.000 s/w-Fotos, Hardcover gebunden, Format 21 x 29,7 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 45.- (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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