Die Schatzsucher von Venedig
Erstausgabe aus dem Nachlaß von Ruth Landshoff-Yorck
(asp).
Ihr Name ist fast vergessen. Ruth Landshoff-Yorck, Autorin dreier kecker Großstadtromane,
aparte Tochter einer Opernsängerin, Nichte des Verlegers Samuel Fischer
und junge Wilde der Berliner 1920er Jahre, verließ als Jüdin nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Deutschland, floh zunächst
nach Paris, später in die USA. Sie gehörte zur Jeunesse dorée
der Weimarer Republik, war eng befreundet mit Klaus und Erika Mann, spielte
in Murnaus „Nosferatu“ mit und stand neben Marlene Dietrich auf
der Bühne. Ihre Generation beschrieb die Journalistin Ruth Landshoff-Yorck
1928 in „Die Dame“: „Wir – das sind die jungen Leute,
die außer Atem sein müssen, ehe sie zum Lesen kommen von Sonne, Luft,
Bewegung und Freude am Leben.“ Nur fünf Jahre später verdrängten
Terror und Gewalt des nationalsozialistischen Regimes Lebensfreude und Freiheit.
Unliebsame Kulturschaffende wurden verfolgt und verfemt, viele von ihnen flohen
in die Emigration. Mit ihnen verschwanden auch ihre Werke, die als so bedrohlich,
so mächtig galten, dass man sie auslöschte und vernichtete.
Eines dieser unzähligen Opfer war Ruth Landshoff-Yorcks dritter Roman „Die
Schatzsucher von Venedig“. 1932 lag er zur Veröffentlichung bereit,
doch seine Autorin sah weder etwas von dem auf 40.000 Reichsmark veranschlagten
Honorar, noch irgendetwas Gedrucktes. Erst 73 Jahre später liegt „Die
Schatzsucher von Venedig“ als Erstausgabe vor. Walter Fähnders, Herausgeber
des Romans und Professor der Germanistik, konnte aus dem Nachlass der 1966 in
New York verstorbenen Autorin einen 69-seitgen Typoskript-Durchschlag mit handschriftlichen
Korrekturen retten und den Roman gemeinsam mit dem Berliner Aviva-Verlag vor
dem Vergessen bewahren. Dass sich Umfeld und Geschmack seit 1932 verändert
haben und mondäne Frauenromane im Stil der damals so berühmten Vicki
Baum längst nicht mehr in Mode sind, gereicht diesem Unterhaltungsroman
nicht zum Nachteil. Er lädt ein zu einer kurzweiligen Zeitreise, mitten
hinein ins quirlige, offene, faszinierend-moderne Stadtleben Europas kurz vor
der Katastrophe.
Geschildert wird nur eine einzige Nacht im Venedig der späten 1920er Jahre.
Das amerikanische Geschwisterpaar, Madelin und Jack Zimmermann, Millionenerben
auf Europareise, trifft in einem venezianischen Palazzo auf eine illustre Abendgesellschaft.
Madelin, „nicht in der Lage Angst als Kitzel und Geheimnis als Reiz
zu empfinden, weil nämlich sie weder Angst noch Geheimnis zu empfinden
überhaupt fähig war“, avanciert mit ihrer hübschen
Erscheinung schnell zum Liebling der männlichen Gäste. Ihr Bruder
Jack, den leiblichen Genüssen mit Freuden zugetan, verbringt, fast bis
zur Besinnungslosigkeit betrunken, die erste Hälfte des Abends in den Armen
einer extravaganten, italienischen Witwe. Während sich reiche wie verarmte
Aristokratinnen, abgedankte Könige, südamerikanische Revolutionäre,
deutsche Doktoren und gefeierte Theaterregisseure im Vergnügen tummeln,
findet die bei aller Mondänität doch unschuldig-naive Madelin eine
wertvolle Brosche an ihrem Kleid. Bedenkenlos gibt das an Reichtum gewöhnte
Mädchen sie einem Gondoliere. Erst als eine Gruppe neureicher Venedig-Gäste
auf der Suche nach der Brosche den Palazzo stürmen, wird sich Madelin ihrer
Unbedarftheit bewusst und macht sich in den nächtlichen Gassen der Lagunenstadt
auf Schatzsuche… .
