Franz Beckenbauer

Der freie Mann

Franz Beckenbauer(flk). 1919 soll es passiert sein, als wütende Matrosen und Arbeiter den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., aus Amt und Würden jagten. So zumindest steht es in den Geschichtsbüchern, aber jedermann weiß ja, dass Papier geduldig ist. Diesem Umstand ist es wohl auch zu verdanken, dass die Historiker allem Anschein nach einem Irrtum aufgesessen sind, den zu korrigieren sie sich scheinbar aber noch sträuben. Denn Deutschland hat wieder einen Kaiser, seit 1945 genauer gesagt, dem Jahr, in dem Franz Beckenbauer in München geboren wird. Dieser ist zwar kein Spross aus dem Hause Hohenzollern, wird aber gleichwohl in den kommenden Jahren so Großes vollbringen, dass er heute im Ausland als einer der bekanntesten Deutschen gilt.

Wie es dazu kommen konnte? Gemach, gemach. Zuerst sah es nämlich alles gar nicht so gut aus, wie Autor Torsten Körner in seiner Biographie „Franz Beckenbauer“ anschaulich schildert. Der kleine „Franzl“ wächst nämlich in einer Zeit auf, in der die junge Republik zunächst damit beschäftigt ist, die allgegenwärtigen Spuren des Krieges zu beseitigen – für Fußball ist da wenig Platz, schon gar nicht im Hause Beckenbauer. Der Vater, ein biederer und stets korrekter Postler, sieht die wachsende Begeisterung seines Sohnes denn auch mit Argwohn, denn Fußball, so heißt es damals, taugt doch nicht als anständiger Beruf.

Man hört es in solchen Zeilen schon heraus: Es war noch eine andere Zeit, eine, in der Spielergehälter eher die Tausend, denn die Millionen tangierten, in denen Begriffe wie „Talentscouting“ oder „Fernsehvermarktung“ wie die kruden Weissagungen eines Nostradamus geklungen haben müssen. Und es war vor allem die Zeit, in der die Spieler des „FC. Bayern München“ auch noch tatsächlich aus der Landeshauptstadt kamen, ja oftmals sogar das Heimatviertel über die spätere Vereinszugehörigkeit entschied. In diese Zeit wird der kleine Franz hineingeboren, lernt sich aber schnell zu behaupten, beim Kicken auf der Straße wie auch in diversen Jugendmannschaften der Bayern und Landesauswahlen.

Torsten Körner gelingt es in der Biographie „Franz Beckenbauer“ mit geradezu spielerischer Leichtigkeit, die Jugendzeit des späteren Kaisers wieder aufleben zu lassen. Mit viel Detailwissen – Franz Beckenbauer hat angeblich, falls ihm dieser Satz nicht seitens des Verlags „untergeschoben“ wurde, selbst gesagt: „Torsten Körner weiß fast mehr über mein Leben als ich.“ – nimmt er den Leser mit auf diese Reise in die Vergangenheit. Gemeinsam begleitet man Franz Beckenbauer bei seinen ersten Einsätzen in der Bundesliga, bei der Berufung zur Nationalelf und wie er bei zahlreichen internationalen Begegnungen den Adler auf der Brust trägt. Denn es waren eben vor allem die packenden Welt- und Europameisterschaften in den 1960er und 70er Jahren, die aus dem Franz erst wirklich den „Kaiser“ werden ließen. Der Höhepunkt sicherlich hierbei der Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, 1974, mit der, wie viele sagen, besten Elf, die je für Deutschland spielte. Aber auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere zog sich Franz Beckenbauer nicht wie andere Kollegen aufs Altenteil zurück, sondern errang weitere Triumphe als Trainer der WM-Helden von 1990 und als Cheforganisator der WM-Bewerbung 2006 in Deutschland.

Torsten Körners ambitionierte Biographie „Franz Beckenbauer“ ist eine Hommage an einen Helden, die diesen jedoch zu keinem Zeitpunkt verklärt oder die Schattenseiten in seinem Leben unter den Teppich kehrt. Die amourösen Abenteuer des Fußballers werden ebenso thematisiert wie auch seine Beziehung zu den Medien und hier insbesondere zur Boulevardpresse. Zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen, Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen geben zudem Einblicke in die Welt des Franz Beckenbauers, Einblicke, die sich den omnipräsenten Kameras des Fernsehens eben so nicht bieten. Der Leser erfährt so viel über Franz Beckenbauers Beziehung zu seiner Familie, über die Unterstützung, die er von dort erfuhr, aber auch über die Umstände, die ihn 1977 zum Wechsel in die USA veranlassten. Torsten Körner gelingt es hier in weiten Passagen selbst kleinste Details aus der Fußballwelt und dem Privatleben von Franz Beckenbauer in den Kontext einzuflechten, ohne dabei jedoch zu langweilen oder allzu belehrend zu wirken. Zahlreiche Anekdoten und Fotos aus dieser großartigen Karriere runden das Werk gelungen ab.

Die Biographie „Franz Beckenbauer“ ist ein Griff hinein ins pralle Menschenleben eines der größten Fußballtalente, die Deutschland je hervorgebracht hat. Nicht nur für Kaiserfreunde unbedingt zu empfehlen!

Autorenportrait:
Torsten Körner, geboren 1965, lebt als freier Autor in Berlin. In seiner Jugend war er Fußballer beim STV Barßel und beim BV Cloppenburg.

Franz Beckenbauer

Torsten Körner
Franz Beckenbauer
Der freie Mann
Scherz Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-502-18391-0
1. Auflage 2005, 382 Seiten, mit zahlreichen teils farbigen Fotos, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.
Unverbindliche Preisangabe: € 19,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 34,90

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