Eine amerikanische Familie
Literarisch hochprozentige, ironiebeladene Realität im alltäglichen US-Wahnsinn
(bhs).
Das erste, woran der Leser denkt, ist Kafka: „Irgend etwas kann mit
der Prozdac-Dosierung für Chris Schwartz’ Vater nicht gestimmt haben,
denn als er eines schönen Morgens erwachte, stellte er fest, dass seine
rechte Gesichtshälfte taub geworden war.“ – Hier ist es
nicht der Käfer, in den sich der Handelsreisende verwandelt sieht. Und
doch ist der Beginn dieses Romans bereits mit diesem Einstieg so erstaunlich
und bestechend, dass der Leser von „Eine amerikanische Familie“
schon hier bereit ist, das Buch nicht mehr aus der Hand zu legen. Das vollends
Überzeugende: Der kafkaeske Schreibstil von Autor Matthew Sharpe endet
auch nicht nach dem gelungenen Einstieg. Das Buch „Eine amerikanische
Familie“, aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull übersetzt,
wird von US-Kritikern nicht umsonst damit umschrieben, dass es das heutige Amerika
ins Mark trifft.
Schauplatz ist Bellwether, ein typischer Mittelklasse-Vorort an der Ostküste
der USA. Dort lebt die Familie Schwartz, intelligent, exzentrisch, unglücklich.
Vater Bernie, ein ehemaliger Publizist, leidet unter Depressionen, seit ihn
seine Frau Lila verlassen hat. Bernhard Schwartz hat zwei heranwachsende Kinder,
eine geschiedene Frau und erleidet kurz nach Beginn des Werkes einen Schlaganfall,
vermutlich aufgrund der falschen Dosierung eines Antidepressivums. Die geschiedene
Mutter von Cathy und Chris lebt als Juristin in Kalifornien und fängt ein
Verhältnis mit dem Vater der Ärztin ihres geschiedenen Mannes an.
Chris, desorientierter, pubertierender Sohn, interessiert sich für eben
diese frustrierte Ärztin. Cathy flüchtet sich in die Religion, erlebt
dann ihre erste große Liebe. Der Auserwählte ist der farbige Freund
von Chris, sie wird schwanger und heiratet, will sich später umbringen
und wird ausgerechnet vom Liebhaber seiner Mutter aus dem Pazifik gefischt.
Derweil liegt der Vater hilflos im Koma, während seine Kinder ihren Platz
in einer Gesellschaft suchen, der ihnen keinen zugesteht.
Zunächst ist „Eine amerikanische Familie“ eine vermeintlich
normale Familiengeschichte. Faszinierend jedoch ist die Unfähigkeit der
Handelnden miteinander umzugehen. Oberflächlichkeiten, mangelndes Vertrauen,
das Verstecken der eigenen Gefühle und Denkweisen wirken beschwerend. So
zeichnet Matthew Sharpe Zeitgemälde, welche ein Stück weit erschüttern.
Andeutungen sucht man vergebens, Interpretationen wie bei Kafka sind trotz ähnlichen
Stils nicht nötig: Nichts wird kaschiert, überspielt, eine andere
Unterdrückung, eine Umgangs- und Beziehungsunfähigkeit der besonderen
Art kommen hier zur Tage. Coolness steht über allem. Totgeschwiegene Probleme
werden in „Eine amerikanische Familie“ dargestellt, ohne den Zeigefinger
zu erheben.
Mit kräftiger Ironie bis hin zum bissigsten Sarkasmus, gar Zynismus beschreibt
Matthew Sharpe quälende und manchmal selbstzerstörerische Gedanken,
zeichnet ein Abbild des „ganz normalen Wahnsinns“, der im heutigen
Amerika existent ist, und das ohne direkt zu kritisieren, nein – sogar
mit einer gehörigen Portion trockenen Humors, Ironie und Sensibilität.
Konsequent verpackt der Autor in die manchmal verworrenen und verwirrenden,
aber immer vollendeten Satzgebilde die Hilflosigkeit und Verzweiflung über
das scheinbar stagnierende und ausweglose Leben, die Sinnsuche, die teils in
Religion, teils in Sex – oder auch Scotch gesucht wird, um der gesellschaftlichen
Kälte, der Massenindividualität zu entgehen. Konsumrausch und der
Drang nach schneller Bedürfnisbefriedigung kommen genauso wenig zu kurz,
wie die gesamtheitliche Trostlosigkeit inmitten der Verluste an Obrigkeitsvertrauen.
„Eine amerikanische Familie“ ist ein inhaltlich wie sprachlich brillantes
Werk, welches literarisch aus der Masse von Büchern deutlich hervorzustechen
vermag: Ein Familiendrama, welches Gesellschaftssatire ist; ein trauriges Buch,
welches zum Lachen bringt!
Autorenportrait:
Matthew Sharpe lehrt Kreatives Schreiben an der Columbia University, am Bard
College und an New Yorker Schulen. Mit „Eine amerikanische Familie“
erscheint erstmals eines seiner Bücher auf deutsch. Der Roman wird in zahlreichen
Ländern erscheinen, die Filmrechte sind bereits an Time Warner verkauft.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg