Friedrich Schiller – Gedichte
Vollständiger Nachdruck der illustrierten Prachtausgabe von 1859 – Mit CD
(sl).
Es gibt Menschen, die schlagen in einem neuen Buch zuerst die erste Seite auf
und dann die letzte – machen Sie das bei „Friedrich Schiller –
Gedichte“ besser auch, denn der Anhang der Prachtausgabe ist brillant.
Dort schreibt Autor Stephan Füssel in sieben Kapiteln über die Schiller-Verehrung
im 19. Jahrhundert sowie die Schiller-Rezeption in Musik und Kunst. Untermalt
werden die kompetenten Aufsätze von zahlreichen farbigen Abbildungen, unter
anderem auch mit einem Foto des Originaleinbandes der Prachtausgabe von 1859.
Ganz hinten in dem rund 2,5 Kilo schweren (!) Buch befindet sich auch eine CD,
unglücklich auf den schönen Vorsatz geklebt und deswegen sehr schlecht
aus der Hülle zu nehmen. Unter der Leitung von Roger Norrington spielt
das „Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR“ Ludwig van Beethoven
„Symphony No. 9 D minor op. 125“ mit der Europa-Hymne nach Schillers
Ode „An die Freude“, gesungen von der Gächinger Kantorei Stuttgart.
Eine Stunde Hörgenuss ist mit der CD garantiert.
Friedrich Schiller selbst hatte sich einst eine Prachtausgabe seiner Gedichte
gewünscht – und die Veröffentlichung doch nicht mehr erleben
können. Erst postum, anlässlich Schillers 100. Geburtstag, erschien
1859 die Prachtausgabe „Schillers Gedichte“. Als „Jubiläumsausgabe
mit Photographieen nach Zeichnungen von Böcklen, Kirchner, C. Piloty, F.
Piloty, Ramberg, Schwind etc. etc. und Holzschnitten nach Zeichnungen von Julius
Schnorr in Stuttgart“ veröffentlicht, – Schiller selbst
hatte zwei der Illustratoren vorgeschlagen – war das damalige Werk „Seiner
Königlichen Hoheit dem durchlauchtigsten Großherzog Karl Alexander
Grossherzog von Sachsen etc. etc. etc. untertänigst gewidmet“.
Stephan Füssel schreibt in seinem Kapitel „Das Publikum wünscht
Prachtausgaben …“ von der spannenden Entstehungsgeschichte der Erstausgabe
1859, die erst mit 50-jähriger Verspätung erschien, weil sich die
Vertragspartner und Erben Schillers nicht einigen konnten.
1859 galt „Friedrich Schiller – Gedichte“, eines der ersten
sogenannten „Coffetable Books“, als ein Meisterwerk der Buchdruckerkunst,
für das damals zum ersten Mal die Fotografie für die Reproduktion
der Gemälde und Zeichnungen genutzt wurde. Friedrich Schillers Gedichte
sind in die drei gängigen Schaffensperioden eingeteilt. Texte und die herrlichen
Abbildungen bilden eine gelungene Einheit. Im dem neuen anlässlich des
200. Todestages von Friedrich Schiller veröffentlichten vollständigen
„Nachdruck der illustrierten Prachtausgabe von 1859“ wurde natürlich
die Schrift in Altdeutsch belassen – eine wunderschöne Schrift, die
jedoch heute leider nicht mehr jeder lesen kann.
Doch ob sich Friedrich Schiller auch die jetzige Prachtausgabe gewünscht
hätte? „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ schrieb Friedrich
Hebbel einst – das scheint auch auf diese Ausgabe zu zutreffen. Der Einband
sieht edel aus, mit seinem schwarzen Samt und den goldenen Buchstaben, doch
nach dem Aufklappen folgt schnell die Ernüchterung: Wer einmal ein echtes
altes Buch aus dem vorletzten Jahrhundert in der Hand gehalten hat, den wird
bei der Ausgabe „Friedrich Schiller – Gedichte“ ein befremdendes
Gefühl beschleichen. Die Seiten wurden für den Nachdruck abgescannt
und dabei auch die für alte Bücher typischen „Altersflecken“
übernommen – jedoch stimmt die Farbe der Seiten ebenso wenig, wie
das Papier: Zu dünn und zu glatt fühlt es sich an, die Farbe ist zu
grau, nicht in dem typischen Dunkelweiß bis Gelbtönen, in denen sich
alte Buchseiten sonst verfärbt haben. Zudem riecht es einfach nicht „alt“,
was man ebenfalls ein wenig vermisst. Und außerdem wurde – vermutlich
aus Kostengründen – auf den Goldschnitt verzichtet. Interessanterweise
ist im Anhang ein Farbfoto der Originalausgabe von 1859 zu sehen: Der Einband
besticht durch ein „vergoldetes Bronzerelief auf schwarzem Samt und
Metallbeschläge auf Chargin-Leder“ – und sorgt dafür,
dass dieser Nachdruck der Prachtausgabe erstrecht einfach nur wie eine billige
Kopie wirkt.
Ein wunderbarer Inhalt in einer schlechten Verpackung – wer solche Bücher
liebt, hätte sicher auch mehr Geld ausgegeben und dafür dann eine
Ausgabe ohne schalen Nachgeschmack in den Händen halten können. Man
hätte also weder am Papier, das so wichtig ist, um einen authentischen
Eindruck zu vermitteln, noch an Druckqualität sparen müssen. Im Jahr
2005 ist es längst möglich, Bücher wie „echt alt“
aussehen zu lassen. Möge der Taschen Verlag das also spätestens zum
250. Todestag von Friedrich Schiller im Jahr 2055 berücksichtigen und uns
dann eine Ausgabe von „Friedrich Schiller – Gedichte“ bescheren,
an der einfach alles stimmt.
Autorenportrait:
Friedrich Schiller (seit 1802 von Schiller) wurde am 10. November 1759 in Marbach
am Neckar geboren. Er studierte Jura, dann Medizin und wurde 1780 Regimentsmedikus
in Stuttgart. Doch fühlte er sich mehr zum Schriftsteller berufen, begann
Dramen und Gedichte zu schreiben und hatte mit der Uraufführung der „Räuber“
großen Erfolg. Das herzogliche Verbot jeglicher poetischer Tätigkeit
veranlasste ihn zur Flucht aus Stuttgart. Er wurde Professor in Jena, begann
einen intensiven Ideenaustausch mit Goethe und prägte mit ihm ab 1799 das
„klassische Weimar“. Mit seinen Werken gilt er – neben und
mit seinem späteren Freund Johann Wolfgang von Goethe – als bedeutendster
Dichter des „Sturm und Drang“ und der „Weimarer Klassik“.
Friedrich von Schiller starb am 9. Mai 1805 in Weimar.
Prof. Dr. Stephan Füssel ist Direktor des Instituts für Buchwissenschaft
der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und seit 1992 Inhaber des Gutenberg-Lehrstuhls.
Er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Schillergesellschaft, Präsidiumsmitglied
der internationalen Gutenberg-Gesellschaft sowie Herausgeber des Gutenberg-Jahrbuchs
und der Mainzer Studien zur Buchwissenschaft. Zahlreiche Publikationen zum Frühdruck,
zum Buchhandel und Verlagswesen des 18.-20. Jahrhunderts und zur Zukunft der
Kommunikationsentwicklung sind von ihm erschienen.
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