Ruth Landshoff-Yorck erzählt die Geschichte dieser venezianischen Nacht
mit sprachlicher Leichtigkeit und in rasantem Tempo. Sie selbst liebte die Geschwindigkeit
– „mit Bubikopf am Steuer schneller Autos oder auf dem Motorrad,
androgyn ge- oder verkleidet, sich zudem demonstrativ mit den Attributen Schreibmaschine
und Hund umgebend“, wie sie Walter Fähndrich im fundierten Nachwort
des Romans beschreibt. Als Italienliebhaberin kannte sie die Lagunenstadt, ihre
lebendigen Beschreibungen Venedigs werden von zeitgenössischen Fotografien
illustriert.
„Die Schatzsucher von Venedig“ lebt von seinem neugierigen, frechen
Ton, der die eine oder andere ungelenke Formulierung zum Stil werden lässt.
Die leicht abstruse Gesellschaft, ihre Macken und Leidenschaften festzuhalten,
gelingt Ruth Landshoff-Yorck mit Leichtigkeit und einem guten Schuss Ironie.
„In diesem Moment trottete ein bemerkenswerter Hund durch den Saal.
Er fiel niemandem auf und auch Madelin sah erst, was mit ihm besonderes war,
als sie ein törichtes Benehmen bemerkte. Der Hund blickte nämlich
beim Gehen unablässig auf seine Pfoten. (…) Die Pfoten dieses Hundes
waren bis ziemlich hoch hinauf rot. Sonst war das Vieh ordentlich weiß
und lockig.“ – Hunde mit roten Pfoten, Stromausfall, finstere
Gestalten, geheimnisvolle Radiostimmen – Ruth Landshoff-Yorck legt Fährten,
um sie später in einer kurzen Pointe aufzulösen. Es stehen keine geheimnisvollen
Verstrickungen im Mittelpunkt, stattdessen sind es der Ton und die Lebendigkeit
der Beschreibungen, die den besonderen Reiz des Romans ausmachen.
Schnoddrig, frech, lebendig: „Die Schatzsucher von Venedig“, ein
Relikt der modernen, zukunftsfrohen jungen Generation der ausgehenden 1920er
Jahre, ist ein amüsanter Unterhaltungsroman, gezeichnet vom Glauben an
das Glück, dem erst sein Schicksal eine ungewollte Tragik verleiht!
Autorenportrait:
Ruth Landshoff-Yorck, 1904 in Berlin geboren, entstammte dem jüdischen
Bürgertum, war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer und zählte
zur Berliner Boheme. Als Italienliebhaberin hielt sie sich oft in Venedig auf.
Sie schrieb einige Venedig-Feuilletons und andere Artikel über Autos, Mode
und die moderne Frau für Zeitschriften wie „Tempo“ oder „Die
Dame“. 1930 erschien ihr erster Roman „Die Vielen und der Eine“.
Gerade als sie in der literarischen Szene Fuß gefasst hat, wurde ihre
Karriere abrupt beendet. Hitlers Machtergreifung verhinderte das Erscheinen
der beiden nächsten Bücher. 1937 emigrierte Ruth Landshoff-Yorck in
die USA und lebte bis zu ihrem Tod 1966 als Theaterautorin, Publizistin und
Übersetzerin in New York.
Herausgeberportrait:
Walter Fähnders, geboren 1944, apl. Professor für Neuere Germanistik
an der Universität Osnabrück. Zahlreiche Editionen und Monographien
zur Literatur des 20. Jahrhunderts.
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